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Lebensansichten eines Huhns - Kota (Hen)

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 11 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit
"Lebensansichten eines Huhns": Das Schicksal eines Huhns als Spiegelbild für menschliche Erfahrungen
"Lebensansichten eines Huhns": Das Schicksal eines Huhns als Spiegelbild für menschliche Erfahrungen

Ein Huhn entgeht der Schlachtung, doch auch das Leben außerhalb der Legebatterie birgt jede Menge Gefahren: György Pálfi erzählt beinahe wortlos und weitgehend aus der Perspektive des tierischen Protagonisten, dessen Schicksal auch menschliche Erfahrungen spiegelt.


Fast physisch kann man spüren, wie schmerzhaft das Legen eines Eis sein muss, denn in Detailaufnahme und ausführlich zeigt der Ungar György Pálfi diesen Prozess. Kaum ist das Ei aber gelegt, landet es in der Geflügelfarm auf dem Fließband, wird maschinell sortiert und gestempelt, bis in der Legebatterie wenig später zahlreiche gelbe Küken schlüpfen.


Ein schwarzes Küken ist hier ein Außenseiter, der in der Menge bald unter die Räder zu kommen droht, sich dann doch aber wieder nach oben kämpft. Rasch entwickelt es sich zum großen Huhn und soll nun mit zahlreichen Artgenossen per LKW zum Schlachter gebracht werden. Doch weil es mit seiner schwarzen Farbe auffällt, pickt es der Fahrer heraus, damit es ihm seine Frau zuhause zubereitet.


Quasidokumentarisch ist diese Schilderung der industriellen Geflügelzucht, doch nicht nur hier kommt der Ungar György Pálfi, der sich schon mit seinem Debüt "Hukkle" ("Das Dorf", 2002) und "Taxidermia" (2006) als Spezialist für eigenwillige Filme präsentiert hat, nahezu ohne Worte aus.


Fast durchgängig erzählt er nämlich aus der Perspektive des namenlos bleibenden Huhns. Mit dessen Perspektive werden von Menschen weitgehend nur die Hände oder die Beine wahrgenommen. Im Gegensatz zu Disney- und anderen Animationsfilmen vermenschlicht Pálfi sein Huhn aber nicht durch eine Stimme und setzt auch kein Voice-over ein. Auch auf KI verzichtete er, verwendete aber zur Verkörperung seines Protagonisten acht unterschiedliche Hühner, die im Nachspann namentlich angeführt werden.


Wird einerseits dadurch eine Vermenschlichung des Huhns vermieden, stellt sich diese durch den intensiven Kamerablick von Giorgos Karvelas auf das Huhn und die Übernahme der Hühnerperspektive dann aber doch wieder ein. Nicht instinktiv scheint dieses nämlich hier immer wieder zu handeln, sondern ganz menschlich seine Aktionen zu überlegen und zu planen.


So entkommt es auch bald der Fahrerkabine des LKW, doch in der freien Natur drohen bald andere Gefahren von einem Fuchs über eine vielbefahrene Straße bis zu einem Hund, der sich das Huhn schnappt und zu seinem Herrchen bringt. In einem idyllisch am Meer gelegenen, aber heruntergekommenen Bauernhof mit Fischrestaurant landet das Huhn nicht nur bald im Hühnerstall, sondern auch der Kontakt mit einem Hahn stellt sich ein. Doch der Wunsch nach einer Familie wird vom Besitzer unterbunden, entreißt er dem Huhn doch täglich die frisch gelegten Eier.


Gewicht gewinnt hier die menschliche Ebene, wenn Schlepper den Bauernhof als Umschlagplatz für die wie Hühner in Containern zusammengepferchten Flüchtlinge benutzen. Überzeugen kann diese Parallelisierung von Hühnern und Flüchtlingstragödie aber nicht, ist der Erzählton von "Lebensansichten eines Huhns" angesichts dieser menschlichen Katastrophe doch viel zu leicht und komödiantisch.


Auch die inhaltliche Tiefe von Robert Bressons "Zum Beispiel Balthasar" (1966) oder Jerzy Skolimowskis Neuinterpretation "EO" (2022), die anhand eines Esels bewegend vom menschlichen Leid und Grausamkeit in der Welt erzählen, erreicht dieser Film nicht. Unübersehbar ist zwar die industrielle Hühnerfarm als Spiegelbild für menschliche Einengung durch gesellschaftliche Normen angelegt und auch die Entwicklung des Huhns vom Freiheitsstreben zum Wunsch nach einer Familie im sicheren Hühnerstall steht für die menschliche Entwicklung vom Jugend- zum Erwachsenenalter, doch zu wenig verdichtet werden diese Parallelen.


So wird dank des originellen Ansatzes, der ungewöhnlichen Erzählweise und der vielfältigen Abenteuer des Huhns zwar leichthändige Unterhaltung geboten, doch Nachdruck und Nachwirkung entwickelt diese tierische Tragikomödie nicht.

 

 

Lebensansichten eines Huhns - Kota (Hen)

Deutschland / Ungarn / Griechenland 2025

Regie: György Pálfi

mit: Yannis Kokiasmenos, Maria Diakopanagiotou, Argyris Pandazaras, Antonis Kafetzopoulos, Antonis Tsiotsiopoulos, Machmout Bamerni

Länge: 96 min.

 


Läuft derzeit in den deutschen und österreichischen Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn.



Trailer zu "Lebensansichten eines Huhns - Kota (Hen)"



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