Cannes 2026: Europa und Ostasien statt USA - Eine Vorschau
- Walter Gasperi
- vor 3 Stunden
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Das Line-up des 79. Filmfestivals von Cannes (12. – 23. 5. 2026) bietet im Wettbewerb einen Mix aus Cannes-Stammgästen wie Asghar Farhadi Andrey Zvyagintsev und Cristian Mungiu und jüngeren Regisseur:innen. Auffallend ist die Dominanz Europas und das weitgehende Fehlen der USA. Österreich ist mit Marie Kreutzers "Gentle Monster" und Deutschland mit Valeska Grisebachs "The Dreamed Adventure" im Wettbewerb vertreten, dazu kommt Sandra Wollners "Everytime" in der Sektion "Un Certain Regard".
Eröffnet wird das 79. Filmfestival von Cannes mit "La Vènus éléctrique" von Pierre Salvadori. Die im Paris der 1920er Jahre spielende Komödie, in deren Mittelpunkt ein unter einer Schaffenskrise leidender Maler steht, in den sich eine angebliche Hellseherin verliebt, wird zeitgleich zur Premiere auch landesweit in den französischen Kinos anlaufen.
Läuft Salvadoris Film außer Konkurrenz, so wurden bislang 21 Filme – einige weitere Titel könnten in den nächsten Wochen noch dazukommen – in den Wettbewerb um die Goldene Palme aufgenommen. Auffallend ist dabei – aber auch in anderen Sektionen – die geringe Präsenz der USA, vor allem das Fehlen großer Hollywood-Filme und andererseits die Mittel- und Westeuropa-Dominanz, der einzig vier ostasiatische – davon gleich drei japanische - Produktionen gegenüberstehen. Lateinamerika und Afrika fehlen völlig.
Auffallend ist auch, dass insgesamt eine mittlere und jüngere Generation den Wettbewerb dominiert. Echter wirklicher Altmeister ist wohl Pedro Almodóvar, dessen "Bitter Christmas" eingeladen wurde, obwohl er schon in Spanien angelaufen ist. Insgesamt finden sich im Line-up mit dem Japaner Hirokazu Kore-eda, der "Sheep in the Box" präsentiert, und dem Rumänen Cristian Mungiu, der mit "Fjord" sein englischsprachiges Debüt vorstellt, auch nur zwei Regisseure im Line-up, die schon einmal die Goldene Palme gewonnen haben.
Dazu kommen freilich noch einige Stammgäste, die schon andere Preise an der Côte d´Azur geholt haben. Seinen ersten Film seit 2017 präsentiert mit "Minotaur" so der in Frankreich lebende Russe Andrey Zvyagintsev ("Leviathan", "Loveless"), der über ein Jahr an einer sehr schweren Corona-Erkrankung laborierte. Zurück meldet sich auch Ryusuke Hamaguchi, der vor fünf Jahren mit "Drive My Car" begeisterte und 2023 in Venedig "Evil Does Not Exist" präsentierte, und nun mit "All of a Sudden" sein französischsprachiges Debüt gedreht hat.
Aber auch der Iraner Asghar Farhadi gehört in Cannes zu den alten Bekannten und präsentiert nun "Parallel Times", bei dem es sich um ein Remake von Krzysztof Kieślowskis "Ein kurzer Film über die Liebe" handeln soll. Acht Jahre ist auch Pawel Pawlikowskis letzter Film "Cold War – Der Breitengrad der Liebe" her, doch nun darf man auf sein neues Werk "Fatherland" gespannt sein. Der Pole erzählt darin von einer Reise des aus dem Exil zurückgekehrten Thomas Mann durchs Nachkriegsdeutschland.
Auch schon Erfahrungen mit dem Wettbewerb von Cannes haben der Ungar Laszlo Nemes, der an dieser Stelle mit "Son of Saul" seinen Durchbruch feierte, und nun mit "Moulin" eingeladen wurde, sowie der Belgier Lukas Dhont, der nach dem zutiefst bewegenden Jugenddrama "Close" seinen neuen Film "Coward" präsentiert.
Neulinge im Wettbewerb sind dagegen nicht nur der einzige US-Amerikaner Ira Sachs mit "The Man I Loved By", sondern auch die Österreicherin Marie Kreutzer, die nach dem Sissi-Film "Corsage" in der Sektion "Un Certain Regard" 2022 nun mit "Gentle Monster" im Wettbewerb startet. Den gleichen Sprung schafft Valeska Grisebach, deren "Western" 2017 ebenfalls in der Sektion "Un Certain Regard" lief, während "The Dreamed Adventure" nun um die Goldene Palme konkurrieren darf.
