• Walter Gasperi

Les Olympiades - Wo in Paris die Sonne aufgeht


Jacques Audiard verknüpft leichthändig mehrere Liebesgeschichten aus einem Viertel von Paris zu einem visuell betörenden und frei dahinfließenden Reigen, der intensiv jugendliches Begehren und die Leidenschaftlichkeit der Gefühle erfahrbar macht.


Jacques Audiard ist spätestens seit "Un prophète" (2009) und "Le rouille et d´os – Der Geschmack von Rost und Knochen" (2012) für intensives, sehr körperliches und männlich dominiertes Kino bekannt. Doch jetzt legt der 69-jährige Franzose, der auch bislang versuchte, sich nie zu wiederholen, mit der Verfilmung von drei kurzen Graphic Novels des New Yorker Cartoonisten Adrian Tomine nochmals etwas ganz Neues vor.


Aus der Vogelperspektive erfasst die Kamera von Paul Guilhaume eine Hochhaussiedlung im 13. Pariser Arrondissement. Zwölf Wohntürme wurden hier zwischen 1969 und 1974 errichtet, acht wurden nach Olympiastädten wie Sapporo, London, Tokio und Helsinki benannt, sodass das Viertel, das heute als größte Chinatown Europas gilt, den Namen Les Olympiades erhielt.


Bestechend sind die Schwarzweißbilder, verleihen den kalten Betonbauten des im Südosten der Metropole gelegenen Stadtteils eine faszinierende Aura, vermitteln aber auch deren Anonymität. Schauplatz eines sozialrealistischen Dramas könnte dieses Milieu sein, doch dafür interessiert sich Audiard nicht.


Frei gleitet die Kamera durch die Siedlung, deutet mit Blicken in einzelne Wohnungen an, welch unterschiedliche Geschichten sich hier abspielen und erzählt werden könnten. Touristische Attraktionen gibt es im ehemaligen Arbeiterviertel dagegen kaum und bleiben so auch im Film außen vor. Ein Paris abseits der Klischeebilder zeigt Audiards Film, weder Eiffelturm noch andere Sehenswürdigkeiten bekommt man zu sehen.


Auch gesellschaftliche Aspekte werden weitgehend ausgespart. Audiard fokussiert ganz auf drei noch recht jungen Erwachsenen. Da gibt es die Chinesin Émilie (Lucie Zhang), die in der Wohnung ihrer dementen, in einem Seniorenheim untergebrachten Großmutter lebt. Um etwas zu ihrem Job in einem Callcenter dazu zu verdienen, vermietet sie ein Zimmer an den afrikanischstämmigen Lehrer Camille (Makita Samba).


Schnell haben die beiden Sex miteinander, doch eine Beziehung entwickelt sich nicht und nach etwa zwei Wochen entzieht sich Camille Émilie und beginnt eine Beziehung mit einer Kollegin. Bei Émilie scheinen sich aber über den Sex Gefühle eingeschlichen zu haben, denn wütend reagiert sie auf Camillie, der nun auszieht.


Abrupt wechselt der Film zur 32-jährigen Nora (Noémie Merlant), die von Bordeaux nach Paris gezogen ist, um Jus zu studieren. Das unerfahrene und schüchterne Landei versucht Anschluss in Student*innenkreisen zu finden, doch als sie auf einer Party mit blonder Perücke auftaucht, wird sie für das Camgirl Amber Sweet (Jehnny Beth) gehalten und bei den Vorlesungen so gemobbt, dass sie das Studium abbricht und eine Stelle als Immobilienmaklerin antritt.


So trifft sie auf Camille, der seinen Job als Lehrer aufgegeben hat und ebenfalls in dem Immobilienbüro arbeitet. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Beziehung, doch Nora beginnt auch Amber Sweet im Internet zu kontaktieren und bald auch privat Kontakt aufzunehmen. Und Émilie wiederum sehnt sich immer noch nach Camille.


So betörend "Les Olympiades" durch die brillanten Schwarzweißbilder ist, so begeisternd ist die Leichthändigkeit der Erzählweise. Wie zuletzt Mike Mills in "Come on, Come on" lässt auch Audiard die Handlung frei und fließend dahinmäandern. Aber auch formale Mittel wie Splitscreen, Zeitlupe oder die vagen Zeitinserts "So fing es an", "Etwa einen Monat später" und "Sonntag" schiebt er je nach Bedarf ganz selbstverständlich ein.


Ebenso musikalisch wie genuin filmisch wirkt dieser Liebesreigen durch diese befreite Form und vermittelt mit dieser flottierenden Erzählweise auch über die formale Ebene die Ungezwungenheit und Unverbindlichkeit der wechselnden Beziehungen, aber auch die Intensität der Gefühle dieser Jugend, ihr Begehren und ihre Sehnsucht. Zu verdanken ist dies wohl auch den beiden Co-Drehbuchautorinnen Céline Sciamma und Léa Mysius, denen es auch in ihren eigenen Filmen immer wieder gelingt, tief in die jugendliche Erfahrungswelt einzutauchen.


Und selbstverständlich tragen auch die unverbrauchten und natürlich agierenden, unbekannten Schauspieler*innen viel zur jugendlichen Frische von "Les Olympiades" bei. Wie in den Beziehungen wechseln diese multiethnischen Protagonist*innen, deren Herkunft in einer globalisierten Welt keine Rolle mehr zu spielen scheint, auch ihre Rollen im Leben, arbeiten bald in einem Callcenter, dann in einem Restaurant, bald als Lehrer dann als Immobilienmakler oder geben das Studium auf, um zu arbeiten.


Auch in diesen Identitätswechseln macht Audiard jugendliche Leichtigkeit und Unbekümmertheit sowie die Lust seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und sich neugierig auf die Welt und die Menschen einzulassen intensiv erfahrbar. Und dennoch stehen am Ende als Gegenpol zum unverbindlichen Sex am Beginn mit einem mehrfach wiederholten "Ich liebe dich" echte Liebe und tiefe Gefühle.


Les Olympiades – Wo in Paris die Sonne aufgeht Frankreich 2021 Regie: Jacques Audiard mit: Lucie Zhang, Makita Samba, Noémie Merlant, Jehnny Beth, Camille Léon-Fucien Länge: 106 min.



Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: 11.5., 20 Uhr


Trailer zu "Les Olympiades - Wo in Paris die Sonne aufgeht"