• Walter Gasperi

Filmbuch: Werner Herzog - Eine Welt ist nicht genug


(c) Schüren Verlag

Josef Schnelle bietet in seinem im Schüren Verlag erschienenen Buch einen Einblick in die Vielfalt und Verbindendes im rund 60 Filme umfassenden Werk von Werner Herzog: Kein hoch wissenschaftliches Fachbuch, sondern eine gut lesbare, ebenso anregende wie informative Lektüre.


"Ein Reiseführer in das Werk von Werner Herzog" nennt der Kölner Filmkritiker und Festivalkurator Josef Schnelle sein Buch im Untertitel. Nicht chronologisch werden die einzelnen Filme des umfangreichen Schaffens des 1942 geborenen Filmemachers vorgestellt und auch nicht detailliert analysiert, sondern in einzelnen thematischen Kapiteln wird Verbindendes herausgearbeitet.


Indem so Filme, deren Entstehung Jahrzehnte auseinanderliegt, in einem Kapitel zusammengezogen werden, hebt Schnelle die Trennung von den deutschen Anfängen und dem amerikanischen Spätwerk auf. Zum Porträtierten passt auch, dass Spielfilme und Dokumentarfilme gleichwertig nebeneinander gestellt werden, denn Herzog selbst negiert diese Trennung.


Ausgehend von einem kurzen Blick auf die Geschichte des Dokumentarfilms mit einer Gegenüberstellung der sachlichen Filme Klaus Wildenhahns und der assoziativen Essayfilme Chris Markers bietet der Autor auch Einblick in Herzogs Verständnis vom Dokumentarfilm. Anschaulich legt Schnelle auf Basis von Herzogs "Minnesota Deklaration", die in der Filmgrafie-Biografie am Ende des Buches abgedruckt ist, dessen Ablehnung der äußeren Wirklichkeit des Cinéma Verité und das Plädoyer für eine "ekstatische Wirklichkeit" dar.


Als Grundkonstante der Filme zieht sich dabei Herzogs Staunen und Sich Wundern über die Welt und das Leben durch das Buch. Dies wird im Abtauchen in fremde Seelenwelten, bei dem der Autor den Bogen vom Konquistador "Aguirre" (1972) über "Grizzly Man" (2005) bis zum Todestraktfilm "On Death Row" (2012-13) spannt ebenso spürbar wie in seiner Faszination für die Natur und für Naturkatastrophen.


Letzteres arbeitet Schnelle am Beispiel der zeitlich weit auseinanderliegenden "Vulkan-Filme" "La Soufrière" (1977) und "Into the Inferno" (2016) ebenso heraus wie anhand des im australischen Outback gedrehten "Wo die grünen Ameisen träumen" (1984) und des in der bolivianischen Salzwüste Salar de Uyuni spielenden "Salt and Fire" (2016).


Auch beim Blick auf Herzogs Interesse für scheiternde Träumer besticht die Verknüpfung von zeitlich weit Auseinanderliegendem. Denn Schnelle stellt hier nicht nur "Fitzcarraldo" (1982) vor, sondern widmet sich auch ausführlich dem noch nicht realisierten Projekt eines Films über Henry Fords gescheiterten Traum von der im Amazonasdschungel errichteten Musterstadt "Fordlandia".


Nicht nur das Interesse an geographisch und klimatisch extremen Regionen, sondern auch Herzogs Faible für Figuren, die außerhalb der Norm leben, wird anschaulich vermittelt. Auch hier spannt Schnelle den Bogen vom frühen deutschen Film "Auch Zwerge haben klein angefangen" (1970) über den Kaspar Hauser-Film "Jeder für sich und Gott gegen alle" (1974), "Stroszek" (1976) und "Woyzeck" (1979) bis zum amerikanischen Dokumentarfilm "Grizzly Man" (2005).


Aber auch die Lust dieses Filmemachers an der Selbstinszenierung wird beim Blick auf seine Auftritte als Schauspieler – immerhin 32 – herausgearbeitet und auch auf dessen berühmte winterliche Wanderung (Dezember 1974) von München nach Paris zur erkrankten Lotte Eisner geht Schnelle ein. Sichtbar werden hier Parallelen zwischen den Grenzüberschreitungen seiner Figuren und seiner eigenen Person.


Ausführlich werden auch Herzogs zentrale Kameramänner Jörg Schmidt-Reitwein, Thomas Mauch und Peter Zeitlinger und ihre unterschiedlichen Stile sowie die Filmmusikkomponisten Florian Fricke und dessen Band Popol Vuh sowie der niederländische Cellist Ernst Reijseger vorgestellt. Berücksichtigung finden dabei auch die Opernproduktionen des Filmemachers.


Abgerundet wird der anregende und gut lesbare Band, der vielfältige Einblicke in das immense Werk des deutschen Filmemachers bietet, durch Factboxen zu erwähnten Personen sowie eine ausführliche Filmografie und Biografie. Diese bietet nicht nur wesentliche biographische Daten und eine chronologische Auflistung aller Filme mit Credits und Poster, sondern auch kurze Inhaltsangaben. Auch ein Verzeichnis ausgewählter Literatur und ein Filmregister fehlen nicht.


Josef Schnelle, Eine Welt ist nicht genug. Ein Reiseführer in das Werk von Werner Herzog, Schüren Verlag, Marburg 2021, 176 S., € 19,80, ISBN 978-3-7410-0372-1