Nouvelle Vague
- Walter Gasperi

- vor 8 Minuten
- 4 Min. Lesezeit

Richard Linklater zeichnet nicht nur leichthändig die Entstehung von Jean-Luc Godards Klassiker "Außer Atem" nach, sondern bettet diese auch in das meisterhaft beschworene cinephile Umfeld der damaligen Erneuerer des Weltkinos ein: Eine große Hommage, die liebevoll und leidenschaftlich das Kino und jugendlichen Aufbruchsstimmung feiert.
Der Amerikaner Richard Linklater lässt sich in kein Schema pressen. Wie beispielsweise auch François Ozon versucht er sich mit beinahe jedem Film neu zu erfinden. Die großartige, in einem Zeitraum von über zehn Jahren entstandene Coming-of-Age-Geschichte "Boyhood" (2014) steht so neben der fast in Echtzeit ablaufenden "Before"-Trilogie (1995 / 2004 / 2013). Ein gesellschaftskritischer Blick auf die Lebensmittelindustrie findet sich mit "Fast Food Nation" (2006) ebenso in seinem Werk wie die sehr unterhaltsame Schulkomödie "School of Rock" (2003) oder zuletzt die brillante Killerkomödie "Hit Man" ("A Killer Romance", 2023). Aber auch Experimente mit dem Animationsfilm fehlen mit "A Scanner Darkly" (2006) und "Apollo 10 ½: A Space Age Childhood" ("Apollo 10 ½: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter", 2022) nicht.
An der Theater- und Filmgeschichte arbeitete sich der 65-jährige Texaner schon mit "Me and Orson Welles" (2008) ab, in dem er auf die Anfänge von Orson Welles als Theaterregisseur blickte. Nun taucht er schon mit dem im Stil der Zeit um 1960 gehaltenem Vorspann, der sich auf einfache weiße Credits auf schwarzem Grund beschränkt, in die Vergangenheit ein. Meisterhaft beschwört er mit Schwarzweiß, engem 4:3 Format und detailreicher Ausstattung durchgängig die Stimmung dieser Zeit. Nicht wie ein Film über die späten 1950er Jahre, sondern wie ein Film aus dieser Zeit wirkt so "Nouvelle Vague", gleichwohl nie verstaubt oder altbacken.
Spürbar wird nämlich von Beginn an die damalige Aufbruchsstimmung, wenn François Truffaut, Claude Chabrol, Suzanne Schiffman und Jean-Luc Godard (Guillaume Marbeck) in einem Kino im Gegensatz zu den anderen Besucher:innen ablehnend auf den präsentierten französischen Film alter Schule reagieren.
Wie hier die Protagonist:innen mit Inserts vorgestellt werden, so ermöglichen auch in der Folge Inserts zumindest teilweise die Zuordnung der schier zahllosen weiteren Personen aus dem Milieu, die teilweise – wie beispielsweise Juliette Greco – nur in einer Szene zu sehen sind. Trotz dieser Fülle an Verweisen auf die zeitgenössische Filmszene wird "Nouvelle Vague" nie zu schwerer Kost für Insider, sondern bleibt immer eine leichthändige und verspielte Komödie. Zu verdanken ist das nicht zuletzt auch der Besetzung mit noch unbekannten Schauspieler:innen, die einerseits den realen Personen täuschend ähnlich sehen, andererseits perfekt deren jugendliche Unbekümmertheit und Frische vermitteln.
Gleichzeitig zitiert Linklater auch schon am Beginn liebevoll Belmondos Fahrt von Marseille nach Paris in "Außer Atem", wenn er den stets eine dunkle Brille tragende Godard mit dem Auto von Paris zum Filmfestival von Cannes fahren lässt, wo er die bejubelte Premiere von Truffauts "Les quatre cents coups" besucht. Nachdem nun mit Truffaut, Chabrol, Rohmer und Rivette schon zahlreiche Kollegen aus der Redaktion der legendären Filmzeitschrift Cahiers du cinéma ihren ersten Spielfilm gedreht haben, er selbst aber bislang nur einen Kurzfilm, will er dies nun ändern.
Tipps erhält er bei der Vorbereitung unter anderem von den Regiegrößen Roberto Rossellini, den er von einem Vortrag zu seinem Hotel fährt, Jean-Pierre Melville, den er bei seinen Dreharbeiten besucht, und Jean Cocteau. So bettet Linklater die Geschichte der Entstehung von "Außer Atem" ins Umfeld der Kinogötter der jungen Regisseure ein, zu denen dann auch noch in einer ebenso überraschenden wie bewegenden Szene "das französische Kino in Person" kommen wird, der in der Metro Szenen seines neuen Films dreht.
In dieser detailreichen Schilderung, die mit zahlreichen Bonmots gespickt ist, ist in jeder Szene nicht nur Linklaters Liebe zu diesen wagemutigen jungen Regisseuren der titelgebenden "Nouvelle Vague" und zum Kino insgesamt spürbar, sondern sein Film wirkt mit seiner spürbaren Leidenschaft und seinem Esprit auch ansteckend. Mitreißend werden nicht nur die Vorbereitungen von "Außer Atem" mit der Wahl des jungen Jean-Paul Belmondo (Aubry Dullin) und des Hollywoodstars Jean Seberg (Zoey Deutch) als Hauptdarsteller:innen sowie Raoul Coutards (Matthieu Penchinat) als Kameramann geschildert, sondern nach Tagen gegliedert auch die Dreharbeiten, bei denen es immer wieder zu Konflikten mit dem Produzenten Georges de Beauregard (Richard Dreyfürst) kommt, da sich Godard an keinen Drehplan hält.
Aber gerade Godards Streben nach Spontaneität, Improvisation und Unmittelbarkeit, das ihn jede Szene maximal zweimal drehen ließ, da sie sonst mechanisch wirke, feiert Linklater und lässt sie auch in seiner Hommage spüren.
Nachgezeichnet wird dabei nicht nur, wie Godard das Drehbuch quasi von Tag zu Tag in den Cafés entwickelte, sondern auch die innovative Kameraarbeit, bei der Kameramann Raoul Coutard beispielsweise in einen Postkarren kroch, um von Passanten unbemerkt auf den Champs-Élysées zu filmen. Aber auch die Vorbildfunktion Humphrey Bogarts für die Rolle von Belmondo, die Regelbrüche durch Jumpcuts oder die Reduktion aller Szenen aufs Essenzielle beim Schnitt, um den Film auf die vom Produzenten geforderten 90 Minuten zu kürzen, werden nicht ausgespart.
So ist Linklater hier eine durch und durch nostalgische, aber gerade dadurch beglückende Feier des Kinos gelungen, die die Begeisterung fürs Kino neu oder wieder entfachen kann und vor allem große Lust weckt Godards bahnbrechenden Klassiker aber auch andere Filme der Nouvelle Vague (wieder) zu sehen.
Nouvelle Vague
Frankreich / USA 2025
Regie: Richard Linklater
mit: Guillaume Marbeck, Zoey Deutch, Aubry Dullin, Adrien Rouyard, Antoine Besson, Jodie Ruth Forest
Länge: 107 min.
Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan.
Trailer zu "Nouvelle Vague"




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