Gespannt sein darf man aber auch auf "Nagi Notes" des Japaners Koji Fukada, der sich mit seinen letzten Filmen wie "Love Life" als Meister feinfühliger Dramen etabliert hat, und auf "The Beloved" des Spaniers Rodrigo Sorogoyen, der zuletzt mit "Wie wilde Tiere – As bestas" einen ebenso leisen wie spannenden Thriller vorlegte. Dazu kommt der Südkoreaner Na Hong-Jin, der zehn Jahre nach seinem Thriller "The Wailing – Die Besessenen" mit "Hope" einen neuen Film präsentiert.
Gewohnt stark vertreten ist an der Côte d´Azur wieder das französische Kino. Gespannt sein darf man so auf "Histoire de la Nuit" von Lea Mysius, die sich zuletzt mit "Le cinq diables" als ebenso eigenwillige wie aufregende Regisseurin präsentiert hat, sowie auf Arthur Hararis "The Unknown", Emmanuel Marres "Notre Salut", "A Woman´s Life", Charline Bourgeois-Taquets Nachfolgefilm zu "Der Sommer mit Anais" und auf "Garance", Jeanne Herrys Nachfolgefilm zu "All eure Gesichter – Je verrai toujours vos visages" (2023). Eine wenig bekannte Größe ist dagegen das homosexuelle spanische Paar Javier Ambrossi und Javier Calvo, das mit "The Black Ball" eingeladen wurde.
Was die in Cannes immer wieder diskutierte Geschlechterverteilung betrifft, lässt sich feststellen, dass beim derzeitigen Stand 16 Regisseuren nur fünf Regisseurinnen gegenüberstehen.
Cannes ist aber nie nur der Wettbewerb, sondern hochkarätig besetzt sind vielfach auch die Nebensektionen. So präsentieren heuer in der Sektion "Un Certain Regard" unter anderem die Österreicherin Sandra Wollner mit "Everytime", die US-Amerikanerin Jane Schoebrun mit "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" und die Chilenin Manuela Martelli ("1976") mit "The Meltdown" neue Filme.
"Out of Competition" stellt neben anderen Nicolas Wining Refn ebenso "Her Private Hell" vor wie Andy Garcia "Diamond" und Agnes Jaoui "Objet du Deli". Gespannt sein darf man auch auf John Travoltas Regiedebüt "Propeller One-Way Night Coach" und Kyoshi Kurosawas "Kokurojo: The Samurai and the Prisoner", die in der Sektion "Cannes Premiere" gezeigt werden. Wildes Kino könnten wiederum die "Midnight Screenings" unter anderem mit Bertrand Mandicos "Roma Elastica" und Quentin Dupieux´ "Full Phil" bieten.
Zudem ist dieses Line-up als vorläufig anzusehen. Denn einerseits hat der künstlerische Leiter Thiery Frémaux schon erklärt, dass weitere Titel in den nächsten Wochen dazukommen werden, andererseits wird das Programm der Sektion Quinzaine des cinéastes erst am 14. April präsentiert.
Spannend ist aber auch immer, welche im Vorfeld gehandelten Titel nun doch fehlen: Ruben Östlunds "The Entertainment System is Down" wurde schon vor einiger Zeit auf 2027 verschoben, auch Albert Serras "Out of This World" wurde offensichtlich nicht rechtzeitig fertig. Unklar ist auch ob Cannes-Stammgast James Gray mit "Paper Tiger" und Werner Herzog mit "Bucking Fastards" abgelehnt wurden oder nicht eingereicht wurden und wieder einmal fehlt im Line-up Terrence Malicks Jesus-Film "The Way of the Wind" dessen Postproduktion sich nun schon über Jahre hinzieht.
Aber auch Carlos Reygadas´ "Wake of Umbra", Kantemir Balagovs "Butterfly Jam", Felix van Groeningens "Let Love In" und "Cábula", der neue Film von "Tótem"-Regisseurin Lila Aviles, wurden als potentielle Kandidat:innen genannt, fehlen aber nun. – Das Angebot fürs Programm der Quinzaine des cinéastes, aber auch für die Herbstfestivals von Venedig und Toronto dürfte also noch reichhaltig sein.
