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Crossing Europe 2026: Preise für Litauen und Mut zu eigener filmischer Sprache

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 4 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit
Crossing Europe Filmfestival Linz: Ein Ort für spannende Entdeckungen
Crossing Europe Filmfestival Linz: Ein Ort für spannende Entdeckungen

Mit einem geteilten Crossing Europe Award – Best Fiction Film für "Renovation" von Gabrielé Urbonaité und "The Visitor" von Vytautas Katkus lenkte die Jury den Blick auf das junge litauische Kino. Doch auch aus anderen europäischen Ländern konnte man in dem sorgfältig kuratierten Programm wieder spannende Entdeckungen machen.


Bei Filmfestivals kann man angesichts der Fülle der gezeigten Filme nie einen Überblick über das gesamte Programm gewinnen. Statt zwischen den Sektionen zu pendeln, wurde so der Fokus beim heurigen Crossing Europe Filmfestival Linz vor allem auf den Spielfilmwettbewerb gelegt, die Schienen "Arbeitswelten" und "Local Artists" wurden ebenso ausgespart wie der Dokumentarfilmwettbewerb, in dem die Jury "If Pigeons Turned to Gold" der Tschechin Pepa Lubojacki mit dem mit 5000 Euro dotierten Crossing Europe Social Awareness Award auszeichnete.


Auch im Spielfilmwettbewerb konnte "The Visitor" von Vytautas Katkus, dem die Jury einen geteilten Crossing Europe Award – Best Fiction Film verlieh, nicht gesichtet werden. "Renovation" von Gabrielé Urbonaité bietet als zweiter Preisträger jedenfalls warmherziges und durch und durch sympathisches, aber auch ziemlich konventionelles Kino.


Im Mittelpunkt steht eine kurz vor ihrem 30. Geburtstag stehende Übersetzerin, die mit ihrem Partner in eine Wohnung in Vilnius einzieht. Kurz darauf muss das Paar aber feststellen, dass der Block saniert wird und sie von ständigem Baustellenlärm gestört werden. Die Renovierung des Hauses wird dabei zur Metapher für die Situation der Protagonistin, die sich Klarheit über ihr eigenes Leben und ihre Zukunft verschaffen muss.


Sicher hält die 33-jährige litauische Regisseurin in ihrer sanften Tragikomödie die Balance zwischen Ernst und Humor und ruft mit einem verheirateten ukrainischen Bauarbeiter, mit dem sich eine leise Freundschaft oder sogar Liebe entwickelt, auch die bedrückenden Folgen des Kriegs im Osten Europas in Erinnerung.


Filmisch aufregender ist aber zweifellos Louise Hémons ebenso betörendes wie rätselhaftes Spielfilmdebüt "L´Engloutie – Das Mädchen im Schnee", das die Jury mit einer Special Mention würdigte. Aber auch abseits dieser Preisträger:innen gab es in Linz wieder Spielfilme zu entdecken, deren Regisseur:innen selbstbewusst und konsequent in einer markanten filmischen Sprache erzählen.


In großartigen statischen Totalen einer von Beton und Asphalt dominierten Stadtlandschaft evoziert die Schweizer Dokumentarfilmerin Jaqueline Zünd so in ihrem Spielfilmdebüt "Don´t Let the Sun" eine Welt, in der es so heiß geworden ist, dass man Wohnungen und Häuser nur noch nachts verlassen kann. Zur äußeren Hitze, die auch in der Überbelichtung der Bilder spürbar wird, kommen die Entfremdung und Gefühllosigkeit der Figuren. Allein zieht hier Cleo ihre Tochter Nika auf, mietet für sie dann aber doch den jungen Jonah, der für eine Agentur in unterschiedlichste Rollen schlüpft.


Wie er für ein altes Ehepaar bald der verstorbene Sohn, für einen Uni-Dozenten der einzige Hörer einer Vorlesung und für eine Afrikanerin der Partner ist, erinnert an Bernhard Wengers Satire "Pfau – Bin ich echt?" ebenso wie an Hikaris "Rental Family". Weist Nika diesen Miet-Freund oder Ersatzvater zunächst kühl zurück, so entwickelt sie dann doch langsam Gefühle, mit denen nun aber Jonah überfordert ist und sich zurückzieht.


