• Walter Gasperi

Filmbuch: Sofia Coppola – Hoffnung und Ausweglosigkeit in geschlossenen Welten


Der 16. Band der Reihe "Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie" stellt in ausführlichen Analysen die sechs Filme Sofia Coppolas vor und macht plastisch wiederkehrende inhaltliche und formale Elemente sichtbar.


Nach einem kurzen Überblick Karin Nitzschmanns über Grundkomponenten in Sofia Coppolas Werk und die Beiträge des Buchs bietet der Filmwissenschaftler Joachim Kurz Einblick in das Leben der 1971 geborenen Amerikanerin, die Rolle ihrer Familie mit dem Übervater Francis Ford Coppola und der Einfluss persönlicher Erfahrungen auf ihre Filme und deren teils schwierige Produktion.


Der Musikwissenschaftler Dietrich Stern setzt sich anschließend mit der Musik in Coppolas Filmen auseinander, die nicht auf Gefühls-Überwältigung abziele, sondern für Distanzierung sorge. Bei den darauf folgenden Filmanalysen wechseln Beiträge von Filmwissenschafltern wie Rüdiger Suchsland, Ernst Schreckenberg und Lioba Schlösser mit solchen von Psychoanalytikern wie Andreas Hamburger, Timo Storck und Eva Berberich.


Das führt zwar speziell bei „Lost in Translation“, „Marie Antoinette“ und „The Beguiled“, denen jeweils zwei Beiträge gewidmet sind zu Überschneidungen und Wiederholungen, andererseits wird dadurch auch das Typische und Wiederkehrende in Coppolas Werk verdichtet und fügt sich zu einem runden Gesamtbild.


So arbeitet Eva Berberich in ihrer Analyse von „The Virgin Suicides“ heraus, wie das Thema des Todes und des Untergangs dem Film von Anfang an eingeschrieben ist, blickt auf die Sprachlosigkeit der Eltern und die erfolglosen Ausbruchsversuche der jungen Protagonistinnen aus dem familiären Gefängnis. Schlüssig arbeitet die Autorin heraus, wie dabei das Zusammenspiel von sprachlicher, bildlicher und akustischer Ebene die Erzählung unterstützt.


Ernst Schreckenberg zeigt bei seiner Analyse von „Lost in Translation“ den Einfluss von Coppolas persönlichen Erfahrungen auf und arbeitet das Gespür der Regisseurin für Ironie und Komik, aber auch für die Erzeugung einer somnambulen Grundstimmung heraus. Für diese schwebende Stimmung interessiert sich auch Andreas Hamburger in seinem Beitrag. Der Psychoanalytiker arbeitet heraus, wie hier eine Liebesgeschichte dekonstruiert wird und dass im Zentrum die Verlorenheit des Menschen in Zeiten der Globalisierung, aber auch die Entdeckung der Fremdheit in sich selbst steht.


Rüdiger Suchsland wiederum stellt den Historienfilm „Marie Antoinette“ als Film über die Gegenwart und ein Plädoyer für Hedonismus und Lebensgenuss und gegen die Arbeitsgesellschaft dar. In „Marie Antoinette“ sieht er eine Spiegelung des Celebrity-Kults von heute, aber in der Verweigerung von klassischen Erzählstrategien mit Höhepunkten auch einen impressionistischen Gegenentwurf zum Kino-Biedermeier der Gegenwart. Der Psychoanalytiker Timo Storck dagegen blickt ausgehend von drei irritierenden Momenten dieses Films auf das Spannungsfeld von versuchter Integration Marie Antoinettes in den französischen Hof und ihrer Desintegration.


Karin Nitzschmann entdeckt in „Somewhere“ eine Binnenerzählung, die von zwei Fahrtszenen gerahmt wird, bei denen die Kreisfahrt am Anfang, am Ende durch eine Fortbewegung zu Fuß abgelöst wird. Die Autorin arbeitet heraus, wie der Schauspieler, der im Zentrum der Handlung steht, durch die Begegnung mit seiner ihm fremden elfjährigen Tochter, langsam sich selbst erkennt und einen Weg aus seiner Sinnkrise findet.


Timo Storck fokussiert in seinem Beitrag zu „The Bling Ring“ ausgehend von den Irritationen, die die Seelenruhe, mit der Jugendliche hier einbrechen, und dem Umstand, dass es sich um einen langweiligen Film handelt, auf der Bedeutung des Seriellen und der Quantität - also der Wiederholung des immer Gleichen - und Coppolas Arbeit mit Oberflächen.


Bei Lioba Schlössers und Ilka Quindeaus Analysen von „The Beguiled“ steht der Vergleich mit Don Siegels 1971 entstandener Erstverfilmung des Stoffes im Zentrum. Schlösser arbeitet dabei durch detaillierten Vergleich von Szenen und Figuren heraus, dass Coppolas Film kein Remake, sondern eine feministische Re-Interpretation ist. Quindeau dagegen blickt auf die unterschiedlichen Geschlechterkonstruktionen in beiden Filmen und die daraus resultierende Inszenierung der Domestizierung des weiblichen Begehrens, das mit dem Auftauchen des verletzten Soldaten zwar erwacht, schließlich aber wieder verdrängt wird.


Die Stärke des Buches liegt nicht nur in den fundierten Analysen, sondern auch darin, wie sich die einzelnen Beiträge gegenseitig ergänzen. Spannend und bereichernd ist so vor allem, wie die Beiträge in ihrer Zusammenschau durch Variationen und Wiederholungen sich zu einem runden und reichen Bild vom Schaffen Sofia Coppolas fügen, deren neuer Film „On the Rocks“ sich derzeit in der Postproduktion befindet.

Karin Nitzschmann, Andreas Hamburger, Gerhard Schneider, Peter Bär, Timo Storck (Hg.), Sofia Coppola. Hoffnung und Ausweglosigkeit in geschlossenen Welten. Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie, Band 16. Psychosozial-Verlag, Gießen 2019. 120 S., ISBN 978-3-8379-2907-2, € 24,90