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Akte des Widerstands: Iranisches Kino

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 4 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit
"Terrestrial Verses" (2023) von Ali Asgari und Alireza Khatami: Rundumschlag gegen iranische Bürokratie und Repression
"Terrestrial Verses" (2023) von Ali Asgari und Alireza Khatami: Rundumschlag gegen iranische Bürokratie und Repression

Auf internationalen Festivals werden iranische Filme seit etwa drei Jahrzehnten regelmäßig ausgezeichnet, doch im Iran selbst dürfen diese oft regimekritischen Filme vielfach nicht gezeigt werden. – Das Kinok St. Gallen bietet im Mai mit einer Filmreihe einen kleinen Einblick in dieses widerständige Kino.


Seit der mehrfachen Auszeichnung von Abbas Kiarostamis "Wo ist das Haus meines Freundes?" (1987) 1989 beim Filmfestival von Locarno sorgen iranische Filme immer wieder für Höhepunkte bei internationalen Filmfestivals. In Cannes gab es Goldene Palmen für Kiarostamis "Der Geschmack der Kirsche" (1997) ebenso wie für "It Was Just an Accident" (2025) von Jafar Panahi, der zudem in Venedig für "Dayareh – Der Kreis" (2000) mit dem Goldenen Löwen und in Berlin für "Taxi Teheran" (2015) mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde.


Dazu kommen neben zahlreichen Nebenpreisen und dem Goldenen Leoparden in Locarno für "Critical Zone" (2023) von Ali Ahmadzadeh weitere Goldene Bären für Mohammad Rasoulofs "There Is No Evil" (2020) und für Asghar Farhadis "Nader und Simin – Eine Trennung" (2011) sowie Oscar-Nominierungen für Majid Majidis "Children of Heaven" (1997), Rasoulofs "There Is No Evil" und Panahis "It Was Just an Accident" und Oscars für Farhadis "Nader und Simin" und "The Salesman" (2016).


Längst sind freilich an die Stelle von Kiarostami, Mohsen Makhmalbāf und Majid Majidi neue Generationen von Filmemacher:innen getreten und wurde in den 1990er und frühen 2000er Jahren die Gesellschaftskritik vielfach in Kindergeschichten und Allegorien verpackt, so wird in den letzten Jahren zunehmend offener mit dem Regime abgerechnet.


Damit scheint sich aber auch die Diskrepanz zwischen internationaler Wertschätzung und nationaler Repression nochmals verschärft zu haben. Immer wieder wurden nämlich seit etwa 2010 Regisseure wie Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof verhaftet und zu Hausarrest, Berufsverbot oder Haftstrafen verurteilt. Dennoch arbeiten sie teilweise ohne Genehmigung und im Geheimen weiter.


Das Spannungsfeld des iranischen Kinos zwischen national erfolgreichen, aber international unbekannten Komödien und Melodramen auf der einen Seite und engagierten, aber im Land unterdrückten, künstlerisch anspruchsvollen Filmen auf der anderen Seite spricht auch Ali Asgari in seiner derzeit in den Schweizer Kinos laufenden Satire "Divine Comedy" an. Hier wird nicht nur einem iranischen Erfolgsregisseur sein Zwillingsbruder gegenübergestellt, dessen engagierter neuer Film im Iran keine Vorführerlaubnis erhält, sondern dem kritischen Arthouse-Regisseur wird auch empfohlen, mit fantastischen Elementen durchzogene religiöse Filme fürs breite Publikum zu drehen.


Schon 2007 gelang Marjane Satrapi in Zusammenarbeit mit Vincent Paronnaud mit der Verfilmung ihrer autobiographischen Graphic Novel "Persepolis" ein Animationsfilm, der eindrücklich nicht nur von einem Coming-of-Age vor dem Hintergrund der Islamischen Revolution erzählt, sondern auch bewegend die bald zunehmenden Repressionen vermittelt.


Einen noch persönlicheren Einblick in ein Coming-of-Age im Iran bietet Massoud Bakhshis ("Yalda") Dokumentarfilm "All My Sisters" (2025). Über 18 Jahre begleitete Bakshi das Heranwachsen seiner drei Nichten in Teheran vom Kleinkindalter bis zur Volljährigkeit mit der Kamera. Einblicke in das repressive Regime bleiben dabei nicht aus, wenn mit wachsendem Alter der Mädchen zunehmend darauf geachtet wird, dass sie verschleiert sind und sie während der Proteste im Herbst 2022 trotz der Ängste der konservativen Großmutter auf dem Dach ihres Hauses in den von den Straßen schallenden Ruf "Woman, Life, Freedom" einstimmen.