Die Langsamkeit, mit der Zünd die Geschichte entwickelt, korrespondiert mit dem verlangsamten Leben in dieser dystopischen Welt. Gesprochen wird nur wenig, doch gerade im Vertrauen auf die Bildsprache und das Sounddesign evoziert "Don´t Let the Sun" intensiv eine tiefmelancholische Atmosphäre der Verlorenheit und Entfremdung, die auch an die Filme Michelangelo Antonionis erinnern kann.


Wortkarg ist auch Saša Vajdas auf 16mm Film gedrehter Spielfilm "The Lights, They Fall". In lakonischer Beobachtung folgt der Autodidakt Vajda in seinem mit Lai:innen besetzten Debüt in ruhigen Cinemascope-Bildern dem 16-jährigen Ilay durch den Alltag vom Sozialdienst über Treffen mit Kumpels, Job in einem Logistikzentrum bis nach Hause, wo sich eine mexikanische Pflegerin um seine todkranke Mutter kümmert.


Vajda dramatisiert nicht, verzichtet auf Musik ebenso wie auf Erklärungen und beschränkt sich aufs Beobachten. Statt jede Szene auszuformulieren, lässt er Leerstellen, die die Fantasie des Zuschauers anregen. Zunehmend wird so auch dank der großen Präsenz des Hauptdarstellers Mohammed Yassin Ben Majdouba spürbar, wie sehr Ilay der nahe Tod seiner Mutter, den er zu verdrängen versucht, belastet. Gleichzeitig geht der in seiner unaufgeregten Erzählweise und der Konzentration auf Alltägliches an die Berliner Schule erinnernde Film aber über einen reinen Realismus hinaus, wenn sich gegen Ende auch magisch-irrationale Momente einschleichen.


In keine Schublade passt schließlich Oscar Hudsons Spielfilmdebüt "Straight Circle". Den Widerspruch des Titels von "Gerade" und "Kreis" dekliniert der Brite konsequent durch, wenn er zunächst in Splitscreen einer präsidialen Ansprache mit perfekt uniformierten Soldaten und Hymne auf der einen Seite eine eher volkstümlich-chaotische Truppe auf der anderen Seite gegenüberstellt und anschließend zwei gegensätzliche Soldaten eine Grenze in der Wüste sichern lässt.


Dem perfekt uniformierten und kahl geschorenen Soldaten, der großen Wert auf Einhaltung militärischer Regeln legt, steht dabei ein langhaariger und schlecht gekleideter Grenzwächter gegenüber. Rivalitäten bleiben im Aufeinandertreffen der beiden Männer nicht aus, doch schließlich kommt es auch zu einer Annäherung bis zur Deckungsgleichheit und Austauschbarkeit.


Bildstark verankert Hudson die Handlung in einem Wüstensetting, dessen Weite und Öde einzig durch den Grenzzaun und eine Hütte durchbrochen wird, und kommt mit den beiden Soldaten, die von den eineiigen Zwillingen Luke und Elliot Tittensor gespielt werden, als Protagonisten aus. In einer Mischung von Witz, der teilweise an die Monty Pythons erinnert, und Thrill wird die Handlung sukzessive weitergetrieben und die Absurdität des Nationalismus, des Feindbildaufbaus und die Betonung von väterlichen Traditionen, in deren Fußstapfen zu treten den Menschen von Kindheit an eingeimpft wird, aufgedeckt.


Ein paar Enden zu viel mag "Straight Circle" vielleicht haben, doch ein eindrückliches Debüt, das gespannt auf den nächsten Film des jungen Regisseurs warten lässt, ist Hudson hier zweifelsohne gelungen. – Und Filme wie dieser machen auch schon jetzt Lust auf das nächste Crossing Europe Filmfestival.


Die Liste der Preisträger:innen finden Sie hier.



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