• Walter Gasperi

Futur Drei


Stilistisch unbekümmert erzählt Faraz Shariat in seinem autobiographischen Debüt vom Coming-of-Age des homosexuellen Sohnes iranischer Immigranten. – Ein eigenwilliger Film, der in der Nähe zu den Figuren und poetischen Bildern intensiv die Gefühlswelt des Protagonisten beschwört.


Mit einem unscharfen Home-Video lässt der 1994 in Köln geborene Faraz Shariat sein Regiedebüt beginnen. Nicht nachinszeniert wurde dies, sondern es handelt sich um Originale aus der Kinderzeit von Shariat. Verstärkt wird der autobiographische Zug noch dadurch, dass seine realen Eltern die Eltern des Protagonisten Parvis spielen.


Alles tun diese, die während der Iranischen Revolution 1978 nach Deutschland geflüchtet sind, für ihren Sohn. Über Jahrzehnte haben sie sich in ihrem kleinen Supermarkt abgerackert, damit es Parvis gut geht und er sich in Deutschland zu Hause fühlt, sie selbst scheinen nie wirklich in diesem Land angekommen zu sein. Sie akzeptieren auch, dass Parvis schwul ist, lassen ihm alle Freiheiten, doch er weiß dies kaum zu schätzen, ist unzufrieden und schlägt die Zeit mit langen Nächten in Clubs und Sex-Dates tot.


Bewegung kommt aber in sein Leben, als er wegen eines Ladendiebstahls in einem Wohnheim für Flüchtlinge 120 Sozialstunden ableisten muss. Als Übersetzer von Migranten, die abgeschoben werden sollen, bekommt er Einblick in eine andere Welt und freundet sich langsam auch mit den Geschwistern Banafshe und Amon an, deren Abschiebung bevorsteht.


Ganz nah an den Figuren ist Shariat immer wieder, folgt ihnen mit langen Kamerafahrten, setzt dann wieder Ruhepunkte mit langen statischen Einstellungen. Unbekümmert wechselt er Stil und Tempo, evoziert mit knalligen Farben und Lichtführung sowie wummernder Musik in den Clubszenen intensives Körperkino.


Bewusst bruchstückhaft bleibt "Futur Drei" dabei. Nichts wird auserzählt, vieles nur kurz angetippt. Bald lässt sich der Film viel Zeit für eine (homosexuelle) Sexszene, dann blickt er wieder auf Parvis´ Geburtstagsfeier im Kreis der Familie.


Der beschaulichen Wohnsiedlung am Stadtrand, in der auch die Familie von Parvis ein Einfamilienhaus hat, steht das Flüchtlingsheim gegenüber, dessen Bewohner ständig Abschiebung fürchten, und dieser Tristesse wiederum ausgelassene Partynächte.


Während auf der einen Seite viele Alltagsszenen, die an den realen Schauplätzen aufgenommen wurden, und auch der Blick auf die Familie von Parvis dokumentarisch wirken, werden andererseits die Clubszenen und die Menage à trois, die sich zwischen Parvis, Amon und Banafshe entwickelt, mit Farb- und Lichtdramaturgie sowie ausgiebigem Musikeinsatz poetisch überhöht.


Ungehobelt und rau ist dieser Film in seinem unbekümmerten Wechsel von unterschiedlichen Schauplätzen, Tempo und Stil, vermittelt aber gerade in seiner Sprunghaftigkeit authentisch und dicht die Gefühlswelt von Parvis. Fern von braven Fernsehfilmen und biederem Förderungskino ist das, reißt mit seiner jugendlich frischen Filmsprache mit und lässt gespannt auf den nächsten Film des erst 26-jährigen Shariat warten.


Läuft am Samstag, den 31. Oktober um 17 Uhr am Spielboden Dornbirn


Trailer zu "Futur Drei"