Ticket ins Leben – Aimons-nous vivants
- Walter Gasperi

- 12. Juni
- 3 Min. Lesezeit

Ein alternder Chansonnier wird auf der Zugfahrt in die Schweiz, wo er assistierten Suizid begehen möchte, von einer aufdringlichen Frau genervt, die sich auch nach der Ankunft in Genf nicht abschütteln lässt: Die Handlung ist vorhersehbar, doch Jean-Pierre Améris´ feinfühlige Inszenierung und die beiden blendend harmonierenden Hauptdarsteller:innen Gérard Darmon und Valérie Lemercier sorgen dennoch für eine charmante romantische Komödie.
Noch einmal begeistert der Chansonnier Antoine Toussaint (Gérard Darmon) mit seiner Coverversion des US-Hits "Mambo Italiano" das Publikum, doch dann bricht er auf der Bühne zusammen. Mit einem Schnitt überspringt Jean-Pierre Améris ein Jahr und Antoine wirkt äußerlich genesen, doch seinen Lebensmut hat er mit dem Schlaganfall verloren. Jetzt steht eine Reise in die Schweiz an, doch seinen Manager und Freund Claude (Patrick Timsit) möchte er nicht mitnehmen.
Wenn in einem französischen Film der letzten Jahre jemand in die Schweiz aufbricht, dann geht es von Stéphane Brizés "Quelques heures de printemps" ("Der letzte Frühling", 2012) über Francois Ozons "Tout s´est bien passé" (Alles ist gut gegangen", 2022) bis zur Komödie "On ira" ("Bon voyage – Bis hierher und noch weiter", 2025) meist um Sterbehilfe. Mit dieser Absicht besteigt auch Antoine den Zug. Er möchte bei dieser letzten Reise seine Ruhe haben, doch bald wird diese durch die aufdringliche Victoire (Valérie Lemercier), die leidenschaftlicher Fan des Sängers ist, empfindlich gestört.
Ein hinreißendes ungleiches Paar sind der rund 70-jährige Chansonnier und die gut 20 Jahre jüngere Frau. Großartig harmonieren Gérard Darmon und Valérie Lemercier in diesen Rollen, die sie mit sichtlichem Vergnügen spielen. Charmant reiben sich der wortkarge und etwas missmutige Antoine und die quirlige und ständig Fragen stellende Victoire im Stil klassischer Screwball-Komödien mit pointierten Dialogen aneinander.
Ganz gegensätzlich sind auch ihre Ziele, denn während er sterben will, reist sie zur Hochzeit ihrer Tochter. Kanten gewinnt diese Frau auch dadurch, dass sie im Grunde eine mehrjährige Haftstrafe wegen eines Überfalls absitzt und nur fürs Wochenende Freigang erhalten hat. Sie nimmt nun quasi Antoine in Haft, bewegt ihn mit ihr die Hochzeit der Tochter zu besuchen und will ihn selbstverständlich umstimmen, als sie den Grund seiner Reise durchschaut.
Vorhersehbar ist die Handlung, doch dies machen die feinfühlige Inszenierung von Jean-Pierre Améris, der zusammen mit Marion Michau auch das Drehbuch schrieb, und die beiden spielfreudigen Hauptdarsteller:innen locker wett. Wie zuletzt in "Marie-Line et son juge" ("Wie das Leben manchmal spielt", 2023) und vor 16 Jahren in "Les émotifs anonymes" ("Die anonymen Romantiker", 2010) versteht es der 65-jährige Franzose auch hier souverän Witz und Gefühl zu verbinden.
Sein Blick auf seine beiden Protagonist:innen, die beide mit Problemen zu kämpfen haben, aber im Zusammenspiel zu einer neuen Sicht aufs Leben und Glück finden, ist voll Empathie und Verständnis für ihre Schwächen. Trotz der leichthändigen Erzählweise verharmlost Améris aber nie den ernsten Hintergrund wie Altern, Krankheit und Sterbehilfe oder Einsamkeit und Mutter-Tochterkonflikt, blickt aber voll Sanftmut darauf und verbreitet Optimismus und Lebensfreude statt in Niedergeschlagenheit zu versinken.
Zu verdanken ist das auch dem Gespür für witzige und teils slapstickhafte Szenen. So bietet sich die Hochzeit nicht nur für eine Rede der Mutter an, die ziemlich aus dem Ruder läuft, sondern auch für einen Auftritt Antoines. Da dieser seinen Plan aber nicht aufgeben will, greift Victoire schließlich auch zu handgreiflicheren Mitteln, um seinen Tod zu verhindern.
Was passiert aber, wenn Antoines Manager ihm doch noch nach Genf folgt und Zeitungen und Fernsehen aufgrund einer verfrühten Presseaussendung schon ausführlich vom Tod des großen Chansonniers berichten, obwohl dieser noch am Leben ist und sich so gut fühlt wie schon lange nicht mehr?
Ganz kann Améris den anfänglichen Schwung zwar nicht durchhalten, doch unterhaltsam bleibt diese typisch französische Komödie dank ihrer geschmackvollen Inszenierung dennoch und sorgt auch dadurch für gute Stimmung, dass sie Hoffnung verbreitet, dass ein Neuanfang auch im Alter und in schwierigen Situationen möglich ist.
Ticket ins Leben – Aimons-nous vivants
Frankreich 2025
Regie: Jean-Piere Améris
mit: Valérie Lemercier, Gérard Darmon, Patrick Timsit, Alice de Lencquesaing, Aurélien Cavagna
Länge: 90 min.
Läuft derzeit in den deutschen und österreichischen Kinos, z.b. im Cinema Dornbirn.
Trailer zu "Ticket ins Leben – Aimons-nous vivants"




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