• Walter Gasperi

Petite Maman - Als wir Kinder waren


Nach dem gefeierten Meisterwerk "Portrait de la jeune fille en feu" legt Céline Sciamma einen kleinen und einfachen, aber wunderbar zarten und feinfühligen Film über Kindheit und die Mutter-Tochter-Beziehung vor, in dem aber auch Verlust und Trauer nicht ausgespart werden.


Prägnanz ist nötig, wenn ein Film nur 72 Minuten lang ist. Da ist für Schnörkel und ausladende Szenen kein Platz und von bestechender Präzision und Knappheit ist schon die Eröffnungsszene, in der die achtjährige Nelly (Joéphine Sanz) zuerst mit einer alten Frau ein Kreuzworträtsel löst, dann sich von ihr verabschiedet. In weitere Zimmer schaut das Mädchen hinein, verabschiedet sich von den Insassen, bis sie zum letzten Zimmer kommt, das ihre Mutter (Nina Meurisse) gerade ausräumt, denn Nellys Großmutter ist vor Kurzem gestorben.


Wenn sich nicht nur dieses Abschiednehmen durch den Film zieht, sondern auch das Lösen eines Kreuzworträtsels und der Stock der Verstorbenen, den Nelly mitnimmt, später wieder aufgenommen werden, zeigt sich, wie fein und sorgfältig gewoben "Petite maman" ist.


Vom Altersheim geht es zum Haus der Großmutter, das ausgeräumt werden muss. Man spürt wie alte Kinderhefte die Traurigkeit der Mutter steigern, bis sie dieses Haus ihrer Kindheit nachts verlässt und Nelly mit ihrem Vater (Stéphane Varupenne) allein für die letzten Arbeiten zurückbleibt. Bald geht das Mädchen nach draußen, spielt zunächst allein mit einem Ball, geht dann in den Wald auf Erkundung, wo ihre Mutter als Kind eine Baumhütte hatte. Dort trifft sie auf ein gleichaltriges Mädchen (Gabrielle Sanz), das nicht nur wie ihre Mutter Marion heißt und Nelly selbst zum Verwechseln ähnelt, sondern gerade auch an einer Baumhütte arbeitet.


Das ist selbstverständlich eine Imagination Nellys, die sich vorstellt, wie ihre Mutter als Kind war. Doch auch der Vater wird später dieses Mädchen sehen und mit ihm sprechen. Ganz selbstverständlich mischt sich so in die Realität das Magische und ohne jedes technische Brimborium erfolgt eine Zeitreise in die Kindheit der Mutter.


Kein Bruch gibt es hier durch Differenzen in Mode oder Technik, sondern die Zeiten fließen ganz selbstverständlich ineinander. Einzig Nellys Kopfhörer interessieren Marion und lassen sie fragen, ob dies die Musik der Zukunft sei. Doch nicht nur ihrer Mutter, sondern auch ihrer Großmutter (Margot Abascal), die schon damals am Stock ging, begegnet Nelly bei dieser ebenso verträumt-leichten wie realistisch angelegten Zeitreise und setzt sich auch mit der bevorstehenden Operation der noch kindlichen Mutter auseinander.


Abgesehen von der kurzen Auftaktszene benötigt Sciamma nur das Haus der Großmutter und den von Claire Mathons Kamera in leuchtende Herbstfarben getauchten, umliegenden Wald als Schauplätze und kommt - abgesehen von den Altersheiminsassen am Beginn - mit fünf Schauspieler*innen aus.


Ein Glücksgriff ist dabei zweifellos die Besetzung Nellys und der imaginierten kindlichen Mutter mit den Zwillingen Joséphine und Gabrielle Sanz. Ganz natürlich spielen sie und gehen in ihren Rollen voll auf, während Sciamma wiederum, die schon mit dem Drehbuch zu dem Animationsfilm "Mein Leben als Zucchini" und ihrem Regiedebüt "Tomboy" ihr Feingefühl und Gespür für kindliche und jugendliche Gefühlswelten bewies, es versteht, sich ganz auf Augenhöhe ihrer kleinen Protagonistinnen zu begeben.


So einfach und klein gehalten die Geschichte ist, so tief taucht Sciamma doch in kindliche Gefühle und Sehnsüchte ein. Keinen falschen Ton gibt es hier, echt und authentisch wirkt dieses kleine Meisterwerk in jeder Szene und auch keine süßliche Musik stört den Gesamteindruck. Wenn diese beiden Kinder im Grunde 23 Jahre trennen und auch die verstorbene Großmutter noch als recht junge Erwachsene präsent ist, erzählt "Petite Maman" auch von Vergänglichkeit und Altern, von der Kostbarkeit und Unwiederholbarkeit des Augenblicks und dem Bruch, den jeder Abschied mit sich bringt.


Und schließlich ist dies auf zwei Ebenen eine Ode an die intensive Beziehung zwischen Tochter und Mutter. Denn einerseits erfüllt der Tod der Großmutter Nellys Mutter mit großer Trauer, andererseits sehnt sich eben auch Nelly nach der abgereisten Mutter. Der Vater kann diese Lücke nicht füllen und bleibt eine Randfigur.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino in Schaan.


Trailer zu "Petite Maman - Als wir Kinder waren"