• Walter Gasperi

Das verlorene Wochenende - The Lost Weekend


1946 wurde Billy Wilders schonungsloses Alkoholikerdrama mit vier Oscars ausgezeichnet. Kaum etwas von seiner Wirkung hat der Klassiker, der bei Vocomo auf DVD und Blu-ray erschienen ist, seither verloren.


1944 war Charles R. Jacksons autobiographischer Roman „The Lost Weekend“ erschienen, schon ein Jahr später wurde er verfilmt. Die in der Vorlage erwähnte homosexuelle Affäre des Schriftstellers musste Billy Wilder zwar aufgrund des Hays Code streichen, doch bei der Schilderung des Schicksals des Alkoholikers machte der Meisterregisseur kaum Kompromisse.


Mit einem Schwenk über die Skyline von New York hin zum Fenster einer Wohnung setzt „The Lost Weekend“ ein. Mit der entgegengesetzten Kamerabewegung wird Wilder den Film nach 100 Minuten beenden. Wenn dabei der Blick von der großen Stadt zum Einzelschicksal verengt wird bzw. vom Einzelschicksal auf die Stadt geweitet wird, soll damit wohl auch bewusst gemacht werden, dass sich hinter anderen Mauern vielfach ähnliche Schicksale abspielen.


In der Wohnung packt der alkoholsüchtige Schriftsteller Don Birnam (Ray Milland) die Koffer für ein Wochenende mit seinem Bruder Wick (Philipp Terry) auf dem Land. Don gibt vor seit Wochen trocken zu sein, doch die Whiskyflasche, die er an einer Schnur vor dem Fenster befestigt hat, vermittelt ein anderes Bild.


Als Dons Freundin Helen (Jane Wyman) vorbeikommt, verschiebt er die Abfahrt auf den nächsten Zug und schickt Helen mit Wick zu einem Konzert, um selbst noch in die nächste Bar zu gehen. Alkoholisiert verpasst er die Abfahrt aufs Land, verbringt allein das Wochenende und geht auch gezielt Helen aus dem Weg, die seit Jahren verzweifelt kämpft, um ihn vom Alkohol wegzubringen.


Ganz auf das Wochenende konzentriert sich Wilder, bietet nur in zwei Rückblenden, in denen Don einem Barkeeper erzählt, wie er Helen kennenlernte und wie sie seine Sucht entdeckte, Einblick in die Vorgeschichte. Keinen langsamen Sturz in den Alkoholismus zeigt der Film, sondern einen Zustand.


Als Grund für Dons Sucht wird eine Schreibblockade angedeutet, ausformuliert wird das aber bewusst nicht, sondern der Fokus liegt ganz auf der Schilderung der Auswirkungen des Alkoholismus, dem zwanghaften Verlangen nach dem nächsten Drink und den Demütigungen wie Betteln und Stehlen, die der Alkoholiker dabei in Kauf nimmt.


Eindringlichkeit gewinnt das Drama einerseits dadurch, dass Wilder konsequent aus der Perspektive Dons erzählt, der mit einer Ausnahme in jeder Szene präsent ist. Mit großem Mut zur Hässlichkeit spielt Ray Milland den heruntergekommenen Protagonisten. Aggressiv und cholerisch tritt er auf, wenn er keinen Drink bekommt, macht aber in den trockenen Phasen auch deutlich, dass in diesem Don eben auch noch ein charmanter und intelligenter Mensch steckt.


Zur dichten Atmosphäre tragen aber auch die ungeschönten Schwarzweißbilder von Bars und Straßenzügen bei. Auf schonungslosen Realismus setzen Wilder und sein Drehbuchautor Charles Brackett. Schnörkellos und kompakt wird erzählt, ebenso treffend wie hart sind auch die Dialoge.


Eindringlich werden die Folgen der Sucht vermittelt, wenn Don aufgrund zitternder Hände das Whiskyglas nicht mehr heben kann und er so den Mund zum Glas führt. Nichts von ihrer alptraumhaften Wirkung haben die Szenen in der Alkoholikerstation verloren, in der Don nach einem Treppensturz landet, und seine Halluzination im Delirium von einer weißen Maus, die von einer Fledermaus getötet wird.


Kein Krimi ist dieser immer noch vorbildliche Klassiker zum Thema Sucht zwar, ist aber in seiner visuellen Gestaltung und dem pessimistischen Blick doch ein typischer Film noir. Bewusst ins Absurde übertrieb Wilder deshalb das Happy-End, das ihm von den Produzenten aufgezwungen wurde. Doch auch dieses Ende lässt beim Zuschauer die Ahnung eines durchaus möglichen baldigen Rückfalls Dons mitschwingen.


Trotzdem zögerte Paramount nach schlechter Resonanz bei einer Probevorführung mit der Veröffentlichung. Auch soll laut Billy Wilder die Alkoholindustrie, die Absatzeinbussen befürchtete, der Produktionsfirma fünf Millionen Dollar geboten haben, falls der Film nicht in die Kinos gebracht werde. Gleichzeitig befürchteten aber auch Vertreter der Abstinenzbewegung, dass dieses Drama zum Trinken verleiten könne.


Als "Das verlorene Wochenende" dann doch in die Kinos kam, wurde er nicht nur von der Kritik begeistert aufgenommen und gewann Oscars für den besten Film, die beste Regie, den besten Hauptdarsteller und das beste adaptierte Drehbuch, sondern entwickelte sich mit einem Einspielergebnis von 11 Millionen Dollar bei einem Budget von 1,25 Millionen auch zu einem Kassenerfolg.


An Sprachversionen bietet die bei Vocomo erschienene DVD und Blu-ray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie deutsche Untertitel. Die Extras beschränken sich auf den originalen amerikanischen Kinotrailer und eine Bildergalerie.


Trailer zu "Das verlorene Wochenende"