top of page

Gelbe Briefe

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 40 Minuten
  • 4 Min. Lesezeit
"Gelbe Briefe": Packendes Politdrama
"Gelbe Briefe": Packendes Politdrama

Ein türkisches Künstlerehepaar verliert wegen seines politischen Engagements seine Arbeit. Die zunehmend prekäre finanzielle Situation wirft die Frage auf, ob sie sich anpassen oder an ihren Idealen festhalten sollen: İlker Çatak dekliniert in seinem bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Drama mit einem großartigen Ensemble und starken Dialogen packend das moralische Dilemma durch.


2023 legte İlker Çatak mit "Das Lehrerzimmer" ein dichtes Kammerspiel vor, das auch für den Oscar nominiert wurde. Mit einer großartigen Leonie Benesch als junge Lehrerin erzählte er weitgehend konzentriert auf eine Schule als Schauplatz anhand der schulischen Untersuchung eines Diebstahls nicht nur von Alltagsrassismus, Mobbing und Vorverurteilung, sondern auch von einem sich steigernden moralischen Dilemma der Protagonistin.


Auch in seinem neuen Film "Gelbe Briefe" verhandelt der 42-jährige Filmemacher ein moralisches Dilemma, stellt es aber in den Kontext staatlicher Repression. Packend diskutiert er anhand der Geschichte eines politisch engagierten Künstlerehepaars die Frage, wie weit man für seine Ideale geht und wann man unter staatlichem Druck klein beigibt und sich anpasst.


Am Beginn steht noch der begeisterte Applaus für die Schauspielerin Derya (Özgü Namal) für ihre Leistung im neuen Stück ihres Mannes Aziz (Tansu Biçer). Wie Kamerafrau Judith Kaufmann mit dynamischer Kamera Derya durch die Gänge des Theaters folgt, wie der Schnitt von Gesa Jäger zwischen ihr und ihrem sich um die Premierengäste kümmernden Mann wechselt, erzeugt von Anfang an großen Drive und zieht die Zuschauer:innen ins Geschehen hinein.


Fest verankert und angesehen ist das Ehepaar in der türkischen Gesellschaft, doch bald kippt die Stimmung - auch, weil Derya sich nicht mit dem Gouverneur fotografieren lassen wollte, da dieser zu spät zur Vorstellung kam und dann immer wieder aufs Handy blickte. Wenig später wird so das gesellschaftskritische Stück abgesetzt und als Derya heftig protestiert, erhält sie am nächsten Tag einen gelben Brief mit ihrer Kündigung.


Aber auch Aziz, der nicht nur als Autor und Regisseur arbeitet, sondern auch an der Universität unterrichtet, wird bald ebenso wie Kolleg:innen und Freund:innen von der Universität entlassen, da sie in ihren Vorlesungen die Student:innen zu politischem Engagement und Teilnahme an einer Friedensdemonstration aufforderten.


Detailreich schildert Çatak nun nicht nur die Methoden der staatlichen Repression, sondern auch, wie diese das Ehepaar und ihre 14-jährige Tochter Ezgi (Leyla Smyrna Cabas) zunehmend belastet. Denn zur Entlassung kommen Vandalismus in seinem Büro und Recherchen der Polizei bei den anderen Bewohner:innen des Wohnblocks, die bald zu einem Besuch des Vermieters führen, der Unannehmlichkeiten vermeiden und in Zukunft keine Polizei mehr im Haus sehen will.


Gleichzeitig führt der Jobverlust zu einem finanziellen Engpass, der zu Diskussionen über die Gitarrestunden der Tochter und einem Banktermin führen, bei dem ein Kredit nur gegen hohe Zinsen gewährt wird. Von ihrer großen Wohnung in Ankara zieht so die Familie bald nach Istanbul in die kleine Wohnung von Aziz´ Mutter.


Universalität verleiht Çatak seinem Film, wenn er im Stile Brechtscher Verfremdung in Kapitelüberschriften dezidiert darauf hinweist, dass "Berlin als Ankara" und "Hamburg als Istanbul" fungieren. Auch andere Details wie deutsche Autokennzeichen oder Aufschriften wie "Gott hilft" oder "Im Namen des Volkes" weisen nicht nur darauf hin, dass der durchgängig türkisch gesprochene Film in Deutschland gedreht wurde, sondern auch darauf, dass autoritäre Tendenzen nicht auf die Türkei beschränkt sind, sondern auch in westlichen Demokratien aufkommen können.


Sukzessive spitzt Çatak mit dem Umzug nach Istanbul die Situation des Paares zu. Im konservativen und religiösen Bruder von Derya wird ein Gegenpol zum liberalen Paar eingeführt und zogen Derya und Aziz, der nun einen Job als Taxifahrer annehmen muss, zunächst am gleichen Strang, so kommt es durch die angespannte Lage in der engen Wohnung zunehmend zu Spannungen.


Intensive Szenen gelingen hier vor allem bei einem Familienessen und in den Diskussionen von Derya und Aziz. In langen Einstellungen lässt Çatak seinen großartigen Schauspieler:innen Özgü Namal und Tansu Biçer viel Raum, um ihre Positionen auszuagieren und Emotionen aufzubauen. Dass dabei die Teenager-Tochter zunehmend mehr Gewicht gewinnt, stört allerdings die Dichte von "Gelbe Briefe" und zu abrupt verfällt hier der sonst so liberale und gegenüber seiner Tochter verständnisvolle Aziz plötzlich in ein autoritäres Verhalten.


Die Dichte von "Das Lehrerzimmer" kann "Gelbe Briefe", der am Rand auch die Frage nach der gesellschaftspolitischen Kraft und Wirkung von Kunst aufwirft, aufgrund des weiter gespannten Netzes an Figuren und Schauplätzen zwar nicht erreichen, dennoch packt dieses Drama durch sein starkes Ensemble und die von intensiven Dialogen bestimmten und konzentrierten Szenen. Eindrücklich zeigt Çatak auf, wie sich politischer Druck und die daraus resultierenden ökonomischen Folgen auf private Beziehungen auswirken und stellt auch an das Publikum die Frage, wie es bei Repressionen im Spannungsfeld von Idealen und Anpassung an die politischen Verhältnisse agieren würde.

 


Gelbe Briefe

Deutschland / Türkei / Frankreich 2026

Regie: İlker Çatak

mit: Özgü Namal, Tansu Biçer, Aziz Çapkurt, Yusuf Akgün, Leyla Smyrna Cabas, Şiir Eloğlu

Länge: 128 min.



Läuft derzeit in den deutschen und Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen. - Ab 10.4. in den österreichischen Kinos. TaSKino Feldkirch im Kino GUK: 17.4. bis 20.4.



Trailer zu "Gelbe Briefe"



Kommentare


bottom of page