Aber auch die Grundkonzeption des Films vermittelt die ständige Angst vor Repression. Denn den Rahmen der Erzählung bildet eine private Vorführung des Films für die nun erwachsenen Nichten, die selbst entscheiden sollen, welche Szenen gezeigt und welche geschnitten werden sollen. Haften bleibt hier vor allem eine Szene, in der die beiden Teenager in einer Wüstenlandschaft außerhalb Teherans sich ohne Schleier fotografieren und Bakhshi ihnen vorschlägt, sie zum Schutz im fertigen Film durch künstlichen Nebel zu verhüllen.


Diesem offen gesellschaftskritischen Blick stehen die Filme Asghar Farhadis gegenüber. Sowohl Scheidungsdrama "Nader und Simin" als auch in "The Salesman" (2016) erzählt Farhadi zunächst scheinbar private Beziehungsgeschichten, die sich aber einerseits durch Weitung des Blicks zu komplexen Bildern der von sozialer Ungerechtigkeit und Diskriminierung geprägten iranischen Gesellschaft entwickeln, anderseits durch wiederholte Perspektivenwechsel jede Sicherheit auflösen und klare Täter-Opferzuordnungen unmöglich machen.


Wiederkehrendes Thema ist im iranischen Kino die Kritik an der Todesstrafe, die das Regime auch nutzt, um Ängste zu schüren und Proteste zu unterbinden. Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha erzählen so in "Ballad of a White Cow" (2020) von einer Frau, die ein Jahr nach der Hinrichtung ihres Mannes erfährt, dass es sich um ein Fehlurteil handelte. Den Blick auf die alleinerziehende Witwe einer siebenjährigen Tochter nützt das Regieduo, um detailreich die vielfältige Diskriminierung der Frau aufzudecken. Beiläufig werden aber auch Drogensucht, Korruption und Freunderlwirtschaft im Rechtssystem angesprochen.


Mohammad Rasoulof entwickelt dagegen in "There Is No Evil" (2020) in vier meisterhaft verzahnten Episoden ein packendes Drama um Menschen, die auf unterschiedliche Weise mit der Todesstrafe konfrontiert sind. Loyalen Staatsdienern steht hier ziviler Ungehorsam gegenüber, der am Ende mit dem emphatischen Partisanenlied "Bella Ciao" gefeiert wird.


Einen regelrechten Rundumschlag gegen das iranische Regime bietet Ali Asgaris und Alireza Khatamis "Terrestrial Verses" (2023). In neun, voneinander unabhängigen Episoden deckt das Regie-Duo in spartanischer Form die Absurdität der Bürokratie und die Reglementierungen auf, die das Leben des Individuums in allen Bereichen beschränken. Asgari / Khatami spannen den Bogen dabei nicht nur von der Geburt bis zum Tod, sondern sie vermitteln in der Statik der minutenlangen Einstellungen, in denen immer nur die Bürger:innen, aber nie die Staatsmacht sichtbar ist, auch die Rigidität des Regimes.


Dem satirischen Blick von Asgari / Khatami steht der beklemmende Realismus von Nader Saeivars heimlich gedrehtem Drama "The Witness" (2024) gegenüber. Wütend wird hier ein verkommenes Regime angeprangert, in dem ein Mörder geschont wird, weil er ein hoher Regierungsbeamter ist, während die Zeugin, die den Mord zur Anzeige brachte und nicht schweigen will, zunehmend bedroht wird.


Die Frage, wie man mit den Tätern und Handlangern dieses Regimes umgehen soll, wirft dagegen Jafar Panahi in seiner Parabel "It Was Just an Accident" (2025) auf. Unterschiedliche Positionen treffen aufeinander, als ein im Gefängnis gefolterter Mann seinen mutmaßlichen Peiniger entdeckt und gemeinsam mit weiteren Opfern des Regimes entführt: Soll man Gleiches mit Gleichem vergelten oder Gnade walten lassen? – Fragen, die sich die iranische Gesellschaft, wenn die Herrschaft der Mullahs und Revolutionsgarden gestürzt werden sollte, wohl auch selbst stellen wird müssen.



Weitere Informationen zur Filmreihe des Kinok St. Gallen und Spieldaten finden Sie hier.



Trailer zu "Terrestrial Verses"


 

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