L´affaire Bojarski – Der perfekte Schein
- Walter Gasperi

- vor 6 Minuten
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In der Nachkriegszeit entwickelte sich der während des Zweiten Weltkriegs nach Frankreich geflüchtete Pole Jan Bojarski zum brillanten Geldfälscher: Jean-Paul Salomé zeichnet seine Geschichte als Mix aus packendem Heist-Movie, Ehegeschichte und Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei nach.
Mit der Krimikomödie "Eine Frau mit berauschenden Talenten" (2020) gelang Jean-Paul Salomé wohl nicht zuletzt dank Hauptdarstellerin Isabelle Huppert ein beachtlicher Publikumserfolg. Nachdem der 66-jährige Franzose in "La syndicaliste – Die Gewerkschafterin" (2022) wieder mit Huppert die nur wenige Jahre zurückliegende Geschichte einer Gewerkschafterin, die gegen die dubiosen Machenschaften der Atomindustrie kämpft, nachzeichnete, taucht er nun in "L´affaire Bojarski - Der perfekte Schein " in die Nachkriegszeit ein.
Schon vor die Bilder einsetzen sorgen metallene Klänge für Spannung, ehe mit einem ebenso brutalen wie perfekt geplanten Überfall auf einen Transporter in einer einsamen Waldgegend die Bilder dazukommen. Von diesem furiosen, 1951 spielenden Auftakt blendet Salomé ins Jahr 1943 zurück. Gerafft bietet er Einblick in Czesław Jan Bojarskis (1912 – 2003) Tätigkeit als Passfälscher und über den Dialog in die Flucht des polnischen Offiziers aus einem ungarischen Gefangenenlager nach Frankreich.
Zügig werden Jahre übersprungen, wenn auf die Hochzeit mit Suzanne (Sara Giraudeau) die Gründung einer Familie und Bojarskis Versuch als Erfinder zu reüssieren folgt. Doch die Industriellen zeigen kein Interesse an seinem klecksfreien Füller oder einem elektrischen Rasierer und die Patentbehörde schikaniert ihn wegen mangelnder Französischkenntnisse. Prägnant deckt Salomé die Ausländerfeindlichkeit und die Chancenlosigkeit von Migranten auf, die Bojarski zunächst zwingt schlecht bezahlte Gelegenheitsjobs anzunehmen und ihn dann in eine Geldfälscherbande einsteigen lässt, ehe er sich selbstständig macht.
Dicht treibt Salomé die Handlung voran, lässt sich aber gleichzeitig doch viel Zeit für den komplizierten Prozess des Fälschens. Zur Kunst wird dieser hier, wenn Bojarski zunächst nach dem richtigen Papier für die Blüten sucht, dann mit Akribie die Druckplatten ritzt und zahlreiche Probedrucke folgen. Man spürt die Faszination des Regisseurs für diesen eleganten Verbrecher, der alles daransetzt, unauffällig zu bleiben, seinen Lebensstil nicht ändert, in jedem Geschäft nur einen falschen Schein einsetzt und seine Noten in ganz Frankreich verteilt.
In drei Kapiteln spannt Salomé den Bogen vom 1000-Franc-Schein "Minerva und Herkules" über den 5000-Franc-Schein "Erde und Meer" bis zum – nach der Einführung des neuen Franc 1960 - 100-Franc-Schein "Bonaparte". Obwohl sich die Handlung so über 15 Jahre erstreckt, gelingt eine bruchlose Erzählung. Souverän wird dabei das Porträt Bojarskis, der sich als Künstler sieht, mit seiner Ehegeschichte und dem Katz- und Maus-Spiel, das er sich mit dem ihn jagenden Kommissar Mattei (Bastien Bouillon) liefert, verknüpft.
Bald wird so klar, dass es Bojarski, der von Reda Kateb wunderbar zurückhaltend gespielt wird, zunehmend weniger ums Geld geht, als vielmehr um die Perfektionierung seiner Kunst und das Bestreben mit seinen Fälschungen, denen er jeweils eine eigene Note verpasst, die Originale zu übertreffen. Gleichzeitig leidet er aber auch darunter, dass er seine Kunst geheim halten muss und keine Anerkennung genießen kann. So treibt ihn sein Doppelleben nicht nur zunehmend in die Einsamkeit, sondern belastet auch sein Familienleben und seine Ehe, als seine Frau Einblick in seine Fälschertätigkeit gewinnt.
Lustvoll am französischen Gangsterfilm der 1950er und 1960er Jahre orientiert sich Salomé dabei, wenn er Bojarski den verbissenen Ermittler Mattei gegenüberstellt. Wie in den Filmen Jean-Pierre Melvilles erscheinen hier Polizist und Verbrecher nur als zwei Seiten der Medaille, die ihre Obsession für den Job und ihr Perfektionsstreben, aber auch ihre Einsamkeit verbindet. Fiktion mischt sich so nicht nur bei der Ehegeschichte in den Film, sondern auch wenn Bojarski selbst den Kontakt zum Polizisten sucht, um mit ihm zu spielen, gleichzeitig gelingen Salomé damit hochspannende Szenen.
Souverän treibt Salomé die Handlung mit Montagesequenzen von der Produktion des Falschgelds und dessen Verbreitung voran und steigert mit Parallelmontagen die Spannung beim Katz-und-Maus-Spiel zwischen Bojarski und Mattei. Dazu kommen Reda Kateb, Sara Giraudeau als Suzanne und Bastien Bouillon als Mattei, der den Perfektionismus seines Kontrahenten zunehmend bewundert, als starkes Dreieck, mit dem unterschiedliche Aspekte ins Spiel kommen.
Aber auch die für den französischen Gangsterfilm zentralen Themen der Loyalität und des Verrats dürfen nicht fehlen, während die sorgfältige Ausstattung für atmosphärische Dichte sorgt. – So bietet "L´affaire Bojarski", dessen deutscher Titel "Der perfekte Schein" sich sowohl auf die Fälschungen als auch auf das unauffällige Doppelleben des Fälschers bezieht, süffiges Kino, das dem von der Presse als "Cézanne der Geldfälscher" gefeierten Underdog frei von jedem Moralisieren ein Denkmal setzt.
Läuft derzeit in den deutschen und Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen. - Ab 2.10. in den österreichischen Kinos.
Trailer zu "L´affaire Bojarski - Der perfekte Schein"




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