• Walter Gasperi

Gespür für jugendliche Gefühlswelten: Die Filme von Céline Sciamma


Céline Sciamma (geb. 1978)

Mit dem historischen Liebesfilm "Portrait de la jeune fille en feu" gelang der Französin Céline Sciamma 2019 der große internationale Durchbruch. Doch nicht nur in diesem Meisterwerk stehen junge Frauen und Mädchen, ihre Identitätssuche und ihr erwachendes Begehren im Zentrum. Das Stadtkino Basel widmet Sciamma im April eine Filmreihe.


Zwei pubertierende junge Synchronschwimmerinnen ("Water Lilies", 2007), ein zehnjähriges Mädchen, das sich als Junge ausgibt ("Tomboy", 2011), eine 16-jährige, die in einer tristen Pariser Vorstadt ihren Platz und ihre Identität sucht ("Bande des filles - Girlhood", 2014), eine junge Adelige, die Ende des 18. Jahrhunderts verheiratet werden soll, aber ihre Liebe zu einer Frau entdeckt ("Portrait de la jeune fille en feu", 2019), ein achtjähriges Mädchen, das den Verlust seiner Großmutter verarbeiten muss ("Petite Maman", 2021). - Im Zentrum aller Filme von Céline Sciamma stehen zunächst unsichere junge Frauen, die an einem Wendepunkt stehen.


Hautnah ist die am 12. November 1978 im Pariser Vorort Pontoise geborene Französin an ihren Protagonistinnen. Ebenso feinfühlig wie genau ist ihr Blick und sie entwickelt über diese Nähe zu ihren Figuren sowie die Blicke und Gesten ihrer unverbrauchten und natürlichen Schauspielerinnen intensives und sehr sinnliches Körperkino.


Nach einem Studium der Französischen Literatur studierte sie an der Pariser Filmhochschule La fémis Drehbuch. Nach zwei Drehbüchern für Kurzfilme des Musikproduzenten und Techno DJs Jean-Baptiste de Laubier alias Para One, erhielt sie, ohne eigene Regieerfahrung zu besitzen, das Angebot, ihr Drehbuch zu "Water Lilies" (2007) selbst zu verfilmen.


Auf dieses Coming-of-Age-Drama über jugendliche Sexualität, das in Cannes im Wettbewerb um den besten Erstlingsfilm lief, folgte vier Jahre später mit "Tomboy" (2011) eine weitere Erkundung des schwierigen Gefühlslebens einer Jugendlichen. Wie in allen Filmen ist Sciamma auch hier ganz auf Augenhöhe mit ihrer Protagonistin.


Einfühlsam und präzise schildert sie, wie der Umzug in eine neue Umgebung und die unbeschwerte Zeit der Sommerferien es einer Zehnjährigen ermöglichen, sich gegenüber ihren neuen Spielgefährten als Junge auszugeben. Eindrücklich werden dabei im Changieren Laures zwischen der Mädchenrolle im Kreis der Familie und der Jungenrolle im Freien ihre Zerrissenheit und der Druck dieser Doppelrolle spürbar. Doch trotz des ernsten Themas bewahrt der Film nicht zuletzt dank der Sommerstimmung Leichtigkeit und versprüht ein Gefühl der Freiheit.


Stärker sozial verankert ist "Bande des filles – Girlhood" (2014), der vor der tristen Kulisse einer Pariser Vorstadtsiedlung spielt. Aber auch dies ist kein Sozialdrama, sondern vielmehr beschwört Sciamma die Kraft der Freundschaft von vier Mädchen, vor allem die Kampfbereitschaft der 16-jährigen Mariéme, die trotz bedrückender privater Situation den Kopf nicht hängen lässt. Auch hier gelingt es Sciamma tief in die Gefühlswelt der Teenager einzutauchen und mit pulsierender Erzählweise, coolen von Blautönen dominierten Cinemascope-Bildern und mitreißender Musik die Lebenswelt dieser Teenager, ihre Begrenzungen durch das Umfeld, aber auch ihre Träume von einem Ausbruch aus dieser Beengung intensiv zu vermitteln.


