• Walter Gasperi

Un monde - Playground


Hautnah folgt die Belgierin Laura Wandel einer Erstklässlerin durch den Schulalltag, vermittelt intensiv ihre Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Angst vor Ausgrenzung und Mobbing auf dem Pausenhof. – Ein starkes Debüt mit einer herausragenden kleinen Maya Vanderbeque in der Hauptrolle.


Nicht loslassen will die siebenjährige Nora (Maya Vanderbeque) in der ersten Einstellung ihren etwas älteren Bruder Abel (Günter Duret) auf dem Pausenhof der Schule. Fest umarmt sie ihn und weint. Die Kamera von Frédéric Noirhomme ist hautnah an ihrem Gesicht und ganz auf Augenhöhe mit dem kleinen Mädchen. Intensiv und unmittelbar wird so Noras Angst vor dieser neuen und unbekannten Lebenswelt Schule, aber auch die enge Bindung zu ihrem Bruder vermittelt.


Konsequent wird die Belgierin Laura Wandel in ihrem Langfilmdebüt Nora folgen. In jeder Szene ist sie präsent. Der Fokus liegt ganz auf ihrem Gesicht. Groß- und Nahaufnahmen dominieren, durch geringe Schärfentiefe bleibt der Hintergrund verschwommen, sodass die Konzentration auf das kleine Mädchen verstärkt wird.


Erwachsene bekommt man kaum zu Gesicht, und wenn dann meist nur ab- oder angeschnitten, reduziert auf Arme und Hände: Auch auf jede Musik verzichtet Wandel, beschwört aber durch Kinderschreien und Geräusche immer wieder dicht die Atmosphäre im Pausenhof oder im Klassenzimmer.


Nicht nur in dieser Engführung des Blicks und der Konsequenz, mit der dieser Stil durchgezogen wird, erinnert "Un monde – Playground" an László Nemes´ KZ-Film "Son of Saul", sondern auch in der Ausblendung jeden Umfelds. Keine Vor- und Nebengeschichten gibt es, der einzige Schauplatz ist die Schule. Der Vater mag Nora und Abel zwar immer wieder abholen, doch der Film begleitet die Geschwister nicht nach Hause. Nichts erfährt man auch über die familiären Verhältnisse.


Nora versucht Anschluss bei ihren Mitschülerinnen zu finden, gleichzeitig sieht sie aber auch, wie ihr Bruder gemobbt wird. Schonungslos zeigt Wandel die Grausamkeit von Kindern, wenn Abel von größeren Mitschülern immer wieder in die Klomuschel gesteckt oder in einen Müllcontainer geworfen wird. Doch Nora soll dies dem Vater nicht verraten, da das Mobbing dadurch noch schlimmer würde.


Brüche bekommt so die intensive Geschwisterbeziehung, als das Mädchen dem Vater doch von den Misshandlungen des Bruders erzählt. Gleichzeitig wird aber auch Nora selbst aufgrund der Ausgrenzung ihres Bruders in ihrer Klasse zunehmend geschnitten und nicht mehr zu einer Geburtstagsparty eingeladen. Schuld für diese Ausgrenzung gibt Nora so dem Bruder, den sie bald verleugnet und der schließlich vom Opfer selbst zum Täter wird und einen schwächeren Schüler brutal mobbt.


Ein kleiner Film ist "Un monde" mit seinen 72 Minuten und seiner Fokussierung auf Schulhof und die Geschwister, gleichzeitig aber ein großer Film in der Dichte und Eindringlichkeit, mit der Wandel die vielschichtige Gruppendynamik und wechselnde Abhängigkeiten im Mikrokosmos Schule ausleuchtet und die Belastungen, Ängste und Sorgen eines kleinen Mädchens erfahrbar macht.


Nicht nur an László Nemes, sondern auch an die Filme der Dardenne-Brüder erinnert dabei die Kompromisslosigkeit und die nah geführte Handkamera, mit der Wandel das Publikum in die Erfahrungs- und Gefühlswelt Noras eintauchen lässt. Nicht anders als die prekären Verhältnisse und schwierigen Arbeitsbedingungen der Erwachsenen in den Filmen der Dardennes ist hier das Schulgelände förmlich ein Minenfeld und ein Kriegsgebiet, in dem sich Nora durchzuschlagen und zu überleben versucht.


Zerrissen ist sie zwischen Sehnsucht nach Anerkennung bei ihren Mitschülerinnen und Liebe zu ihrem Bruder, aber auch Aussagen, die sie nicht versteht, irritieren sie; Muss sie sich wirklich für ihren Vater schämen, der immer Zeit hat sie abzuholen und nicht zu arbeiten scheint? Gehört er zu den Menschen, die zu faul sind zum Arbeiten, wie ihre Mitschülerinnen sagen. Und ist Abel wie alle Fußballspieler ein Rassist?


Phänomenal ist die siebenjährige Maya Vanderbeque in der Hauptrolle. Bewegend vermittelt sie die wechselnden Gefühle wie Bruderliebe und Sehnsucht nach Freundschaft, aber auch den Loyalitätskonflikt und die Distanzierung vom Bruder. Nicht minder überzeugend ist aber auch Günter Duret, der mit zurückhaltendem und wortkargem Spiel Abel eindringliche Präsenz verleiht.


Immerhin gibt es da noch eine Lehrerin, die viel Einfühlungsvermögen zeigt, sich intensiv um Nora kümmert und sich in die Gefühle des Mädchens hineinversetzen kann. Weil diese Erwachsene Nora auf Augenhöhe begegnet, wird sie auch nicht im Bild fragmentiert, sondern mit Oberkörper und Gesicht gezeigt. Wie ihren Bruder am Beginn umarmt das Mädchen diese Lehrerin intensiv und weint, als sich diese Bezugsperson versetzten lässt.


Und auch am Ende steht so eine heftige Umarmung, in der man spürt, wie sehr sich so ein kleines Mädchen danach sehnt, gehalten zu werden oder selbst jemanden zu halten, und wie sehr in dieser Welt, in der vieles verstört, beim Heranwachsen emotionale Stützen und Halt nötig sind.


Un monde - Playground Belgien 2021 Regie: Laura Wandel mit: Maya Vanderbeque, Günter Duret, Karim Leklou, Laura Verlinden, Thao Maerten Länge: 72 min.



Läuft derzeit in den österreichischen und Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen


Trailer zu "Un monde - Playground"