• Walter Gasperi

Yalda


Eine junge Iranerin, die ihren Mann getötet hat, kann der Hinrichtung entgehen, wenn die Tochter des Toten ihr vor laufender Kamera in einer TV-Show vergibt. – Nahezu in Echtzeit entwickelt Massoud Bakhshi ein dichtes Kammerspiel, das nicht nur Einblicke in die patriarchale iranische Gesellschaft bietet, sondern auch den Zynismus von TV-Shows anprangert.


Um einen Fernsehturm kreisend bietet die Kamera von Julian Atanassov einen Blick auf den dichten Verkehr auf den nächtlichen Stadtautobahnen von Teheran. Auf diesen Establishing Shot, der einen Überblick verschafft, folgt mit einem Schnitt der Sprung zu einem Polizeiwagen, der mit Blaulicht zu einem Fernsehstudio fährt. In Handschellen wird die 23-jährige Maryam (Sadaf Asgari) ins moderne Gebäude geführt, um dort als Gast in der Reality-Show "Freude der Vergebung" aufzutreten.


Erst nach rund 15 Minuten wird eine Reportage, mit der die Sendung eingeleitet wird, Einblick in ihre Tat bieten, doch die Betroffene selbst ist entsetzt, wie hier über sie berichtet wird. Ganz anders sieht sie selbst den Vorfall, bei dem ihr über 40 Jahre älterer Mann ums Leben kam, der mit ihr eine Zeitehe eingegangen war, die sie von jeder Erbberechtigung ausschloss. Vom Gericht wurde sie aber wegen Mordes zum Tode verurteilt, doch das Verdikt kann in eine Gefängnisstrafe und Bezahlung eines Blutgelds umgewandelt werden, wenn die Tochter des Verstorbenen ihr vergibt.


Ganz auf das Fernsehstudio und den Zeitraum der Show konzentriert sich der 1972 in Teheran geborene Massoud Bakhshi, der nach zwölf Dokumentar- und einem Spielfilm, mit "Yalda" seinen zweiten Spielfilm vorlegt. Große Dichte und Kompaktheit entwickelt dieses Kammerspiel, das nur über europäische Fördergelder finanziert werden konnte, nicht nur durch die räumliche und zeitliche Beschränkung, sondern auch durch die nah an den Personen geführte, bewegliche Kamera. Zudem überträgt die gedrängte und dynamische Inszenierung auch die Anspannung Maryams direkt auf den Zuschauer.


Der Titel "Yalda" bezieht sich dabei auf das persische Fest der Wintersonnenwende, an dem mit dem Licht und der Hoffnung, die mit den länger werdenden Tagen verbunden ist, Vergebung besonders angebracht scheint. Die Spannungen zwischen Maryam und ihrer alles kontrollierenden Helikopter-Mutter werden gesteigert durch die Verspätung Monas (Behnaz Jafari), der Tochter des Verstorbenen, bis schließlich doch die beiden Frauen mit dem Moderator vor den Kameras sitzen.


Markante Gegensätze prallen dabei aufeinander. Während Mona sich als selbstbewusste und kühle Werbegrafikerin präsentiert, agiert Maryam zunächst sehr unsicher, später impulsiv. Rasch wird dabei nicht nur das gesellschaftliche Gefälle sichtbar, sondern auch das gönnerhafte Gehabe Monas, die der Oberschicht angehört, und die vielfältigen Abhängigkeiten der Unterschicht.


An die Filme Asghar Farhadis ("Nader und Simin", "The Salesman") erinnert, wie langsam gut gehütete Geheimnisse ans Licht kommen und für überraschende Wendungen sorgen. Zunehmend plastischer wird so nicht nur das Bild einer patriarchalen Gesellschaft und eines archaischen Rechtssystems, sondern sichtbar wird auch, dass sich Mona bei ihrer Entscheidung über Vergebung oder Vergeltung mehr von finanziellen Interessen als von echter Erschütterung über den Tod des Vaters leiten lässt. Gleichzeitig rechnet Bakhshi aber auch mit dem Zynismus einer Fernsehsendung ab, die menschliche Schicksale zum publikumsattraktiven Spektakel missbraucht.


Da leitet nicht nur ein Song die Show ein, in der es um Leben und Tod geht, sondern auch ein Filmstar tritt auf, um ein Gedicht vorzutragen und ein Los zu ziehen. Eine Werbepause darf nicht fehlen und das Publikum wird aufgefordert per SMS abzustimmen, ob Maryam vergeben – und damit ihr Leben gerettet – werden soll oder nicht. Erhält Maryam genügend Stimmen übernimmt zudem der Sponsor das Blutgeld.


So unglaublich zynisch dies aber auch klingt, so hat Bakhshi diese Begnadigungs-Show dennoch nicht erfunden, sondern sich von der iranischen Talk-Show "Mah-e Asal" ("Flitterwochen") inspirieren lassen: Von 2007 bis 2018 wurde diese während des Fastenmonats Ramadan täglich gesendet und begeisterte Millionen von Zuschauern im ganzen Land. Mindestens eine Folge pro Staffel widmete sich dabei dem Thema Nachsicht und Vergebung. Im Rahmen der Spendenaktion dieser Show wurden so im Juni 2018 umgerechnet rund sechs Millionen Euro aufgebracht, um die Blutschulden von Hunderten von Gefangenen zu begleichen.


Läuft ab Freitag, 25.9. in den österreichischen Kinos TaSKino Feldkirch im Kino Rio: Fr 25.9. - Di 29.9.


Trailer zu "Yalda"