Hiver à Sokcho – Winter in Sokcho
- Walter Gasperi

- vor 4 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Eine junge Koreanerin, die ihren französischen Vater nie kennengelernt hat, beginnt aufgrund der Begegnung mit einem französischen Touristen sich mit ihrer Identität auseinanderzusetzen: Ein leises und unaufdringliches, aber visuell bestechendes und berührendes Spielfilmdebüt von Koya Kamura.
Identifizieren konnte sich der französisch-japanische Regisseur Koya Kamura wohl mit der Schilderung einer multikulturellen Identität im 2016 erschienenen Debütroman "Hiver á Sokcho" von Elisa Shua Dusapin, die zwar als Kind in die Schweiz kam, aber französisch-koreanischer Herkunft ist. Spürbar ist die Vertrautheit mit der Psyche der Protagonistin in der feinfühligen Auslotung ihrer Unsicherheit und Zerrissenheit zwischen den Kulturen.
Nie hat die 23-jährige Koreanerin Soo-Ha (Bella Kim) ihren Vater kennengelernt. Ohne von der Schwangerschaft ihrer Mutter zu wissen, habe der französische Ingenieur Korea verlassen und sich nie mehr gemeldet. Soo-Ha scheint sich dieser Leerstelle in ihrem Leben scheint mit einem Studium der koreanischen und französischen Literatur genähert zu haben, doch inzwischen ist sie von Seoul in ihre am japanischen Meer und nahe der nordkoreanischen Grenze gelegene Heimatstadt Sokcho zurückgekehrt und sucht nach Orientierung.
Sie pendelt zwischen Besuchen bei ihrer auf dem Fischmarkt arbeitenden Mutter (Park Mi-hyeon), ihrem Freund Joon-oh (Gong Do-yu) , der eine Modelkarriere in Seoul anstrebt, und ihrer Arbeit in der einfachen Pension eines älteren Herrn, dessen Frau gestorben ist.
Wenn sie von Bekannten wegen ihrer Größe liebevoll "Bohnenstange" und wegen ihrer Französischkenntnisse "Miss France" genannt wird, wird spürbar, wie sie zwischen den Kulturen steht. Aber auch die Mutter, die sie zur Heirat mit Joon-oh drängen will, und dessen Aufforderung zu einer Schönheitsoperation nerven sie.
Bewegung kommt in Soo-Has Leben, als der französische Comic-Zeichner Yan Kerrand (Roschdy Zem) in Sokcho ankommt und in der Pension ein Zimmer mietet. Auch er wirkt verloren, wenn er nicht sagen kann, ob er ein paar Tage oder ein paar Wochen bleiben wid.
Wie Romain Duris in Guillaume Senez´ "Une part manquante" ist der einsame Franzose ein Fremdkörper im asiatischen Land, doch bei Soo-Ha verstärkt er ihre Sehnsucht nach dem abwesenden Vater. Während sie sich dem Gast aber öffnet, mit ihm in die entmilitarisierte Zone fährt und ihm die Stadt zeigt, bleibt er verschlossen und reagiert oft schroff.
Koya Kamura erzählt zurückhaltend und setzt auf atmosphärische Dichte. Intensiv evoziert das den Film dominierende kalte Blaugrau (Kamera: Élodie Tahtane) mit der Kulisse des winterlichen Sokcho mit Meer im Vordergrund, Hochhäuserfront in der Mitte und verschneiten Bergen im Hintergrund eine sanft-melancholische Stimmung.
Wie die Stadt förmlich eingefroren ist, so stecken auch Soo-Ha und Yan fest. Er hat mit einer künstlerischen – und vielleicht auch einer persönlichen - Krise zu kämpfen, sie ist zerrissen in ihrer Identität. Poetisch vermitteln Animationsszenen, die im Stil der Tuschezeichnungen Yans gehalten sind, diese Verlorenheit, wenn ihr Körper in diesen Bildern zerfließt oder zerrissen wird und sich erst gegen Ende des Films zu einer ruhigen und ganzen Person fügt.
Vieles deutet Kamura nur an, formuliert es nicht aus und lässt seinen Figuren bei Gesprächen auch Raum für Pausen. So bringt nicht nur Soo-Has Freund die in Südkorea weitverbreiteten Schönheitsoperationen ins Spiel, sondern sie sind auch mit einer Frau in der Pension präsent, deren Gesicht komplett einbandagiert ist. Wie dieses Thema aber nicht weiter entwickelt wird, so wird auch der ökonomische Druck, unter dem die kleine Pension durch neue Hotels steht, nur angetippt.
Berührend wird auch durch das unaufdringliche, aber intensive Spiel der Debütantin Bella Kim die Suche Soo-Has nach Orientierung spürbar, die den Film mit Davy Chous "Retour à Seoul" verbindet. So unaufgeregt und ruhig bleibt dabei Kamuras Inszenierung, dass eine Szene markant heraussticht, in der nach einem Streit mit der Mutter eine unruhige Handkamera und ein hektischer Schnitt den Ärger und die Wut Soo-Has eindrücklich nach außen kehren.
Aber wie der Comic-Künstler in Sokcho wieder Inspiration für das Zeichnen findet, so scheint für Soo-Ha das Kochen eine Tätigkeit zu sein, durch die sie Ruhe findet. Immer wieder wird so zwar gekocht, doch auch diese Szenen werden nicht besonders betont.
Nicht mit großen Emotionen versucht so "Hiver à Sokcho" das Publikum zu überwältigen, sondern schleicht sich gerade mit seiner Zartheit und Beiläufigkeit langsam ins Herz ein, berührt und wirkt mit seinem ausgeprägten, aber unaufdringlichen Stilwillen und seinem Feingefühl nach.
Hiver à Sokcho – Winter in Sokcho Frankreich / Südkorea 2024 Regie: Koya Kamura mit: Bella Kim, Roschdy Zem, Park Mi-hyeon, Ryu Tae-ho, Gong Do-yu, Jung Kyung-soon Länge: 104 min.
Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan. - Ab 5.2. in den deutschen Kinos.
Trailer zu "Hiver à Sokcho – Winter in Sokcho"




Kommentare