• Walter Gasperi

Ballade von der weißen Kuh


Die Fabrikarbeiterin Mina muss sich nach der Hinrichtung ihres Mannes allein mit ihrer siebenjährigen Tochter durchschlagen. Doch dann steht ein Mann vor der Wohnung, der sich als Freund des Verstorbenen vorstellt: Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha bieten klassisches iranisches Kino um Schuld und Sühne, um Individuum und Gesellschaft, um eine träge Bürokratie und die Diskriminierung der Frau.


Ein starkes surreales Bild eröffnet nach einem Auszug aus der sogenannten Kuh-Sure des Koran den zweiten Spielfilm von Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha: Mitten auf einem leeren Gefängnishof steht eine große weiße Kuh, ganz am Rand des Platzes auf beiden Seiten eine Reihe schwarzgekleideter Männer, vielleicht Häftlinge. Metapher für einen Unschuldigen ist diese Kuh, die geschlachtet wird, und steht nicht nur für Minas Mann Babak, der unschuldig hingerichtet wurde, sondern für vielfältige und omnipräsente Ungerechtigkeit im Iran.


Ein Jahr nach der Hinrichtung Babaks informiert das Gericht die Witwe, dass nun der wahre Mörder gefasst wurde und sie eine Entschädigung erhalte. Doch Mina, die von der Regisseurin Maryam Moghaddam selbst gespielt wird, verlangt auch eine persönliche Gegenüberstellung mit den Richtern, die das Urteil aussprachen. Sie sollen sich bei ihr entschuldigen.


Moghaddam und Sanaeeha, die nicht nur zusammen arbeiten, sondern auch ein Ehepaar sind, entwickeln die Handlung weitgehend in langen statischen und sorgfältig kadrierten Halbtotalen. Keine Schuss-Gegenschuss-Strategie wird eingesetzt, um den Zuschauer ins Geschehen zu involvieren, sondern auf Distanz wird man gehalten. Zeit lassen diese langen Einstellungen sowohl den Schauspieler*innen als auch dem Publikum und vermitteln in der Positionierung der Figuren auch immer wieder deren Distanz und Trennung.


Gleichzeitig lassen die statischen Einstellungen auch spüren, wie Mina in dieser Gesellschaft gefangen ist und kaum Spielraum hat. Verstärkt wird die langsame und leise Erzählweise durch den Verzicht von Musik, die erst kurz vor Ende einsetzt. Emotionen sollen nicht künstlich aufgebauscht werden.


Die Todesstrafe, um die es zuletzt auch in den iranischen Filmen "Denn das Böse gibt es nicht" und "Yalda" ging, und der Justizirrtum sind dabei nur am Rande ein Thema. Kritik wird daran zwar geübt, wenn selbst ein Fehlurteil damit entschuldigt wird, dass dies dann wohl Gottes Wille war, im Zentrum aber steht Minas Überlebenskampf.


An diesem deckt das Regie-Duo – auch das kein neues Thema im iranischen Film -die vielfältige Diskriminierung der Frau auf. So beansprucht der Vater des Hingerichteten das Sorgerecht für die gehörlose Enkelin und der Vermieter wirft die alleinerziehende Mutter aus der Wohnung, als sie mit Reza einen angeblichen Bekannten ihres Mannes in ihre Wohnung lässt. Der Makler wiederum erklärt ihr unumwunden, dass es für alleinstehende, geschiedene oder verwitwete Frauen kaum Wohnungen gebe. Gleichzeitig wird Einblick in die langwierige undurchschaubare Bürokratie geboten, bei der die Antragstellerin ständig an neue Stellen verwiesen und hingehalten wird.


Neuen Lebensmut fasst Mina erst langsam wieder, als ihre Sympathien für Reza wachsen. Dieser Fremde stellt ihr nicht nur günstig eine Wohnung zur Verfügung, sondern kümmert sich auch um Minas gehörlose siebenjährige Tochter Bita. Für Suspense sorgt dabei, dass das Publikum im Gegensatz zu Reza weiß, um wen es sich bei diesem Mann handelt. Dieser leidet nämlich nicht nur unter der Entfremdung von seinem Sohn, der wenig später an einer Überdosis stirbt, sondern wird auch von Schuldgefühlen geplagt.


Erstaunlich offen für einen iranischen Film wird so neben dem Justizirrtum auch Drogensucht angesprochen, und auch Korruption und Freunderlwirtschaft in der Rechtsprechung werden kritisiert.


Im Zentrum steht aber immer die Geschichte von Mina und Reza und klar ist, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch sie erfährt, wer dieser Reza wirklich ist. Spannung generiert "Ballade von der weißen Kuh" aus dieser Beziehung und aus der Frage, wie Mina wohl schließlich auf diese Erkenntnis reagieren wird.


Auf Dramatisierung verzichten Moghaddam und Sanaeeha. Sie erzählen geradlinig und nüchtern, vertrauen auf die Stärke der Geschichte und ihre Figuren. Etwas schematisch und zu sehr mit Blick auf eine Botschaft mag diese zwar angelegt sein, doch durch die sorgfältige Machart, bei der die Konfliktfelder und Probleme präzise herausgearbeitet werden, entwickelt dieses Drama beträchtliche Intensität und sorgt mit seinen Einblicken in die iranische Gesellschaft und den Fragen von Schuld und Sehnsucht nach Vergebung für ein nachwirkendes und zur Diskussion anregendes Filmerlebnis.



Ballade von der weißen Kuh Frankreich / Iran 2021 Regie: Behtash Sanaeeha, Maryam Moghaddam mit: Maryam Moghaddam, Alireza Sanifar, Pouria Rahimisam, Avin Poor Raoufi Länge: 105 min.


Läuft derzeit in den österreichischen und deutschen Kinos TaSKino Feldkirch im Kino Rio: Mo 7.2. - Do 10.2. Spielboden Dornbirn: Di 15.2. + Do 24.2. Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Mi 23.3.


Trailer zu "Ballade von der weißen Kuh"