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35. FILMKUNSTFEST Mecklenburg-Vorpommern: Vielfältiger Spielfilmwettbewerb

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 29 Minuten
  • 4 Min. Lesezeit
35. Filmkunstfest MV: Coming-of-Age-Film, Sozialdrama und Thriller
35. Filmkunstfest MV: Coming-of-Age-Film, Sozialdrama und Thriller

Zehn Spielfilme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz konkurrierten beim Schweriner Filmfestival um den "Fliegenden Ochsen" und weitere Preise. Während die Spielfilmjury Mike van Diems "Our Girls" zum Sieger kürte und die Darstellerpreise an Chen Emilie Yan ("Staatsschutz") und Sabine Thalau ("Ich verstehe Ihren Unmut") vergab, zeichnete die FIPRESCI Jury "Becaária" des Tessiners Erik Bernasconi aus. Höhepunkt der Preisverleihung war aber die Auszeichnung des 95-jährigen Armin Mueller-Stahl mit dem Ehrenpreis "Der Goldene Ochse".


Das 35. FILMKUNSTFEST Mecklenburg-Vorpommern präsentierte vom 5. bis 10. Mai in der malerisch zwischen Seen gelegenen Landeshauptstadt Schwerin, dessen Residenzensemble mit Schloss und 27 historischen Bauten seit 2024 zum UNESCO Weltkulturerbe gehört, ein umfangreiches und vielfältiges Programm. Der Bogen spannte sich von einer Filmreihe und einem Rahmenprogramm zum Gastland Island über den Jugendfilm-, Kurzfilm-, Dokumentarfilm- und Spielfilmwettbewerb bis zu einer Hommage an Armin Mueller-Stahl.


Mit einer Auswahl seiner Filme von Frank Beyers "Nackt unter Wölfen" (1963) über Costa-Gavras "Music Box" (1989) bis zu David Cronenbergs "Eastern Promises" (2007) wurde ebenso Einblick in seine rund 50-jährige Karriere geboten wie mit einem Werkstattgespräch mit dem 95-Jährigen. Zudem gab der Weltstar im Filmpalast Capitol mit der Armin Mueller-Stahl-Band auch ein Konzert und sorgte mit seinem Auftritt bei der Preisverleihung, bei der er mit seiner vor Witz sprühenden, weitgehend wohl improvisierten Rede das Publikum zu Standing Ovations veranlasste, für einen bewegenden Höhepunkt.


Während als bester Jugendfilm "Heute heißen alle Sorry" von Frederike Migom, als bester Kurzfilm "Liquor" von Yi-Chen Huang und als bester Dokumentarfilm Lena Karbes "Innere Emigranten" ausgezeichnet wurden, ging der "Fliegende Ochse" als Hauptpreis des Spielfilmwettbewerbs an Mike van Diems "Our Girls", der auch den Publikumspreis gewann. Handwerklich ist dieses aufgrund der Förderung von Cine Tirol in der Tiroler Bergwelt spielende Drama sicherlich routiniert inszeniert und auch stark gespielt, die zahlreichen Wendungen lassen es aber doch als unglaubwürdiges Konstrukt erscheinen.


Ausgesprochen vielfältig präsentierte sich insgesamt der Spielfilmwettbewerb. Keiner der zehn Filme war mit dem anderen vergleichbar. So stand "Our Girls" Ulrike Ottingers mit prächtiger Ausstattung durch berühmte Wiener Schauplätze wie Nationalbibliothek und Prater führende Vampirkomödie "Die Blutgräfin" gegenüber und der treibende Großstadtfilm "Gropiusstadt Supernova" wurde von Kai Stänickes Dorfdrama "Der Heimatlose" kontrastiert.


Stänicke lässt in seinem Spielfilmdebüt einen auf die 30 zugehenden Mann auf eine abgeschiedene Nordseeinsel zurückkehren, die er vor 14 Jahren verlassen hat. Doch nun wollen oder können die Dorfbewohner:innen den Heimkehrer nicht erkennen und setzen ein mehrtägiges Dorfgericht an, in dem die Identität des Mannes geklärt werden soll. Zentrale Ereignisse im Leben des Fremden werden dabei aufgearbeitet, doch die Erinnerungen der Bewohner:innen und des Fremden weichen markant voneinander ab.


