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Silent Friend

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 3 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit
"Silent Friend": Ein mächtiger Ginkgobaum dient in Ildikó Enyedis Meisterwerk als Bindeglied für drei Geschichten
"Silent Friend": Ein mächtiger Ginkgobaum dient in Ildikó Enyedis Meisterwerk als Bindeglied für drei Geschichten

Ein mächtiger, fast 200 Jahre alter Ginkgobaum dient der Ungarin Ildikó Enyedi als Bindeglied für drei Anfang des 20. Jahrhunderts, in den frühen 1970er Jahren und 2020 spielende Geschichten um wissenschaftliche Neugier, Offenheit und Achtsamkeit: Ein wunderbar leichthändiges, von feinem Humor durchzogenes, poetisches Meisterwerk.


Mächtig steht der fast 30 Meter hohe Ginkgobaum im Botanischen Garten der mittelalterlichen deutschen Universitätsstadt Marburg. Ein kleines Schild weist darauf hin, dass er 1832 gepflanzt wurde. Hierher kehrt der Neurowissenschaftler Tony (Tony Leung Chiu-Wai), der in Hongkong über das menschliche Gehirn geforscht hat, während seiner Gastprofessur in Marburg aber aufgrund der im Jahr 2020 ausbrechenden Corona-Epidemie bald ohne Student:innen im Uni-Campus festsitzt, immer wieder zurück.


Aber am Fuß des Baumes lernen sich 1972 auch die Biologiestudentin Gundula (Marlene Burow) und der Germanistikstudent Hannes (Enzo Brumm) kennen und im Jahr 1908 flüchtet die junge Grete (Luna Wedler), die als eine der ersten Frauen als Biologiestudentin an der Uni aufgenommen wird, vor der frauenfeindlichen patriarchalen Uni-Hierarchie immer wieder in den Garten und zu diesem Baum.


Schmal ist das Werk der Ungarin Ildikó Enyedi. Begeistert wurde zwar im Jahr 1989 ihr Spielfilmdebüt "Mein Zwanzigstes Jahrhundert" aufgenommen, doch danach wurde es auch schon wieder für fast 30 Jahre still um die 1955 geborene Filmemacherin. Wenig Beachtung fanden ihre drei weiteren in den 1990er Jahren entstandenen Kinofilme. Danach drehte sie nur noch drei Kurzfilme und zwei Fernsehserien, ehe ihr 2017 mit dem unter anderem bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten "On Body and Soul" ("Körper und Seele") ein gefeiertes Comeback gelang.


Das folgende Historiendrama "Die Geschichte einer Frau" (2021) wurde zwar in den Wettbewerb von Cannes eingeladen, fand aber wenig Beachtung, doch mit "Silent Friend" gelang ihr nun ein Werk, das man schon jetzt zu den großen Filmen des Jahres zählen darf.


Feinfühlig verbindet Enyedi über den Ginkgobaum nicht nur die drei zu unterschiedlichen Zeiten spielenden Geschichten, sondern erzählt sie auch in unterschiedlichen filmischen Formaten. Indem Kameramann Gergely Pálos die 1908 spielende Geschichte auf schwarzweißem 35-mm Material, die 1972 spielenden Szenen auf grobkörnigem farbigem 16mm-Film drehte und für 2020 gestochen scharfen digitalen Film verwendete, erzählt "Silent Friend" auch über die Entwicklung der filmischen Technik.


Die schwarzweißen Bilder erzeugen dabei aber auch ein starkes Gefühl für die rigide patriarchale Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts, in der eine strenge Geschlechtertrennung herrschte, während die Szenen von 1972 die Freiheit des studentischen Aufbruchs atmen und sich in den kühlen digitalen Bildern des Jahres 2020 die melancholische Stimmung des Stillstands und der Isolation des Corona-Lockdowns verbreitet.


Gleichzeitig erzählt Enyedi aber auch auf allen drei Ebenen von einem Aufbruch, von einem neuen Blick auf die Natur und einer Entdeckung der Achtsamkeit. So findet der aufgrund des Lockdowns zur Untätigkeit gezwungene Neurowissenschaftler in der Erforschung des Ginkgobaums ein neues Arbeitsfeld. Angeleitet von einer französischen Botanikerin (Léa Seydoux), mit der er per Zoom kommuniziert, startet er Versuche, um die elektrischen Ströme des Baumes zu erforschen.


