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Une part manquante

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • 28. Aug. 2025
  • 3 Min. Lesezeit
"Une Part Manquante": Gefühlvolles Drama um einen Franzosen, der in Tokio nach seiner Tochter sucht.
"Une Part Manquante": Gefühlvolles Drama um einen Franzosen, der in Tokio nach seiner Tochter sucht.

Ein Franzose sucht in Tokio seine Tochter, die ihm vor neun Jahren nach der Trennung von seiner japanischen Frau entzogen wurde: Romain Duris brilliert in Guillaume Senez´ von Melancholie durchzogenem, gefühlvollen Drama, das nicht nur von kultureller Differenz erzählt, sondern auch Einblick ins japanische Sorgerecht bietet.


Im westlichen Kino wird Japan immer wieder nicht nur als fremde Welt gezeichnet, sondern auch als ein Land von Menschen, deren Höflichkeit und Gelassenheit auch hektische Westler zur Ruhe kommen und sich finden lässt. Beispiele dafür sind Doris Dörries "Kirschblüten – Hamami" (2008) ebenso wie Slony Sows "Umami", in dem Gerard Depardieu als ausgebrannter Starkoch ins Land der aufgehenden Sonne aufbricht. Gleichzeitig erscheint das hypermoderne nächtliche Tokio in Sofia Coppolas "Lost in Translation" aber auch als Ort der Entfremdung und Einsamkeit.


Die Melancholie, die Coppolas Film durchzieht, bestimmt auch die ersten Szenen von Guillaume Senez´ drittem Spielfilm. Auf Anhieb lässt der 47-jährige Belgier mit einer nächtlichen Taxifahrt in diese Welt eintauchen, wenn man zunächst nur durch den Rückspiegel die folgenden Autos sieht und die Musik erst langsam anschwillt.


Wie der Fahrer Jérôme (Romain Duris) erst spät ins Bild kommt, so wird man auch nur sukzessive etwas über seinen biographischen Hintergrund erfahren. Seit Jahren ist er auf jeden Fall schon in der japanischen Hauptstadt, spricht scheinbar perfekt japanisch und kann sogar Einheimischen helfen, wenn sie nach einem bestimmten Hotel suchen.


Jetzt will der einstige Chefkoch aber wieder zurück nach Frankreich und dort ein Restaurant eröffnen. Auch sein alternder Vater drängt auf seine Heimkehr, der Termin für den Verkauf seiner Wohnung in Tokio ist schon fixiert. Aber dann glaubt Jérôme bei einer Taxifahrt seine inzwischen zwölfjährige Tochter Lily (Mei Cirne-Masuki) zu erkennen, die ihm vor neun Jahren mit der Trennung von seiner japanischen Frau entzogen wurde.


Nicht nur an der Situation von Jérôme, sondern auch an dem der Französin Jessica (Judith Chemla), die nach Japan kommt, um ihren Sohn zurückzuholen, der von ihrem Mann nach der Trennung aus Frankreich mitgenommen wurde, bietet Senez Einblick in die japanische Praxis des Sorgerechts. Bislang kann dieses nämlich nicht geteilt werden, sondern fällt dem Elternteil zu, bei dem das Kind während der Trennung lebt. Dem anderen Elternteil wird dagegen nicht einmal ein Besuchsrecht zugestanden und bis zur Volljährigkeit jeder Kontakt zum Kind untersagt. 2026 soll nun aber ein Gesetz in Kraft treten, das es den Eltern erlaubt, zwischen alleiniger und gemeinsamer Sorge für ihre Kinder zu wählen.


Behutsam erzählt Senez, wie Jérôme versucht, seiner Tochter nahe zu sein und sich ihr zu erkennen zu geben und wie weit ein Vater schließlich geht und auch Grenzen überschreitet, um einen Tag mit ihr verbringen zu können.


Getragen von einem großartigen Romain Duris, der nicht nur durch seine Japanischkenntnisse beeindruckt, sondern auch intensiv die Sehnsucht Jérômes nach seiner Tochter spürbar macht, entwickelt Senez ein gefühlvolles, aber nie sentimentales Drama. Konzentriert sich der Film dabei auch ganz auf die Perspektive von Jérôme, der in jeder Szene präsent ist, so wird gegen Ende doch auch Einblick in die lange verschüttete, aber durch das Wiedererkennen rasch wachsende Sehnsucht der Tochter geboten.


Bewegend erzählt "Une part maquante" so eine Vater-Tochter-Geschichte und stellt gleichzeitig die japanische Sorgerechtspraxis in Frage, besticht aber auch durch die Aufdeckung kultureller Differenzen. Steht aber hier zunächst (wieder einmal) den aufbrausenden Europäer:innen die Höflichkeit und Zurückhaltung der Japaner:innen gegenüber, so wird an einigen Stellen doch sichtbar, dass auch die Bewohner:innen des Inselstaates laut werden können.


Auch die Randstellung der als Gaijin bezeichneten westlichen Ausländer:innen wird angeschnitten und auch in Details, wie dem Umstand, dass Jérôme sein Tattoo, das sich selbstverständlich auf seine Tochter bezieht, im öffentlichen Bad abdecken muss, oder einem Spiel, bei dem man den angestauten Frust abbaut, indem man mit einem Baseballschläger ein komplettes Zimmer zertrümmert, macht kulturelle Unterschiede sichtbar.


Hart lässt Senez schließlich väterliche Liebe und rigorose staatliche Maschinerie aufeinanderprallen, endet aber doch versöhnlich, wenn trotz physischer Trennung heutige Technologien wenigstens einen virtuellen Kontakt ermöglichen.

 


Une part manquante

Frankreich / Belgien / Japan / USA 2024

Regie: Guillaume Senez

mit: Romain Duris, Judith Chemla, Mei Cirne-Masuki, Tsuyu, Shungiku Uchida, Patrick Descamps

Länge: 98 min.



Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen.



Trailer zu "Une part manquante"


 

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