• Walter Gasperi

L´adieu à la nuit


Als eine Großmutter erkennt, dass ihr Enkel zum Dschihadisten geworden ist und zum Kampf nach Syrien aufbrechen will, beginnt sie verzweifelt um ihn zu kämpfen. – Statt zu moralisieren, beschränkt sich André Téchiné darauf differenziert und feinfühlig zu erzählen und kann dabei auf die großartige Catherine Deneuve und Jungstar Kacey Mottet Klein vertrauen.


Die Kirschblüte kündet auf dem landwirtschaftlichen Gut und Reiterhof, den Muriel (Catherine Deneuve) zusammen mit ihrem algerischen Geschäftspartner Youssef führt, den Frühling an, doch schon in der ersten Szene verdunkelt eine Sonnenfinsternis den Himmel und auch ein Wildschwein sorgt für Ärger in der Obstplantage. – Unübersehbar Hinweise auf kommende Störungen der scheinbaren Idylle sind dies, die Sonnenfinsternis sieht Téchiné dabei auch als Metapher für das Ende der Aufklärung.


Auf fünf, durch Inserts voneinander abgetrennte Tage im Frühjahr 2015 und einen Epilog, der einen Monat später spielt, beschränkt sich der 75-jährige Altmeister. Mit dynamischer und nah geführter Handkamera versetzt Kameramann Julien Hirsch den Zuschauer nicht nur mitten ins Geschehen, sondern verleiht seinem Drama einerseits auch Drive und Frische, andererseits kann er damit auch die Rastlosigkeit und innere Unruhe des jungen Alex (Kacey Mottet Klein) visuell vermitteln.


Nach einer Zeit in Toulouse kehrt dieser junge Erwachsene zum Hof seiner Großmutter Muriel, die ihn nach dem Unfalltod seiner Mutter erzogen hat, zurück, will aber bald weiter nach Kanada. Von seinem algerischen Vater, der eine neue Familie gegründet hat, will er nichts wissen, sondern gibt ihm die Schuld am Tod der Mutter beim Tauchen.


Irritiert ist die Großmutter über die Zurückhaltung, ja Abweisung, die Alex ihr gegenüber an den Tag legt, denn während der Zuschauer schon früh erkennt, dass der junge Mann zu einem radikalen Islamisten geworden ist, der in den Krieg in Syrien ziehen will, entdeckt Muriel dies erst langsam.


Spannend ist es der wieder einmal großartigen Catherine Deneuve, die hier zum achten Mal unter der Regie von Téchiné spielt, zuzuschauen, wie sie sukzessive die Einstellung von Alex entdeckt, zuerst irritiert von dessen Religiosität ist, bald feststellen muss, dass er sie bestiehlt und belügt, nicht nach Kanada, sondern nach Syrien will.


Gründe für diese Wandlung werden zwar genannt, auch der Einfluss seiner arabischstämmigen Freundin Lila, die als Altenpflegerin arbeitet, spielt sicher eine wichtige Rolle, doch letztlich bleibt diese Radikalisierung für Muriel ebenso wie für den Zuschauer unerklärlich und ein junger ehemaliger Dschihadist legt Muriel gegenüber auch dar, dass dieses Verhalten nicht zu erklären sei.


Téchiné moralisiert dabei nicht, sondern beschränkt sich darauf zu erzählen, entwickelt einerseits eine bewegende Geschichte vom verzweifelten, aber hilflosen Kampf dieser Großmutter um ihren Enkel, und stellt gleichzeitig in Parallelmontage einem ausgelassenen Fest auf dem Reiterhof, bei dem gegessen, getrunken, gesungen und getanzt wird, die strengen Regeln und Unterbindung jeder Freude unter den Islamisten gegenüber, die aber widerspruchslos akzeptieren, dass ihnen jede Freiheit ausgetrieben wird. Keineswegs in antiislamische Agitation verfällt Téchiné dabei, sondern macht im liberalen Youssef auch bewusst, dass es einen ganz anderen, weltoffenen und friedlichen Islam gibt.


All das geht bei Téchiné freilich in einer trotz des ernsten Themas leichthändig, rund und flüssig erzählten Geschichte auf. Im Zentrum stehen hier nicht Thesen, sondern Menschen. Mit viel Fingerspitzengefühl durchleuchtet er die Familienbeziehungen und kann mit Catherine Deneuve und Kacey Mottet Klein auf zwei vorzügliche Schauspieler, die sich großartig aneinander reiben, vertrauen.


Nicht viel muss Deneuve hier machen, in jedem Blick kann sie die Sorge um den Enkel spürbar machen, während Kacey Mottet Klein mit seinem physischen Spiel großartig die Entschlossenheit und Verbohrtheit von Alex vermittelt, aber bewusst nicht in sein Inneres blicken lässt.


Eindrücklich vermittelt Téchiné, wie hilflos die Erwachsenen dieser Wandlung der Jugendlichen gegenüberstehen, beweist großartiges Gespür sowohl für die Empfindungen der Protagonistin wie auch für den jungen Alex, auf den er trotz seiner Radikalisierung mit Empathie blickt.


Nicht leicht macht es sich hier Téchiné auch mit dem Ende, zeigt auf, zu welchen Zerwürfnissen und psychischen Belastungen der Einsatz der Großmutter führt. Dennoch endet „L´adieu à la nuit“, dessen Titel sich auf den Glauben von Alex bezieht mit seiner Reise nach Syrien die europäische Nacht hinter sich zu lassen und ins Licht zu gelangen, optimistisch mit der Kirschenernte und der Resozialisierung eines früheren Dschihadisten. Der Weg dahin ist freilich weit.


Läuft ab Donnerstag, 26.9., im SKino Schaan und im Kinok St. Gallen


Trailer zu "L´adieu à la nuit"