Jeder konkreten zeitlichen Verankerung enthebt Stänicke "Der Heimatlose" durch die im Stil von Lars von Triers "Dogville" nur angedeuteten Kulissen, die altertümlichen Kostüme und die archaische Gesellschaftsstruktur des Fischerdorfs und entwickelt so eine packende Parabel über die Rolle von Lüge und Verdrängung bei der Stabilisierung und Identitätsstiftung einer Gemeinschaft, aber auch eines Individuums.


Große Geschlossenheit und Kraft entwickelt dieser Film dabei nicht nur durch die Konzentration auf die Dorfgemeinschaft und die Prüfung der Identität des Fremden, sondern auch durch die eindrucksvolle visuelle Gestaltung, für die die von dunklen Erdfarben dominierten und meist wolkenverhangenen Bilder von Kameramann Florian Mag sorgt.


Zeitlich und räumlich genau verankert ist dagegen "Becaária", in dem Erik Bernasconi in den Tessiner Sommer des Jahres 1977 entführt. Nach dem 2011 erschienenen gleichnamigen Jugendroman von Giorgio Genetelli erzählt Bernasconi in Bildern, die mit Ausstattung und Farben atmosphärisch dicht die späten 1977er Jahre evozieren, vom 16-jährigen Mario, der nach der verhauenen Matura von seinem Vater zu einem Schafbauern in ein abgeschiedenes Bergdorf geschickt wird. Dort lernt der schüchterne und orientierungslose Teenager nicht nur die körperlich harte Arbeit kennen, sondern entdeckt dank selbstbewusster und aufgeschlossener Frauen auch seine Sexualität. Gleichzeitig findet er im Dorfarzt auch einen väterlichen Freund, der ihm Wege für eine zu ihm passende berufliche Ausbildung aufzeigt.


Bernasconi erzählt im Kern zwar eine schon oft erzählte Coming-of-Age- und Entwicklungsgeschichte, macht daraus aber durch den ebenso geduldigen wie genauen Blick, die differenzierte Zeichnung der Figuren, die von einem großartigen Ensemble verkörpert werden, die feinfühlige und immer empathische Erzählweise und die nie aufdringliche, aber doch präzise Einbettung in eine großartige Landschaft einen runden und stimmigen Film, der auch beim Publikum Erinnerungen an die eigene Jugend wachrufen kann.


Während sich in "Becaária" im Agieren der Frauen der gesellschaftliche Aufbruch der 68-er Rebellion spiegelt, ist Faraz Shariat mit "Staatschutz" am Puls der Zeit. Im Gewand eines Thrillers erzählt der 34-jährige Kölner nach seinem viel beachteten Debüt "Futur Drei" von einer jungen deutsch-koreanischen Staatsanwältin, die Opfer eines rassistischen Anschlags wird und selbst gegen die Täter zu ermitteln beginnt, da die Behörde nur zögerlich agiert. Sukzessive deckt sie dabei Verstrickungen von Polizei und Justiz in die rechte Szene auf.


Getragen von der starken Hauptdarstellerin Chen Emilie Yan, die sich als Staatsanwältin immer mehr in den Fall verbeißt und ihre Kompetenzen überschreit, erzählt Shariat so nicht nur eine packende Geschichte, sondern wirft auch brennend aktuelle Fragen nach der Gefährdung der Demokratie durch rechte Gruppierungen, die jede Rechtstaatlichkeit ablehnen, auf.


Einen schier atemlosen Eindruck vom Druck und Stress unter dem eine 59-jährige Objektleiterin einer Reinigungsfirma steht, vermittelt dagegen Kilian Armando Friedrich in seinem Spielfilmdebüt "Ich verstehe Ihren Unmut". Im Stil der Dardenne-brüder folgen Friedrich, der vom Dokumentarfilm kommt, und seine Kameramänner Louis Dickhaut und Frederik Seeberger in diesem musiklosen Sozialdrama hautnah ihrer Protagonistin bei ihrer Arbeit und bei hektischen Telefonaten mit der Firmenleitung ebenso wie mit unzufriedenen Kunden.


Eindringlich und plastisch werden so durch die quasidokumentarische Inszenierung und das intensive Spiel der Hauptdarstellerin Sabine Thalau, die auch im realen Leben in der Gebäudereinigung arbeitete, die unterschiedlichen Abhängigkeiten und menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in diesem Niedriglohnsektor sichtbar. Auch wenn der Film am Ende ruhiger wird und mit einem Moment der Solidarität leise Hoffnung auf einen Neubeginn weckt, so wird "Ich verstehe Ihren Unmut" in Zukunft vielleicht doch anders auf Reinigungskräfte blicken lassen.



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