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The Last Viking - Therapie für Wikinger

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 2 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit
"The Last Viking - Therapie für Wikinger": Schwarzhumorige Komödie um Trauma und Identität
"The Last Viking - Therapie für Wikinger": Schwarzhumorige Komödie um Trauma und Identität

Anders Thomas Jensen feiert in seinem heftigen Mix aus schwarzem Humor und brutaler Gewalt Außenseitertum und Individualität und erzählt auch berührend von familiärem Trauma: Skurrile Figuren, Einfallsreichtum und die abrupten Wechsel der Tonlage sorgen für eine Achterbahnfahrt zwischen Lachen und Entsetzen.


60 Drehbücher hat der 1972 geborene Däne Anders Thomas Jensen bislang geschrieben, darunter die für Susanne Biers Dramen "Nach der Hochzeit" (2006) und "In einer besseren Welt" (2010) oder für das Historiendrama "King´s Land" (2023). Seine sechs langen eigenen Regiearbeiten von "Blinkende Lichter" (2003) über "Adams Äpfel" (2005) bis zu "Helden der Wahrscheinlichkeit – Riders of Justice" (2020) bestimmt dagegen eine Lust an schwarzem Humor, der oft mit Gewalt verknüpft wird.


Diese Linie setzt er auch in "The Last Viking – Therapie für Wikinger" fort, in dem – wie in "Helden der Wahrscheinlichkeit" – eine Gruppe skurriler, psychisch angeschlagener Figuren im Zentrum steht. Auf diese blickt man mit den Augen des "normalen" Bankräubers Anker (Nikolaj Lie Kaas).


Schon der wunderbare animierte Vorspann, in dem eine Wikingergeschichte erzählt wird, in der mit drastischen Mitteln Gleichheit zwischen einem Außenseiter und seinem Stamm hergestellt wird, stimmt auf das Thema Ausgrenzung und Identität ein. Ein ganz spezieller Typ ist nämlich Ankers Bruder Manfred (Mads Mikkelsen), der nicht nur mit seiner Dauerwelle und seiner seltsamen Brille auffällt, sondern seit seiner Kindheit auch an einer dissoziativen Identitätsstörung leidet. So will er auch nicht mehr Manfred, sondern nach John Lennon John genannt werden.


Nach einem Bankraub hat Anker kurz vor seiner Verhaftung Manfred / John noch beauftragt, die Beute im Wald beim Elternhaus zu verstecken. Als Anker nach 15 Jahren Haft auf Bewährung entlassen wird, soll sein Bruder ihn zum Versteck führen, doch dieser behauptet es nicht zu kennen, denn als John Lennon habe er ja nichts damit zu tun.


Will Anker den Identitätswechsel seines Bruders zunächst nicht akzeptieren, muss er doch nachgeben, weil Manfred / John aus dem fahrenden Auto oder dem Fenster der Wohnung springt, wenn er nicht als Manfred und nicht als John angeredet wird. Angesichts dieses suizidalen Verhaltens bleibt eine Einweisung in die Psychiatrie nicht aus. Dort schlägt ein eigenwilliger Arzt (Lars Brygmann) Anker aber vor, zwecks Therapie in anderen psychiatrischen Anstalten weitere Menschen einzusammeln, die sich für die anderen Mitglieder der Beatles halten und mit ihnen eine Band zu bilden.


Bald landet so diese schräge Truppe beim inzwischen verkauften Elternhaus der Brüder. Die neuen Besitzer erweisen sich aber als kaum weniger skurril wie die Psychiatrie-Patienten, von denen sich einer nicht nur für George Harrison, sondern bald auch für Heinrich Himmler oder für Björn von ABBA hält und deshalb auch lieber Songs von ABBA als von den Beatles spielt.


Nicht genug damit meldet sich bald auch noch Ankers brutaler einstiger Komplize (Nicolas Bro), der Anspruch auf das Geld erhebt und zunächst der Schwester des Brüderpaars und dann auch den Brüdern heftig zusetzt.


Was aber als drastische schwarze Komödie beginnt, in der brutale Gewalt vor allem gegenüber Frauen ausgeübt und drastisch in Großaufnahmen ins Bild gerückt wird, wird andererseits mit unscharfen Rückblenden in die Kindheit von Anker und Manfred / John zu einem berührenden Drama über den Terror eines gewalttätigen, alkoholsüchtigen Vaters und lebenslange Traumatisierung.


Durchgängigen Drive kann "The Last Viking – Therapie für Wikinger" durch die permanenten Stimmungswechsel nicht entwickeln, sorgt das Pendeln zwischen lauten und leisen Szenen und zwischen Lachen und Entsetzen doch für eine gewisse Distanz. Aber die zahlreichen Ticks der skurrilen Figuren, irrwitzige Wendungen und der trockene Erzählton sorgen doch dafür, dass das Interesse nie nachlässt.


Wesentlich zum Gelingen dieser Groteske trägt auch das lustvoll aufspielende Ensemble bei. Herrlich kann hier Mads Mikkelsen mit Manfred / John einmal einen Gegenpol zu seinen oft wortkargen Helden-, Verbrecher- oder Dramenfiguren vom Bond-Bösewicht in "Casino Royale" über den sturen Ex-Soldaten in "King´s Land" bis zum Lehrer in "Der Rausch" spielen und wunderbar trocken agiert Nikolaj Lie Kaas als Anker. Sofie Gråbøl und Søren Malling brillieren als Hauseigentümerpaar, dessen Leben von Enttäuschungen geprägt ist, ebenso wie Lars Brygmann als Psychiater mit sehr seltsamen Methoden und Nicolas Bro als schon durch seinen mächtigen Körper furchteinflößender und ultrabrutaler Ex-Komplize Ankers.


Schlüssig führt Jensen aber auch gegen Ende die Fäden zusammen, bringt nicht nur immer mehr Licht in Ankers und Manfreds / Johns Kindheit und löst auch auf, wieso Manfred sich mit John Lennon identifiziert, sondern nimmt im Epilog auch wieder den animierten Vorspann auf.


Trotz aller Gewalt und schwarzem Humor ist "Th Last Viking" so im Kern ein sehr menschlicher und warmherziger Film, der bewegend Traumatisierung, Schuldgefühle und Verdrängung thematisiert. Vor allem plädiert Jensen aber für Individualität und das Recht jedes Einzelnen, die Identität anzunehmen, die er will - vom Wikinger bis zu John Lennon – und erteilt elterlichen und gesellschaftlichen Reglementierungs- und Anpassungsversuchen eine entschiedene Absage.  



Therapie für Wikinger - The Last Viking

Dänemark / Schweden 2025

Regie: Anders Thomas Jensen

mit: Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas, Kardo Razzazi, Sofie Gråbøl, Nicolas Bro, Søren Malling

Länge: 116 min.



Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan.



Trailer zu "Therapie für Wikinger - The Last Viking"


 

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