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Sieben Tage

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit
"Sieben Tage": Bewegendes Drama um eine Iranerin, die sich zwischen Familie und Engagement für Menschenrechte entscheiden muss.
"Sieben Tage": Bewegendes Drama um eine Iranerin, die sich zwischen Familie und Engagement für Menschenrechte entscheiden muss.

Eine iranische Menschenrechtsaktivistin erhält aus medizinischen Gründen sieben Tage Hafturlaub. Soll sie die Gelegenheit nützen, um zu ihrer in Deutschland lebenden Familie zu flüchten, oder in ihrer Heimat bleiben und weiter für Demokratie und Freiheit kämpfen? – Konzentriert auf die von Vishka Asayesh intensiv gespielte Protagonistin entwickelt Ali Samadi Ahadi nach einem Drehbuch von Mohammad Rasoulof ein berührendes Drama um ein nicht lösbares Dilemma.


Schon bevor der iranische Regisseur Mohammad Rasoulof, dessen Spielfilm "Die Saat des heiligen Feigenbaums" 2024 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, nach einer Verurteilung zu acht Jahren Haft und Peitschenhieben im Mai 2024 aus seiner Heimat floh, schrieb der Wahl-Hamburger das Drehbuch zu "Sieben Tage". Wie sein Blick auf den Iran von persönlichen Erfahrungen beeinflusst ist, so kennt Regisseur Ali Samadi Ahadi die Erfahrung des Exils, floh er doch 1985 als 13-Jähriger ohne Eltern vor der Zwangsrekrutierung als Kindersoldat aus dem Regime der Mullahs nach Deutschland.


Vorbild für die Protagonistin Maryam (Vishka Asayesh) wiederum war die iranische Menschenrechtsaktivistin und Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi, die seit 1998 wiederholt verhaftet und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurde. In der Fiktion von "Sieben Tage" wird Maryam, die seit sechs Jahren im berüchtigten Evin-Gefängnis inhaftiert ist, nach einem Herzinfarkt für den titelgebenden Zeitraum Freigang gewährt. Ohne ihr Wissen haben ihr in Teheran lebender Bruder und ihr in Hamburg mit ihren beiden Kindern lebender Mann ihre Flucht in die Türkei organisiert.


Maryam steht so vor der Entscheidung entweder nach Ablauf der sieben Tage ins Gefängnis zurückzukehren oder ins sichere Ausland zu fliehen. Da sie aber unbedingt ihre Familie sehen will, stimmt sie zumindest der Flucht in ein türkisches Grenzdorf zu, wo ihre Familie sie erwartet.


Beklemmend vermittelt Samadi in den Straßen Teherans mit Kameraperspektiven das Gefühl der permanenten Überwachung, das Maryam begleitet. Beunruhigung löst aber auch ein Wagen aus, der dem ihren folgt. Gekonnt spielt der 53-jährige Regisseur hier mit den Strategien des Paranoia-Thrillers und evoziert dicht eine Atmosphäre der permanenten Verunsicherung.


Diese setzt sich fort, wenn Maryam per Bus in Richtung Grenze unterwegs ist. Nie kann sie sich nämlich sicher sein, ob die Personen, die sie kontaktieren, wirklich ihre Helfer oder vielleicht doch Handlanger des Regimes sind. Mit nahen Einstellungen und wiederholtem Einsatz einer unruhigen Handkamera versetzt Samadi die Zuschauer:innen in die Perspektive Maryams und macht ihre Anspannung erfahrbar.


Zum Gefühl der Verunsicherung und Bedrohung kommen mit dem Fußweg über die iranisch-türkische Grenze – gedreht wurde vor allem in Georgien - die physischen Strapazen. Die Kälte der weiten Schneelandschaft und der Durchquerung eines eisigen Flusses werden fast physisch spürbar und zusätzlich droht noch Gefahr durch die Schüsse der unsichtbar bleibenden iranischen Grenzsoldaten.


Gegenpol zur beklemmenden Situation im Iran stellt das Glück dar, das das Wiedersehen mit ihrer Familie im türkischen Grenzdorf bringt. Doch auch hier werden rasch Risse aufgrund der sechsjährigen Trennung sichtbar: Der kindlichen Freude des zehnjährigen Alborz (Sam Vafa) steht die Wut der etwa 15-jährigen Dena (Tanaz Molaei) gegenüber, die sich von ihrer Mutter im Stich gelassen fühlt. Distanz wird aber auch sichtbar, wenn die beiden Kinder perfekt deutsch sprechen und sich die Mutter dadurch ausgeschlossen fühlt.


Unterstützt von der starken Hauptdarstellerin Vishka Asayesh vermittelt Samadi intensiv und bewegend den inneren Konflikt Maryams zwischen Kampf für Menschenrechte im Iran und Sehnsucht nach ihrer Familie. Man spürt, wie sehr sich diese Mutter nach ihren Kindern sehnt und die Gemeinschaft mit ihnen genießt, gleichzeitig kann sie aber auch ihr Verantwortungsgefühl gegenüber der iranischen Bevölkerung und ihre Vorbildfunktion für andere nicht hinter sich lassen. Auch eine Abrechnung mit dem Patriarchat fehlt dabei nicht, wenn Maryam scharf kritisiert, dass bei Männern die Entscheidung für den politischen Kampf und gegen die Familie selbstverständlich akzeptiert werde, bei einer Frau und Mutter aber nicht.


In zahlreichen Großaufnahmen lässt Samadi die Zuschauer:innen in Asayeshs Gesicht lesen und macht die Zerrissenheit Maryams erfahrbar. – Dass sie sich zwischen Rückkehr ins Gefängnis und Fortsetzung ihres Kampfes einerseits und ihrer Familie andererseits entscheiden muss und es dabei keine richtige oder falsche Entscheidung geben kann, ist auch eine bewegende Anklage gegen ein Regime, in dem mit den Menschenrechten auch das familiäre Glück unterdrückt wird. Sieben Tage Iran / Deutschland 2024 Regie: Ali Samadi Ahadi mit: Vishka Asayesh, Majid Bakhtiari, Sam Vafa, Tanaz Molaei, Zanyar Mohammadi, Sina Parvaneh Länge: 113 min.



Läuft derzeit im Kinok St. Gallen.



Trailer zu "Sieben Tage"



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