Diagonale ´26: Anregende Vielfalt
- Walter Gasperi

- vor 6 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Angela Sumereders "B wie Bartleby" und Tolga Karaaslans "Baba, What´s Your Plan?" wurden zum Abschluss der Diagonale mit dem jeweils mit 15.000 Euro dotierten Spielfilm- bzw. Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet. Doch auch abseits dieser Preisträger konnte man in Graz heuer wieder vielfältige Entdeckungen machen.
Etwas überraschend kam, dass nicht einer der schon international gefeierten Spielfilme wie Johanna Moders "Mother´s Baby", Markus Schleinzers "Rose" oder Adrian Goigingers "Vier minus drei" am Ende als bester Spielfilm ausgezeichnet wurde, sondern Angela Sumereders "B wie Bartleby". Gut möglich ist, dass es der Jury mit ihrer Entscheidung auch darum ging, gerade einem bislang doch eher wenig beachteten Film Öffentlichkeit zu verschaffen.
Während Sumereders von Herman Melvilles berühmter Erzählung inspirierter Essayfilm schon im Januar in den Kinos angelaufen ist, wurde mit "Baba, What´s Your Plan?" als bester Dokumentarfilm ein sehr persönlicher Film ausgezeichnet, der in Graz seine Weltpremiere feierte. Tolga Karaaslan zeichnet darin den langen Kampf seines kranken Vaters um eine Invaliditätspension nach. Der Publikumspreis wiederum ging an den 1967 spielenden Spielfilm "The Stories", in dem Abu Bakr Shawky von einem jungen ägyptischen Pianisten und seiner österreichischen Brieffreundin erzählt. "The Stories" feierte in Graz seine Österreichpremiere und wird am 10. Juli in die Kinos kommen.
Auch abseits dieser Preisträger bot die Diagonale wieder ein vielfältiges und anregendes Programm, wenn auch herausragende Highlights vielleicht ausblieben. Bestens unterhalten konnte man sich aber jedenfalls bei Sebastian Brauneis´ Sozialsatire "AMS – Arbeit muss sein". Mit Verve und getragen von einem lustvoll aufspielenden und blendend harmonierenden Ensemble erzählt der 48-jährige Wiener darin von einer Gruppe von Arbeitslosen, die sich zusammenschließen, um eine schikanöse Mitarbeiterin des Arbeitsmarktservice in die Pfanne zu hauen.
Mit leichter Hand übt Brauneis einerseits Kritik an Bürokratie, Karrieredenken und Intrigen im Amt sowie Parkieren von Arbeitslosen in absurden Kursen und erinnert andererseits an die schlechten Chancen von älteren Menschen und Migrant:innen auf dem Arbeitsmarkt. Trotz ernstem Hintergrund kommt aber der Spaß nie zu kurz, wenn die Handlung immer wieder mit Musicalszenen aufgelockert wird und gekonnt mit den Mustern des Heist-Movies gespielt wird, wenn die Underdogs zum Rachefeldzug ausholen.
Frischen Wind ins österreichische Kino brachte aber auch Maria Petschnig, die in "Beautiful and Neat Room", von eigenen Erfahrungen inspiriert, von einer kanadischen Videokünstlerin erzählt, die in ihrer New Yorker Mietwohnung gegen 47 Dollar pro Nacht Mitbewohner:innen aufnimmt. Ganz auf die Wohnung konzentriert zeigt Petschnig in episodischer Erzählweise mit unterschiedlichen Untermieter:innen, welche bald witzigen, bald beunruhigenden Probleme das Zusammenleben bringen kann.
Gelungenen Kontrast zu den im engen 4:3-Format gefilmten Szenen, die die Klaustrophobie in der kleinen Wohnung eindringlich vermitteln, bilden dabei Breitwandbilder zwischen den einzelnen Episoden, die das lebensfrohe und vitale Leben in den Parks, auf den Straßen oder am Strand des Big Apple beschwören.
Einen starken Eindruck hinterließen in Graz aber vor allem die Dokumentarfilme. Intensiv lässt so die vor Fertigstellung ihres Films "Mit den Ästen in den Himmel" im November 2024 nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 51 Jahren verstorbene Katharina Copony in die Welt von sehbehinderten Kindern eintauchen. Ganz auf eine Wiener Blindenschule konzentriert sich der Film. Hautnah ist die Kamera von Stefan Neuberger an den Kindern und Jugendlichen dran, hält fest, wie sie im Biologieunterricht tastend die Teile eines Baumes kennenlernen, wie sie mit Langstock die Umgebung erkunden, mit Brailleschrift Gedichte schreiben, musizieren und Fußball spielen.
Nie ist der Blick dabei voyeuristisch, sondern immer zugewandt und empathisch und bewegend erzählt der Film nicht von den Beschränkungen durch die Behinderung, sondern vielmehr von erfolgreichen Lernprozessen und den Möglichkeiten mit Tast- und Hörsinn die Welt zu erkunden.
Auf der Höhe der Zeit ist schließlich "All My Sisters" des Iraners Massoud Bakhshi, der durch seinen Spielfilm "Yalda" bekannt wurde. Wie ein dokumentarisches - und auch ungleich politischeres - Gegenstück zu Richard Linklaters "Boyhood" wirkt dieser Film, für den Bakshi seine beiden in Teheran lebenden Nichten vom Kleinkindalter bis zur Volljährigkeit mit der Kamera begleitete. Einblicke in das repressive Regime bleiben dabei freilich nicht aus, wenn mit wachsendem Alter zunehmend darauf geachtet wird, dass die Mädchen verschleiert sind und sie während der Proteste im Herbst 2022 trotz der Ängste der konservativen Großmutter auf dem Dach ihres Hauses den von den Straßen schallenden Ruf "Woman, Life, Freedom" aufnehmen.
Aber auch die Grundkonzeption des Films vermittelt die ständige Angst vor Repression. Denn den Rahmen der Erzählung bildet eine private Vorführung des Films für die nun erwachsenen Nichten, die selbst entscheiden sollen, welche Szenen gezeigt und welche geschnitten werden sollen. Haften bleibt hier vor allem eine Szene, in der die beiden Teenager in einer Wüstenlandschaft außerhalb Teherans sich ohne Schleier fotografieren und Bakhshi ihnen vorschlägt, sie zum Schutz im fertigen Film durch künstlichen Nebel zu verhüllen.
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