Michael
- Walter Gasperi

- vor 6 Stunden
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Verherrlichung einer Popikone statt kritischem Biopic: Antoine Fuqua inszeniert Michael Jackson als von seinen Fans bejubelter Star, der sich von seinem übermächtigen Vater langsam abnabelt. Ausgespart werden aber – auch aufgrund der Fokussierung auf die Jahre 1966 bis 1988 - negative Seiten wie Missbrauchsvorwürfe und Medikamentensucht.
Schon mit dem Universal-Logo setzen Klänge aus Michael Jacksons Hit "Bad" ein, bald folgt ein Blick auf seine schwarzen Schuhe und weißen Socken, während man eine johlende Menge hört. An einem Höhepunkt seiner Karriere steht die amerikanische Popikone (1958 - 2009) mit seinen sieben Konzerten im Londoner Wembley-Stadion im Sommer 1988.
In gewohnter Manier von Biopics bricht diese Szene nicht nur abrupt ab, um in einer Rückblende zu den Anfängen des Stars zurückzublicken, sondern lässt auch das Finale wieder in diesen Auftakt münden. Vorgegeben wird mit dieser Szene aber auch schon ein für "Michael" typisches Inszenierungsmuster.
Immer wieder schneiden Antoine Fuqua und seine Editoren John Ottman und Harry Yoon während der folgenden 128 Minuten in den nachinszenierten Auftritten Jacksons nämlich zwischen Blicken auf den singenden und tanzenden Star und dem kaum mehr zu haltenden, johlenden Publikum hin und her. Die Kinozuschauer:innen werden damit förmlich in die Position des Konzertpublikums versetzt, werden ein Teil davon und zur Feier des Idols angeregt.
Durch Kamera, Schnitt und Ausstattung sowie das Spiel von Michael Jacksons Neffe Jafaar, der zwar die Songs nicht selbst singt, aber die Tanzschritte seines Onkels, wie den berühmten Moonwalk perfekt einstudiert hat, entwickeln die Szenen nicht nur mitreißende Kraft, sondern machen auch spürbar, welche physische Anstrengung solche Auftritte einem Musiker abverlangen.
Recht dünn und simpel ist aber was Antoine Fuqua, der in den 1990er Jahren mit Musikvideos begann und sich anschließend mit Filmen wie "Training Day" (2001), der "The Equalizer"-Trilogie (2014 – 2023) und dem Western-Remake "Die glorreichen Sieben" (2016) einen Namen als solider, wenn auch keineswegs herausragender Regisseur machten, zwischen den Konzertszenen erzählt.
Beginnend mit einer Probe des achtjährigen Michael (Juliano Valdi) mit seinen vier Brüdern im Jahr 1966 im Haus der Familie in Gary, Indiana rückt Fuqua die Vater-Sohn-Beziehung ins Zentrum. Unbedingt will der Stahlarbeiter Joseph Jackson (Colman Domingo) seine Söhne nämlich zu Musikerstars aufbauen. Beinhart drillt er sie und reagiert auf Widerspruch Michaels mit Schlägen mit seinem Gürtel. Die Mutter (Nia Long) wird zwar als ihre Kinder liebende, aber doch passiv die Härte ihres Ehemanns hinnehmende Frau gezeichnet.
Die Geschichte des Aufstiegs Michael Jacksons von der Geschwisterband The Jackson Five, einem Plattenvertrag beim Label Motown bis zum Welterfolg mit dem Solo-Album "Thriller" (1982) wird so mit der Vater-Sohn-Beziehung verknüpft. Klischeehaft und wenig differenziert stellt Fuqua dabei dem übermächtigen und den Erfolg des Sohnes bis zum letzten ausnutzenden Vater Michael als lange kindlichen Sohn gegenüber, der erst langsam lernt, dem väterlichen Zugriff Widerstand zu leisten und seinen eigenen Weg zu gehen.
Kritische Akzente darf man sich angesichts der Tatsache, dass nicht nur Jacksons Neffe die Hauptrolle spielt, sondern der Film auch in enger Zusammenarbeit mit der Familie entstand und Familienmitglieder auch als Produzenten fungierten, nicht erwarten. Weder Jacksons Begeisterung für exotische Tiere vom Schimpansen Bubbles über eine Giraffe und ein Lama bis zu einer Schlange, die er in seiner Villa versammelte, noch die für Spielzeug und Stofftiere wird kritisch hinterfragt.
Da mag sich zwar aufgrund des Filmendes im Jahr 1988 zwangsläufig ergeben, dass die ab den 1990er Jahre aufkommenden Missbrauchsvorwürfe ausgespart werden, doch seltsam wirkt schon, wie geradezu in Opposition dazu das Bild eines großen Kinderfreundes gezeichnet wird, wenn der Star in einem Spielzeuggeschäft zahlreichen Kindern bereitwillig Autogramme gibt, mehrfach in einem Krankenhaus krebskranke Kinder besucht und auch eine hohe Versicherungssumme für Kinder mit schweren Brandwunden spenden will.
Aber auch die späteren zahlreichen Schönheitsoperationen werden mit einer singulären Nasenkorrektur ebenso nur kurz angeschnitten wie seine Medikamentensucht mit Schmerzmittel, die er nach einem Unfall während des Drehs für einen Werbespot wegen einer schweren Verbrennung zu sich nehmen muss.
Vorverweis auf seine Neverland-Ranch, die er 1988 erwarb, gibt es dagegen mit seiner sich durch den Film ziehenden Begeisterung für das Buch "Peter Pan". Andererseits sieht Jackson im Kampf Peter Pans gegen Captain Hook wohl auch eine Spiegelung seiner Beziehung zu seinem Vater. Wirklich vertieft wird aber auch dieser Aspekt nicht.
Vielmehr rauscht "Michael" mit viel Musik und prächtiger Ausstattung und gegliedert durch Inserts zu Zeit und Ort durch 20 Jahre einer Musikerkarriere. Profil gewinnen dabei neben der Titelfigur und dessen Eltern nur Jacksons Leibwächter und sein Manager und Anwalt John G. Branca (Miles Teller), die als ganz hinter dem Star stehende Gegenfiguren zum Vater erscheinen. Verwundern kann speziell bei Branca dieses positive Bild nicht, ist er doch auch als Produzent am Film beteiligt.
So darf angesichts der Involvierung der Jackson-Familie und Brancas auch bezweifelt werden, dass eine allfällige Fortsetzung, die die Geschichte des "King of Pop" von 1988 bis zu seinem Tod 2009 behandeln müsste, kritischere Töne anschlagen wird. Dies zeigt sich schon darin, dass eine ursprünglich geplante Version, die mit einer Durchsuchung der Neverland Ranch im Jahr 1993 begann, verworfen wurde und schon gedrehte Szenen zu den Missbrauchsvorwürfen in 1990er Jahren aus rechtlichen Gründen nicht verwendet werden dürfen.
Michael
USA / Großbritannien 2025
Regie: Antoine Fuqua
mit: Jafaar Jackson, Colman Domingo, Miles Teller, Laura Harrier, Nia Long, Kat Graham, Joseph David-Jones
Länge: 128 min.
Läuft derzeit in den Kinos.
Trailer zu "Michael"




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