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  • AutorenbildWalter Gasperi

Les cinq diables – The Five Devils


Mit ihrem zweiten Spielfilm gelingt Léa Mysius ein vielschichtiger Genre-Hybrid, in dem die Französin Mystery-Elemente mit Liebes- und Familienfilm verbindet: Perfekt konstruiertes, aufregendes modernes Kino, das sich in keine Schublade pressen lässt.


Am raffinierten Aufbau von "Les cinq diables" sieht man die Erfahrung von Léa Mysius im Schreiben von Drehbüchern. Bei Arnaud Desplechins "Les fantômes d'Ismaël" (2017) und "Roubaix, une lumière" (2019) hat die 34-jährige Französin in dieser Funktion ebenso mitgearbeitet wie an André Téchinés "L´adieu à la nuit" (2019), Jacques Audiards "Les Olympiades – Wo in Paris die Sonne aufgeht" (2021) und Claire Denis´ "Stars at Noon" (2022).


Wie bei Mysius´ vielfach ausgezeichnetem Debüt "Ava" (2013) steht wieder ein ungewöhnliches Mädchen im Mittelpunkt – und wieder spielt einer der fünf Sinne eine zentrale Rolle. Litt in "Ava" die 13-jährige Protagonistin nämlich an einer unheilbaren Augenkrankheit, so verfügt in "Les cinq diables" die achtjährige Vicky (Sally Dramé) über ein außergewöhnliches Geruchsvermögen. Mit verbundenen Augen kann sie so ihre Mutter Joanne (Adèle Exarchopoulos) im Wald über eine Distanz von rund 20 Meter zielsicher finden oder riecht bei deren Notizbuch nicht nur das Papier, sondern auch die Kaffeeflecken und das Schwimmbad, in dem die Mutter arbeitet.


Wie mit dieser besonderen Gabe erzeugt Mysius aber noch, bevor die Bilder einsetzen, mit Musik und Sounddesign die Stimmung eines Mystery-Thrillers. Die Vorstellung eines Brandes, die hier geweckt wird, bestätigt sich mit dem ersten Bild, bei dem Vickys Mutter im glitzernden Turndress vor einem im Hintergrund lodernden Feuer direkt in die Kamera blickt. Erst spät wird der Film zu dieser Szene zurückkehren, doch vorgegeben wird damit die entscheidende Rolle, die der Blick immer wieder spielt.


Wenn die Kamera nach diesem Auftakt in Flugaufnahme einem Wagen durch ein Tal zu einer kleinen Stadt in den französischen Alpen folgt, kann das gleichzeitig schon Erinnerungen an die Fahrt zum Overlook-Hotel in Stanley Kubricks "Shining" wecken. Kein Zufall ist diese Ähnlichkeit, denn wie in Kubricks Horrorfilm, wird auch in "Les cinq diables" die Sehergabe bald eine zentrale Rolle spielen.


In dieser Alpenstadt lebt Vicky mit ihrer Mutter, die im Schwimmbad als Bademeisterin arbeitet und in der Freizeit immer wieder im eiskalten See schwimmt, und ihrem aus dem Senegal stammenden Vater Jimmy (Moustapha Mbengue), der Feuerwehrmann ist. Gegensätze prallen dabei nicht nur mit Wasser und Feuer, sondern auch mit der weißen Hautfarbe der Mutter und der schwarzen des Vaters aufeinander, doch werden diese nicht forciert.


Immer wieder erinnert der Blick auf ein Hochzeitbild an eine glückliche Zeit des Paares, doch die Liebe ist inzwischen erkaltet. Bewegung kommt in das Familiengefüge, als Jimmys jüngere Schwester Julia (Swala Emati) nach zehn Jahren Abwesenheit in die Stadt zurückkehrt und ganz gegen den Willen Joannes im Haus einzieht.


Auch Vicky möchte diese Tante schnell wieder loswerden, da sie Angst hat von ihr verdrängt zu werden. Wie die Düfte ihrer Mutter sammelt sie auch die Julias in Einmachgläsern. Wenn sie daran riecht, wird sie ohnmächtig und taucht in Visionen – oder einer Zeitreise - in Julias Vergangenheit und die ihrer Eltern ein.


Stück für Stück wird so langsam in Bruchstücken aus der Perspektive Vickys die Vorgeschichte aufgedeckt, bis sich alles zu einem Bild fügt. Einerseits spürt Vicky so in diesen Visionen ihren Wurzeln nach, andererseits wird darin auch eine große, aber nie erfüllte Liebesgeschichte erzählt.


Dieser magischen Ebene steht der Realismus der gegenwärtigen Familiengeschichte gegenüber. Nicht nur um eine erkaltete Ehe geht es dabei, sondern auch die Ausgrenzung und das Mobbing Vickys in der Schule wegen ihrer dunklen Hautfarbe und ihres Afrolooks wird angeschnitten.


Das Großartige an "Les cinq diables" ist, dass Mysius aus den vielfältigen Problemfeldern kein Thema macht, sondern einfach packend eine Geschichte erzählt und dafür großartige Bilder und Töne findet, während der Dialog eine untergeordnete Rolle spielt. Ungleich haptischer als digitale Hochglanzbilder wirkt der körnige 35mm- Film, den Kameramann Paul Guilhaume verwendete. Dicht evozieren kalte Farben und kahle Vegetation sowie der die Stadt überragende schneebedeckte Berge eine frostige, fast beklemmende Atmosphäre.


Dieser Kälte und Entfremdung in der Ehe, steht wieder das Feuer der Leidenschaft gegenüber, die in den Songs, vor allem in einem grandiosen Karaoke-Duett von Bonnie Tylers "Total Eclipse of the Heart" mehrfach durchbricht.


Bild und Ton fügen sich so zu einem sehr sinnlichen Filmerlebnis, bei dem es Mysius auch gelingt, eine scheinbar völlig verfahrene Situation zu einem Ende zu führen, das die Möglichkeit ganz neuer und glücklicher Konstellationen andeutet. – Und gegengleich zum Blick der Mutter im ersten Bild zurück, der auch ein Blick in die Vergangenheit andeutet, beendet ein Blick aus der Vergangenheit in die Zukunft diesen in keine Schublade passenden, aufregenden Film.



Les cinq diables – The Five Devils Frankreich 2022 Regie: Léa Mysius mit: Adèle Exarchopoulos, Swala Emati, Sally Dramé, Moustapha Mbengue, Patrick Bouchitey, Daphne Patakia, Hugo Dillon Länge: 103 min.



Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.b. im Skino Schaan und im Kinok St. Gallen.

Trailer zu "Les cinq diables - The Five Devils"


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