• Walter Gasperi

Drunk - Der Rausch


Sollte man nicht permanent 0,5 Promille Blutalkohol haben? Würde die daraus resultierende Lockerheit die persönlichen Beziehungen und die beruflichen Leistungen nicht verbessern? – Vier dänische Lehrer wollen dies in Thomas Vinterbergs mit Oscar und Europäischem Filmpreis ausgezeichneter Tragikomödie erproben und erleben eine Achterbahnfahrt zwischen Euphorie und Katerstimmung.


Ausgelassen feiern die Gymnasiast*innen an einem See. Auch ein Trinkspiel darf dabei nicht fehlen und bei der Rückfahrt in die Stadt, benimmt man sich in der Bahn so daneben, dass die Direktorin den Alkoholismus zum Konferenzthema macht.


Die Unbekümmertheit und Lebensfreude ihrer Schüler*innen haben der gut 50-jährige Geschichtelehrer Martin (Mads Mikkelsen) und die drei mit ihm befreundete Kollegen längst verloren. Einst war er ein leidenschaftlicher Jazz-Ballett-Tänzer und hatte eine Karriere an der Uni vor Augen, aber jetzt unterrichtet er so so lustlos und langweilig, dass die Eltern um ein Gespräch mit ihm bitten, brauchen ihre Kinder doch gute Noten bei der Matura, um an einer Uni aufgenommen zu werden. Aber auch Martins Ehe zu Anika ist erkaltet. Kaum mehr kommuniziert er mit seiner Frau, die er zudem wegen ihrer häufigen Nachtdienste nur selten sieht.


Während seine drei Freunde bei der Geburtstagsfeier von Nikolaj Champagner, edlen Wodka und Rotwein genießen, bleibt Martin als Autofahrer zuerst nüchtern. Mit warmen Brauntönen, edlem Lokal und den vom Kellner präsentierten Getränken weckt Vinterberg auch beim Publikum die Lust auf einen edlen Tropfen und bald kann auch Martin nicht mehr widerstehen. In der heiteren Runde bringt Nikolaj die Theorie des norwegischen Psychologen Finn Skårderud, der die Meinung vertritt, dass der Mensch mit einem halben Promille Blutalkohol zu wenig geboren sei, ins Spiel. Schnell ist der Entschluss gefasst, dies konkret im Selbstversuch zu testen: Ein konstanter Alkoholpegel von 0,5 Promille soll angepeilt werden, getrunken werden soll aber nur vor 20 Uhr.


Zwar hat Martin nun im Unterricht zunächst ein paar sprachliche Probleme, aber ansonsten ist er jetzt wieder mit einer Leidenschaft und einem Einfallsreichtum bei der Sache, dass er die lethargischen Schüler*innen mitreißt. Auch auf beste Gesellschaft kann das Quartett sich mit dem britischen Premierminister Winston Churchill und dem Schriftsteller Ernest Hemingway beim Alkoholkonsum berufen.


Auch in die Ehe scheint bei einem Kanu-Ausflug Schwung zu kommen. Bei den 0,5 Promille bleibt es freilich nicht, sondern bald beschließt man den Pegel zu erhöhen, was freilich nicht nur zu noch mehr Euphorie und Ausgelassenheit, sondern bald auch zu bitteren Abstürzen führt.


Kein Trinkerdrama im Stil von Billy Wilders "Das verlorene Wochenende - Lost Weekend" oder Blake Edwards "Days of Wine and Roses" hat der Dogma-Mitbegründer ("Das Fest", 1998), der den Film seiner während der Dreharbeiten bei einem Autounfall verstorbenen Tochter Ida gewidmet hat, gedreht, sondern bleibt konsequent offen seinem Thema gegenüber. Vinterberg bezieht keine Position, moralisiert nicht, sondern feiert die Lebensfreude und Entspannung, die Alkohol auslösen kann, spart aber auch die negativen Auswirkungen nicht aus. Nicht um die legale Droge an sich geht es dabei im Kern, sondern vielmehr um die Frage, ob dies denn die einzig Möglichkeit ist, maximale Lebensfreude zu finden und sich zu erhalten.


Auf eine klassische Dramaturgie mit Plotpoints verzichtet Vinterberg dabei weitgehend, bleibt vielmehr ganz im Alltäglichen. Den Realismus verstärken dabei auch Kamera und Schnitt, die sich in Dogma-Manier ganz der Handlung und den Figuren unterordnen. Kaum etwas erfährt man über die Biographie und das Umfeld von Martin und seinen Freunden, der Fokus liegt ganz auf dem Experiment. Mit Inserts zu neuen Stufen dieses Versuchs und angestrebten Ergebnissen wird dabei der Testcharakter immer wieder unterstrichen.


Andererseits verweist einer Montagesequenz mit Fotos trinkender oder angetrunkener Politiker von Angela Merkel über Boris Johnson bis Boris Jelzin, Bill Clinton und Leonid Breschnew nicht nur auf die starke Präsenz von Alkohol in der westlichen Gesellschaft, sondern Vinterberg vermittelt in diesen Bildern auch ein ungewohnt lockeres und gelöstes Bild dieser Prominenten. Provokant und bewusst zwiespältig bleibt "Drunk – Der Rausch" in dieser Schilderung der positiven Auswirkungen von Alkohol und geht noch weiter, wenn er einen der Lehrer einem vor der Abschlussprüfung nervösen Schüler Schnaps zur Entspannung geben lässt. Am Rande erzählt Vinterberg so auch von Leistungsdruck, den man mit Alkohol zu bewältigen versucht.


Ambivalent bleibt diese Tragikomödie, die leichthändig und bruchlos zwischen Momenten der Euphorie, die auch über die Musik intensiv beschworen wird, und Katerstimmung pendelt bis zum Finale. Denn mag die Trinklust davor auch zu Abstürzen, heftigen Konflikten und peinlichen Momenten geführt haben und mag einer auch die Kontrolle über den Alkohol völlig verloren haben, so wird bei der Abschlussfeier der Schüler*innen, doch nochmals mitreißend die Lebensfreude beschworen, wenn der groß aufspielende Mads Mikkelsen entfesselt tanzt und die Champagner-Dusche genießt.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen, im Skino in Schaan und im Kinotheater Madlen in Heerbrugg (Deutsche Fassung, Mo, 10.5. O.m.U.)

Trailer zu "Drunk - Der Rausch"