top of page

Filmbuch: Werner Herzog – Mythos, Wahn und Wirklichkeit

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 11 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit
"Werner Herzog - Mythos, Wahn und Wirklichkeit": Psychoanalytischer Blick auf Filme des 84-jährigen Altmeisters
"Werner Herzog - Mythos, Wahn und Wirklichkeit": Psychoanalytischer Blick auf Filme des 84-jährigen Altmeisters

Der 21. Band der Reihe "Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie" analysiert in acht Beiträgen einzelne Filme und Aspekte des vielseitigen und umfangreichen Schaffens von Werner Herzog.


Erschienen die Tagungsbände zu den Mannheimer Filmseminaren "Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie" bis 2022 im Psychosozial Verlag – unter anderem zu Claire Denis, Sofia Coppola und Jean-Luc Godard - , so werden sie seither vom Cinema Quadrat im Eigenverlag herausgegeben. Nach Seminaren und Publikationen zu Federico Fellini und Liliana Cavani widmet sich der 21. Band der Reihe Werner Herzog.


Ein Paradoxon ergibt sich dabei dadurch, dass nun gerade Herzog, auf dessen negative Haltung gegenüber der Psychoanalyse im Buch mehrfach hingewiesen wird (Herzog: "Ich wär auch lieber tot, als zu einem Psychoanalytiker zu gehen, weil ich der Ansicht bin, dass da etwas grundlegend Falsches geschieht", z.B. S. 50), Gegenstand einer psychoanalytischen Untersuchung ist.


Auf eine Einführung, in der Andreas Hamburger Herzog als Mythenproduzenten vorstellt, der mit seinen Filmen und seiner Verbindung von Leben und Filmschaffen selbst zum Mythos wurde, folgt ein Beitrag von Marcus Stiglegger. Der Filmwissenschaftler arbeitet darin unter dem Titel "Cinemythologie" anhand der Filme "Fata Morgana" (1968/69), "Herz aus Glas" (1976), "Lektionen in Finsternis" (1992), "Rad der Zeit" (2003) und "My Son, My Son, What Have Ye Done" (2010) detailliert die Rolle von Mythen in den Filmen des inzwischen 84-jährigen Enfant terribles des Neuen Deutschen Films heraus.


Der Psychoanalytiker Udo Hock spürt dagegen, ausgehend von der Verschränkung der Darstellung filmischer Abenteuer und abenteuerlicher Dreharbeiten der Herzog-Filme, den verschiedenen Realitätsebenen in den ersten zehn Minuten von "Aguirre, der Zorn Gottes" (1972) nach. Dazu führt der Autor den Begriff der halluzinatorischen Realität ein und blickt auch auf die Rolle des Hauptdarstellers Klaus Kinski.


Der Psychoanalytiker Timo Storck wiederum beschreibt "Herz aus Glas" (1976), in dem Herzog die meisten Schauspieler:innen angeblich unter Hypnose agieren ließ, als unheimlichen Heimatfilm, in dem das Genre ebenso wie ödipale Motive zerrissen und neu zusammengesetzt werden.


Die Neurologin und Psychotherapeutin Sabine Ameskamp analysiert "Fitzcarraldo" (1982) hinsichtlich einer klassischen Heldenreise und des Motivs der Verfolgung des fantastischen Objekts - in diesem Fall des Traums von der Oper im Dschungel. Ameskamp bietet dabei nicht nur Einblick in die schwierige Realisierung des Projekts und die Arbeit mit den Indigenen im Amazonasdschungel, sondern arbeitet auch heraus, wie die Begeisterung für die Überschreitung von Grenzen und die Überwindung der Schwerkraft Filmfigur und Regisseur verbinden.


Spannend untersucht der Filmkritiker Philipp Stadelmeier ausgehend vom Film "Die innere Glut – Requiem für Katia und Maurice Krafft" (2022) Unterschiede und Parallelen in der Entwicklung der beiden porträtierten Vulkanologen und der von Herzog, der schon 1977 mit "La soufriére" einen Film über einen Vulkanausbruch drehte. Während sich Herzog nämlich im Lauf der Jahre von einem Filmemacher, der sich immer wieder in größte Gefahren begab, zu einem Rechercheur entwickelte, der mit Archivmaterial Vergangenheit und Geschichte von Abenteurern aufarbeitet, ging der Weg der Kraffts nicht nur von der Vulkanologie zum Filmemachen, sondern schließlich auch zum Tod durch einen Vulkanausbruch.


Timo Storck wiederum analysiert nicht nur die zahlreichen Anspielungen in dem von David Lynch produzierten Spielfilm "Ein fürsorglicher Sohn - My Son, My Son, What Have Ye Done" (2010), sondern arbeitet auch die Parallelen zwischen diesem Drama um eingefrorene Familienverhältnisse und Muttermord und dem Orest- sowie dem Ödipus-Mythos heraus.


Im abschließenden Beitrag blickt der Musikwissenschaftler Dietrich Stern auf die Rolle der Musik in den Filmen von Werner Herzog. An ausgewählten Beispielen zeigt der Autor auf, wie Herzog teils großartig, teils aber auch weniger gelungen vorgefundene klassische Musik ebenso wie Choräle und für den Film komponierte Musik einsetzt, um eine mystische Stimmung zu erzeugen.


Trotz der vielfältigen Literatur, die es von und über Werner Herzog gibt, öffnet dieser spärlich bebilderte Band einerseits mit seiner psychoanalytischen Perspektive andererseits aber auch mit der Fokussierung auf teils wenig bekannte Filme einen neuen Blick auf das Schaffen dieses Altmeisters und weckt die Lust auf eine Neu- oder Wiederentdeckung seines Werks.

 


Werner Herzog, Mythos, Wahn und Wirklichkeit. Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie, Band 21. Eigenverlag Cinema Quardrat, Mannheim 2025; 124 S., ISBN: 978-3-384-69347-1 (Print), 978-3-384-69348-8 (E-Book). € 18

 

 

 

Kommentare


bottom of page