Das Spannungsfeld von gesellschaftlichen Zwängen und Einengungen auf der einen Seite und individuellen Sehnsüchten und Begehren auf der anderen bestimmen auch den historischen Liebesfilm "Portrait de la jeune fille en feu" (2019). Konzentriert auf eine abgeschiedene Atlantikinsel vor der französischen Küste und ein Landhaus, in dem Männer abwesend sind, erzählt Sciamma in fein gewobener Textur von der erwachenden Liebe zwischen einer jungen Adeligen, die bald einen ihr unbekannten Mann heiraten soll, und der Malerin, die sie porträtieren soll.


Nicht zuletzt aufgrund der Figur der Malerin ist dies noch mehr als die anderen Filme Sciammas ein Film der Blicke und darüber, wie sich über den Blick langsam ein Begehren entwickelt. Gleichzeitig ist der Film in seinen großartigen, wie gemalt wirkenden Bildern der Malerin sehr nahe, vermittelt im ruhigen Erzählrhythmus intensiv die Sehnsucht nach weiblicher Selbstbestimmung, aber auch den bitteren Schmerz über das Scheitern dieser Befreiung.


Vom Begehren erzählt die Französin aber nicht nur in den eigenen Filmen, sondern auch in André Téchinés "Quand on a 17 ans" ("Mit Siebzehn", 2016), zu dem sie das Drehbuch schrieb, geht es um zwei Teenager – dieses Mal aber männliche –, die Gefühle füreinander entdecken, diese aber zunächst verdrängen und mit Feindseligkeiten überspielen. Auch dieser Film besticht durch die Nähe zu den Protagonisten und die intensive und glaubwürdige Schilderung ihrer von Widersprüchen bestimmten Gefühlswelt.


Wie tief und genau sie in die Gefühlswelt auch von Kindern eintauchen kann, bewies sie auch mit ihrem Drehbuch zu Claude Barras´ vielfach preisgekröntem Animationsfilm "Ma vie de courgette" ("Mein Leben als Zucchini", 2016). Zu Tränen rührt die Geschichte des neunjährigen Icare alias Zucchini, der nach dem tragischen Verlust seiner Mutter im Waisenhaus bittere Erfahrungen macht, weil Sciamma auch hier ganz auf Augenhöhe mit ihrem Protagonisten ist und so tief in dessen Empfinden eintaucht, dass man keine Distanz dazu bewahren kann.


Auf diese Kinderebene begab sich Sciamma auch in ihrer bislang letzten Regiearbeit "Petite Maman – Als wir Kinder waren" (2021). Klein und einfach ist die Handlung um die achtjährige Nelly, die unter dem Verlust der vor kurzem verstorbenen Großmutter leidet. Mit 72 Minuten, weitgehend einem Haus als Schauplatz und dem kleinen Mädchen sowie ihren Eltern als Protagonisten kommt der Film aus. Doch gerade in der Reduktion gelingt es Sciamma anhand von Nelly, die im Wald um das Haus der Oma einem gleichaltrigen Mädchen begegnet, das eine jüngere Variante ihrer eigenen Mutter ist, nicht nur feinfühlig von der tiefen Beziehung zwischen Mutter und Kind, sondern auch von Verlust und Trauer, von Vergänglichkeit und der Kostbarkeit des Augenblicks zu erzählen.


Filigrane Querverbindungen stellen sich so zwischen den Filmen der 44-jährigen Französin ein, gleichzeitig wiederholt sie sich – zumindest bislang – aber nie. Gespannt sein darf man so nicht nur auf Jacques Audiards demnächst anlaufenden "Les Olympiades" ("Wo in Paris die Sonne aufgeht", 2021), zu dem sie das Drehbuch schrieb, sondern auch auf kommende Regiearbeiten.


Weitere Informationen und Spieldaten finden Sie hier.


Trailer zu "Bande des filles - Girlhood"