The Voice of Hind Rajab – Die Stimme von Hind Rajab
- Walter Gasperi

- vor 14 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Im Januar 2024 versuchten Mitarbeiter:innen des Roten Halbmonds verzweifelt, die Rettung eines fünfjährigen Mädchens zu organisieren, das im Gazastreifen in einem zerschossenen Autowrack auf Hilfe wartete: Ein erschütternder, aber in der Vermischung von dokumentarischen Elementen und thrillerhafter Inszenierung auch zwiespältiger Film.
Schon in ihrem letzten Film "Les filles d´Olfa – Olfas Töchter" (2023) hat die Tunesierin Kaouther Ben Hania dokumentarisches Material und inszenierte Szenen gemischt, um eine traumatische Familiengeschichte aufzuarbeiten.
In "The Voice of Hind Rajab" konzentriert sich Ben Hania nun ganz auf den Nachmittag des 29. Januar 2024 und die Einsatzzentrale des Palästinensischen Roten Halbmonds (PRCS) in dem im Westjordanland gelegenen Ramallah. Hier ging gegen 13.30 Uhr ein Anruf aus Deutschland ein, in dem ein Palästinenser um Hilfe für seine Verwandten bat, die im Gazastreifen in ihrem Auto von israelischen Soldaten beschossen wurden.
Bald stellte sich bei einem direkten Telefonat heraus, dass nur die 15-jährige Leyan und ihre fünfjährige Cousine Hind Rajab noch am Leben sind, Onkel und Tante sowie zwei ihrer Kinder jedoch getötet wurden. Während des Telefonats wurde aber auch Leyan getötet, übrig blieb im zerschossenen Wagen nur noch Hind.
Acht Minuten benötigte ein Krankenwagen vom nächstgelegenen Krankenhaus zum Standort des Mädchens, doch um ihn loszuschicken, war zunächst die israelische Zusicherung einer sicheren Durchfahrt nötig.
Das Mädchen ist im Film – von einem Epilog abgesehen – nur durch die realen 70-minütigen Aufnahmen der Telefonate präsent. Mit den Mitteln des Thrillerkinos werden dagegen die verzweifelten Bemühungen die Rettung zu organisieren inszeniert. An das dänische Kammerspiel "The Guilty" erinnert dabei die Konzentration auf die Einsatzzentrale und den permanenten Telefonkontakt. Steht dort freilich ein Protagonist im Zentrum, arbeitet Ben Hania mit vier Mitarbeiter:innen des Roten Halbmonds, mit denen unterschiedliche Charaktere ins Spiel kommen.
Dem emotionalen Omar (Motaz Malhees), der auf sofortiges Handeln drängt und dabei nicht nur laut, sondern schließlich auch handgreiflich wird, steht der erfahrene und besonnene Einsatzleiter Mahdi (Amer Hlehel) gegenüber, der zuerst an die Sicherheit seiner Leute denkt und den Krankenwagen erst losschicken will, wenn es Grünes Licht gibt.
Den zermürbenden Telefonaten mit der Bürokratie stehen die Telefonate mit Hind gegenüber, in denen Omar und seine Kollegin Rana (Saja Kilani) versuchen das Mädchen zu beruhigen, ihm Ängste zu nehmen und Hoffnung zu wecken. Im wahrsten Sinne bis zum Umfallen setzt sich Rana hier ein, sodass schließlich die ruhigere und erfahrenere Nisreen (Clara Khoury) übernimmt.
Keine Distanz kennt der Film. Mit dem Team des Roten Halbmonds werden die Zuschauer:innen förmlich in die Einsatzzentrale eingesperrt. Die Dominanz von Großaufnahmen, eine bewegliche Kamera, ein immer wieder hektischer Schnitt und das intensiv spielende vierköpfige Ensemble vermitteln hautnah die Anspannung und den unermüdlichen Einsatz des Teams. Auf Momente der Verzweiflung folgt immer wieder ein kurzes Aufflackern von Hoffnung, bis endlich der Krankenwagen losgeschickt werden kann.
Souverän verdichtet Ben Hania, die sich über sechs Stunden hinziehenden Bemühungen auf knapp 90 Minuten. Auf alle Hintergrundinformationen und Backstories zu den Figuren wird verzichtet. Quälende Intensität entwickelt "The Voice of Hind Rajab" in dieser Konzentration auf das Hier und Jetzt und baut beim Publikum wie beim Einsatzteam, das sich über 80 Kilometer entfernt vom Standpunkt des Mädchens befindet, ein verzweifeltes Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht auf.
Gleichzeitig ist aber auch sehr problematisch, wie die Tunesierin Strategien des Hollywood-Kinos benützt, um zu emotionalisieren und Wut zu schüren. Mit der effektvollen Inszenierung wird das tragische reale Schicksal von Hind Rajab in gewissem Maße auch instrumentalisiert und auch den Vorwurf palästinensischer Propaganda muss man dem Film in der konsequenten Beschränkung auf eine Perspektive und dem Einsatz von dokumentarischem Material und Found Footage im Epilog machen.
Wenn hier die trauernde Mutter mit ihrem kleinen Sohn gezeigt wird und die kleine Hind in Familienfilmen lächelt oder am Meer spielt und diese Aufnahmen von Bildern des völlig zerschossenen Wagens kontrastiert werden, wird auch Hass gegen die israelischen Täter geschürt, die das junge Leben so früh beendet haben. – Die Grausamkeit des Gaza-Krieges und des Vorgehens der Israelis ist unbestritten, doch dieser Feindbildaufbau weist leider auch keinen Weg in die Zukunft, sondern trägt eher zur Verhärtung der Fronten und Verstärkung der Feindseligkeiten bei.
The Voice of Hind Rajab
Tunesien / Frankreich 2025
Regie: Kaouther Ben Hania
mit: Saja Kilani, Motaz Malhees, Clara Khoury, Amer Hlehel
Länge: 89 min.
Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan.
TaSKino Feldkirch im Kino GUK: Fr 13.2. - Mo 16.2.
Trailer zu "The Voice of Hind Rajab - Die Stimme von Hind Rajab"




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