Crossing Europe 2026 im Zeichen von Familiengeschichten
- Walter Gasperi
- vor 7 Minuten
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"Family Ties" lautet das Motto der 23. Auflage des Linzer Filmfestivals Crossing Europe - und schon der Auftakt stimmte mit Gábor Holtais "Itt érzem magam otthon" ("Feels Like Home") und Laura Wandels "L´intérêt d´Adam" darauf ein.
Nach 22 Festivaljahren hat sich längst eine Crossing Europe-Familie mit alljährlich wiederkehrenden Gesichtern gebildet. So wurde auch bei den Eröffnungsreden immer wieder von dieser Familie gesprochen, aber auch das heurige Programm, das 133 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme umfasst, rückt mit dem Motto "Family Ties" die Familie ins Zentrum.
Das zeigte sich schon bei den Eröffnungsfilmen, wenn einerseits die Sektion European Panorama Fiction mit Rosanne Pels "Donkey Days", in dem es um die schwierige Beziehung zweier Schwestern nicht nur zueinander, sondern auch zu ihrer Mutter geht, andererseits die Sektion Nachtsicht, die sich dem jungen europäischen Genrekino widmet, mit Gábor Holtais "Itt érzem magam otthon" ("Feels Like Home") eröffnet wurde. In Ungarn entwickelte sich dieser Thriller wohl nicht zuletzt dadurch zum Kassenschlager, der über 300.000 Zuschauer:innen anlockte, weil man in dieser Familiengeschichte eine Abrechnung mit der autokratischen Herrschaft Victor Orbans sah und sieht.
Nicht nur der Name der Schuhmarke "Liberta" verkündet hier Freiheit, sondern die Sneakers werden auch auf Plakaten mit der Aufschrift "Freiheit. Komfort. Keine Grenzen" beworben. Für Schuhverkäuferin Rita schaut die Zukunft allerdings wenig rosig aus, denn das Schuhgeschäft, in dem sie arbeitet, wird geschlossen. Vom Eigentümer erhält sie zum Abschluss zwar neue Sneakers, doch der Realität kann sie damit nicht entkommen.
Vielmehr wird sie noch auf dem Weg nach Hause von zwei vermummten Gestalten entführt und erwacht in einem leeren Zimmer wieder, in dem sie von ihrem Entführer als seine verschwundene Schwester Szilvy bezeichnet wird. Leistet Rita zunächst Widerstand, erkennt sie bald, dass sie dieser von einem patriarchalischen Vater gelenkten Familie nur entkommen kann, wenn sie mitspielt.
Weitgehend konzentriert auf das Haus und getaucht in ein von Braun und Beige dominiertes Setting und Kostüme, die eine muffige 1960er Jahre Stimmung evozieren, leuchtet Holtai in seinem Langfilmdebüt dicht die familiären Beziehungen und Mechanismen der Repression aus. Verstörend wird aber in diesem an Yorgos Lanthimos´ "Dogtooth" erinnernden Thriller am Ende auch mit der Sehnsucht nach Freiheit gebrochen, scheint doch gerade die Familie mit der Abschottung und dem Schutz, den sie bietet, erträglicher als eine vielleicht freie, aber triste Außenwelt.
Eine engagierte Krankenpflegerin und eine hochproblematische Mutter-Kind-Beziehung stehen dagegen im Zentrum von Laura Wandels "L´intérêt d´Adam". Nach dem Blick auf Mobbing auf dem Hof einer Grundschule in "Un monde" ("Playground") versetzt die Belgierin die Zuschauer:innen in ihrem zweiten Spielfilm in die Kinderstation eines Krankenhauses. Im Zentrum steht die Pflegerin Lucy, der die Kamera im Stil der Dardenne-Brüder, die auch als Produzenten fungierten, hautnah folgt.
Immersive und quasidokumentarische Kraft entwickelt "L´intérêt d´Adam" nicht nur in diesem Zugriff auf die Protagonistin und die Kinderstation, sondern auch dadurch, dass nahezu in Echtzeit erzählt und auf Filmmusik verzichtet wird. Andererseits hat Wandels Film natürlich das Problem, dass erst letztes Jahr Petra Volpe in "Heldin" nahezu mit den gleichen filmischen Mitteln von der belastenden Schicht einer Krankenpflegerin erzählte.
So wie dort Leonie Benesch in der Hauptrolle brillierte, glänzt hier Lea Drucker als Pflegerin. Dem Blick auf die vielfältigen Problemfelder in Volpes Film steht hier die weitgehende Konzentration auf ein Schicksal gegenüber, während weitere Fälle wie Kommunikationsprobleme mit migrantischen Patient:innen oder eine junge Muslimin, deren Abtreibung von der Mutter verheimlicht werden muss, nur am Rand angeschnitten werden.
Im Zentrum steht bei Wandel der Fall des vierjährigen Adam, der weniger wegen eines Armbruchs als vielmehr wegen Unterernährung ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Ganz offensichtlich hoffnungslos überfordert ist die alleinerziehende Mutter Rebecca mit seiner Erziehung, will Adam aber gegen die Vorgaben der Jugendschutzbehörde im Krankenhaus selbst füttern und auch bei ihrem Sohn übernachten.
Eindrücklich vermittelt Wandel, wie die Krankenpflegerin, die im Spannungsverhältnis der bürokratischen Vorgaben und dem Verlangen, die Wünsche der Mutter zu erfüllen steht, bald Grenzen überschreitet. Zunehmend scheint dabei aber auch die Mutter mehr ihr vierjähriges Kind als emotionale Stütze zu benötigen als das Kind sie, während bei der Pflegerin auch ein Helfersyndrom sichtbar wird, das sie nicht nur die Grenzen gegenüber der Bürokratie, sondern auch gegenüber Rebecca überschreiten lässt.
An Komplexität mag "L´intérêt d´Adam" weder an Wandels ersten Film "Un monde" noch an Petra Volpes "Heldin" heranreichen, packt aber dennoch dank der schier atemlosen Inszenierung und dem herausragenden Spiel von Lea Drucker und Annamaria Vartolomei sowie dem Verzicht auf einfache Schuldzuweisungen.
