Primavera – Vivaldi und ich
- Walter Gasperi

- vor 2 Stunden
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Dem italienischen Opernregisseur Damiano Michieletto gelang mit seinem Filmdebüt ein von Musik durchzogenes, bewegendes Drama über den Kampf um weibliche Selbstbestimmung im Venedig des frühen 18. Jahrhunderts: Ein gefällig erzählter und gut gespielter, aber auch etwas glatter Historienfilm, der Fakten und Fiktion mischt.
Von 1346 an wurden in Venedig im Ospedale della Pietá über 600 Jahre Tausende elternlose und ausgesetzte Mädchen aufgenommen. Die begabtesten wurden in Musik unterrichtet, um mit ihrem Spiel und Gesang nicht nur die vornehme Gesellschaft Venedigs zu unterhalten, sondern diese auch als Mäzene zu gewinnen. Vor allem aber wurden die Mädchen, sobald sie herangewachsen waren, an angesehene Männer der Stadt als Ehefrauen verkauft.
Historisches Faktum ist auch, dass Antonio Vivaldi (1678 – 1741) über Jahrzehnte in diesem Waisenhaus Musik unterrichtete. Fiktiv ist aber die junge Cecilia (Tecla Insolia), aus deren Perspektive Damiano Michieletto in seiner freien Verfilmung von Tiziano Scarpas 2008 erschienenem historischem Roman "Stabat Mater" erzählt.
Eindringlich spürbar wird Cecilias Sehnsucht nach der ihr unbekannten Mutter, wenn sie im Voice-over aus den Briefen zitiert, die sie an die Abwesende schreibt. Gegensätze prallen schon in der Auftaktszene aufeinander, wenn Teenager im Waisenhaus verzückt frisch geworfene Katzen ansehen, die Oberin den Wurf aber emotionslos ertränkt. Schon hier wird der Widerstand Cecilias spürbar.
Zentrales Element von "Vivaldi und ich", der zum Teil frappant an den zwar knapp 100 Jahre später, aber ebenfalls in einem venezianischen Waisenhaus mit Musikschule spielenden "Gloria!" (2024) erinnert, ist der Gegensatz von Macht und Ohnmacht, von herrschender Klasse und abhängigen jungen Frauen. Deren einfacher Einheitstracht stehen die pompösen Kleider der Oberschicht gegenüber und während sie ihre Haare unter einer Haube verstecken müssen, fallen die vornehmen Damen und Herren mit ihren prächtigen Frisuren und Perücken auf.
Prägnant vermittelt so Michieletto schon über die Kostüme das Machtgefälle, während das Waisenhaus als weitgehend einziger Schauplatz die Enge und Unfreiheit der Mädchen erfahrbar macht. Einerseits sollen sie zwar bei der Messe die Besucher:innen von der Empore aus mit Gesang und Spiel erfreuen, andererseits sollen sie aber quasi unsichtbar bleiben und zudem die Gesichter hinter einer Maske verstecken.
Eindrücklich macht auch ein Auftritt in der freien Natur, bei dem die Mädchen für einmal das Waisenhaus verlassen und ein Gefühl von Freiheit aufkommt, ihre Unfreiheit und Abhängigkeit erfahrbar. Als die Förderungen fürs Ospedale della Pietá zurückgehen, holt die Leitung Antonio Vivaldi (Michele Riondino) als Lehrer zurück. Dieser hat zwar schon zuvor in diesem Waisenhaus unterrichtet, ging dann aber erfolglos eigene Wege.
Während die anderen Mädchen kaum Profil gewinnen, rückt die Beziehung zwischen Vivaldi und Cecilia ins Zentrum. Der Komponist fördert nicht nur die musikalische Begabung der jungen Frau, sondern sie entdecken auch eine Seelenverwandtschaft. Wie Cecilia fühlt sich auch Vivaldi fremdbestimmt, wurde er doch nur aufgrund des Wunsches seiner Mutter Priester. Bald wird er aber vor die Entscheidung gestellt, ob ihm neue Instrumente oder die Besetzung des Orchesters mit Cecilia wichtiger ist.
Michieletto, der gemeinsam mit Ludovica Rampoldi auch das Drehbuch schrieb, erzählt rund und geradlinig, allerdings auch sehr glatt. Die sorgfältige Ausstattung und die Kameraarbeit von Daria D´Antonio sorgen so für prächtige, wenn auch allzu aufgeräumte Bilder, während die Musik Vivaldis bei den zahlreichen Proben und Auftritten des Orchesters Hörgenuss bescheren.
Die Musik ist dabei aber nicht nur Untermalung, sondern hat auch dramaturgische Funktion. Sie ist nämlich gewissermaßen Cecilias Instrument der Emanzipation und Selbstermächtigung. So wird sich die Protagonistin mit wachsender Präsenz der Musik - bis zu "Die vier Jahreszeiten" zum Nachspann - vom zurückhaltenden Mädchen zur zunehmend selbstbewussten und entschlossenen jungen Frau entwickeln. Nie verstellt oder verwässert aber die Musik den Blick auf die bittere historische Realität, sondern unterstreicht sie vielmehr.
Auch durch die treffende Besetzung werden die gesellschaftlichen Gegensätze und Machtverhältnisse sichtbar, wenn Tecla Insolias körperlich schwacher, aber innerlich starker Cecilia und Michele Riondinos zögerlichem und letztlich feigem Vivaldi Fabrizia Sacchi als gefühlskalte Oberin und Andrea Pennacchi als Gouverneur, den nur der gute Ruf und das Geld interessieren, gegenüberstehen. Scharf wird auch mit dem mehrmals wiederholten Satz "Es geht immer ums Geld" mit einer Gesellschaft abgerechnet, in der jede Menschlichkeit den finanziellen Interessen geopfert wird.
Doch dieser Männerherrschaft setzt Michieletto wie Markus Schleinzer in seinem rund 60 Jahre früher und in einem ganz anderen Milieu spielenden "Rose" die Resilienz und Entschlossenheit Cecilias entgegen. Wie dort Sandra Hüller als Bäuerin während des Dreißiigjährigen Kriegs so versucht sich auch hier Cecilia dem Zugriff der Männer zu entziehen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Bittere Erfahrungen bleiben dabei auch für Cecilia nicht aus, dennoch bestimmt Hoffnung das Ende, wenn eine Gondel durch die Kanäle schaukelt, Cecilia ihre Haube ablegt, ihre langen schwarzen Haare endlich sichtbar werden und sie erstmals in die Kamera lächelt.
Primavera – Vivaldi und ich
Frankreich / Italien 2025
Regie: Damiano Michieletto
mit: Tecla Insolia, Michele Riondino, Fabrizia Sacchi, Andrea Pennacchi, Valentina Bellè, Stefano Accorsi
Länge: 110 min.
Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan. - Ab 21./22.5. in den österreichischen und deutschen Kinos. TaSKino Felkdirch im Kino GUK: Fr 12.6. bis Mo 15.6. (ital. OmU.)
Trailer zu "Primavera - Vivaldi und ich"




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