Die junge Studentin Grete entdeckt wiederum in der Fotografie ein Forschungsgebiet, mit dem sie die Pflanzen genauer untersuchen kann, während Hannes, der aufgrund seiner Kindheit und Jugend auf dem Land Pflanzen zunächst hasst, im Jahr 1972 Fürsorge für eine Geranie entwickelt, die seine Mitstudentin Gundula zu ihrem Forschungsobjekt gemacht hat.


Der Feindseligkeit, die der Neurowissenschaftler zunächst vom Hausmeister der Uni (Sylvester Groth) ebenso erfährt wie Grete von den Uniprofessoren und ihrer Vermieterin, steht die Erweiterung des Horizonts durch den neuen Blick auf die Natur durch Experiment und Fotografie gegenüber. Dazwischen stehen die freizügigen und rebellischen frühen 1970er Jahre, in denen Enyedi mit Hannes dem schnellen Sex und dem politischen Protest Zurückhaltung und Achtsamkeit gegenüberstellt.


Das Wunder von "Silent Friend" ist dabei auch, wie leichthändig diese Geschichten, die bewusst nicht konsequent auserzählt werden, verwoben werden und die Achtsamkeit der Figuren auch über die ruhige Erzählweise vermittelt und beschworen wird. Ideal besetzt ist der Neurowissenschaftler Tony mit Hongkong-Star Tony Leung Chiu-Wai, der wohl seit den Filmen von Wong-Kar-wie, zumal seit "In the Mood for Love" (2000) der Inbegriff des melancholischen Mannes ist. Hinreißender Gegenpol ist Sylvester Groth als Hausmeister, der den Asiaten immer wieder misstrauisch beobachtet.


Groß aufspielen kann aber auch Luna Wedler als Grete, die sich bei der Aufnahmeprüfung vom verknöcherten Professoren-Gremium nicht einschüchtern lässt und entschlossen und selbstbestimmt ihren Weg geht, während Enzo Brumm Hannes großartig als zunächst unbeholfenes Landei spielt, das zwar in seiner Zurückhaltung seine stille Liebe verpasst, aber die Liebe zu einer Pflanze findet.


Selbst zum Akteur scheint der Ginkgobaum dabei zu werden, wenn er mit Kamerablick aus seinem Blattwerk immer wieder die Menschen zu beobachten scheint. Nicht nur diese Bilder sind von sanfter Ironie durchzogen, sondern der ganze Film lebt von Enyedis Gespür für leisen Humor. Dieser sorgt dafür, dass "Silent Friend" nicht nur durchgehend federleicht bleibt, sondern auch große Menschenliebe ausstrahlt und sanft für wissenschaftliche Neugier und Offenheit für die kleinen und oft übersehenen Dinge, wie beispielsweise Pflanzen, plädiert.


Wie großartig diese sein können, macht dabei nicht erst eine der letzten Einstellungen deutlich, wenn die Kamera langsam vom Stamm des Ginkgobaums zurückfährt, bis er schließlich in seiner ganzen Pracht und Größe im herbstlich braunem Blätterkleid die Leinwand dominiert. Diese Gleichwertigkeit und Wertschätzung der Flora wird dabei auch noch im Abspann betont, wenn wohl erstmals in einem Spielfilm eine lange Liste von Pflanzen wie Darsteller:innen aufgelistet wird.



Silent Friend

Deutschland / Ungarn / Frankreich 2025

Regie: Ildikó Enyedi

mit: Tony Leung Chiu-Wai, Luna Wedler, Enzo Brumm, Léa Seydoux, Sylvester Groth, Yun Huang, Martin Wuttke, Rainer Bock, Yun Huang, Marlene Burow

Länge: 148 min.



Läuft derzeit in den deutschen und Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen. - Ab 20.2. in den österreichischen Kinos TaSKino Feldkirch im Kino GUK: 19.2. bis 23.2. (dt.-engl. OmU) Kinothek extra in der Kinothek Lustenau: Mo 9.3., 18 Uhr + Mi 18.3., 20 Uhr (dt.-engl. OmU) LeinwandLounge in der Remise Bludenz: Mi 15.4., 19 Uhr (dt.-engl. OmU)

FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 22.4. 18 Uhr + Do 23.4., 19.30 Uhr (dt.-engl. OmU)



Trailer zu "Silent Friend"



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