Primetime


Robert Pattinson brilliert als zynischer TV-Moderator, der in der Reality-TV-Serie "To Catch a Predator", die in den 2000er Jahren in den USA für Aufsehen sorgte, Pädophile bloßstellt: Ein visuell ebenso eigenwilliger wie düsterer Medienthriller, der aber nicht richtig zündet.
Nicht nur das enge 4:3-Format sorgt von Anfang an für eine beklemmende Atmosphäre, sondern mehr noch die körnigen Bilder und eine Farb- und Lichtdramaturgie, die vielfach mit giftigem Grün, grellem weißem Licht und markanter Ausleuchtung der Gesichter arbeitet. Ungewöhnliche Kameraperspektiven evozieren wiederum die Atmosphäre eines Horrorfilms, während einerseits geringe Schärfentiefe immer wieder den Hintergrund verschwimmen lässt, andererseits extreme Nahaufnahmen Details akzentuieren.
Konsequent halten der Dokumentarfilmer Lance Oppenheim, der mit "Primetime" sein Spielfilmdebüt vorlegt, und sein Kameramann David Bolen diese Ästhetik durch. Ein großes Studio hätte dies wohl nicht akzeptiert, doch beim produzierenden A 24, das mit ungewöhnlichen Filmen von "Moonlight" (2016) über "The Green Knight" (2021) und "Everything Everywhere All at Once" (2022) bis zu "Backrooms" (2026) immer wieder Erfolge feierte, sind solche Experimente noch möglich.
Fließend gehen dabei diese schmutzig-düsteren Filmbilder in TV-Bilder der Realityserie "To Catch a Predator" über. Von 2004 bis 2007 wurde diese Sendung als Teil der Nachrichtensendung Dateline NBC ausgestrahlt. Mittels Schauspieler:innen, die sich als Teenager ausgaben, wurden darin Männer mit sexuell aufgeladenen Chats in mit versteckten Kameras präparierte Häuser gelockt. Offenbarten die Besucher dann ihre pädophilen Interessen, trat der Moderator Chris Hansen wie ein Deus ex Machina auf, stellte die Männer bloß und ließ sie anschließend von der Polizei verhaften.
Mit der Nachinszenierung einer solchen, 2006 spielenden Szene setzt "Primetime" ein und wirft schon Fragen nach der moralischen Vertretbarkeit dieser inszenierten medialen Verbrecherjagd, aber auch der Sensationsgier des Publikums aus, die die Serie zum Erfolg machte. Letzteres schwingt in den Film bestenfalls aus dem Hintergrund herein, denn der Fokus liegt ganz auf Hansen, den Robert Pattinson grandios als schmierig-narzisstischen Medienmacher spielt.
Wie die Zuschauerquoten alles bestimmen, wird sichtbar, wenn der Chef des Studios "To Catch a Predator" ins Hauptabendprogramm – also die Primetime – verlegt, obwohl er die Serie nicht mag, andererseits erhöht sich damit der Druck auf Hansen und seine – fiktive - Produzentin Andie (Merritt Wever). Immer spektakulärere Fälle glaubt vor allem Hansen nun präsentieren zu müssen, um das Publikum von der parallel laufenden Erfolgsserie "Lost" zu seiner Sendung zu locken.
Kalt und schonungslos ist Oppenheims Blick nicht nur auf diese Serie, deren Geschichte David Osit 2025 im Dokumentarfilm "Predators" nachzeichnete, sondern auch auf Hansen. Zu seinem Gegenpol baut der 30-jährige Amerikaner dabei den – fiktiven - jungen Dan (Skyler Gisondo) auf, der hofft, mit der Rolle des Lockvogels in "To Catch a Predator" den Aufstieg zum Schauspieler zu schaffen. Skrupellos manipuliert Hansen, um seine Ziele zu erreichen, aber nicht nur Dan, der sich in dem Spiel mit der Realität zunehmend unwohl fühlt, sondern übergeht bei seinen Entscheidungen auch seine Produzentin.
Ebenso verstörend wie stark ist "Primetime" so zwar im vernichtenden Blick auf die Medienwelt, doch wenig überzeugend und überflüssig ist nicht nur eine Parallelgeschichte um eine Erpressung Hansens wegen einer außerehelichen Affäre. Aufgesetzt wirkt nämlich auch eine traumatische Erfahrung Hansens während einer Recherche in Indien als Motivation für sein Engagement für seine Serie, mit der er angeblich die Welt ein bisschen verbessern will.
So lässt "Primetime" zwiegespalten zurück, beeindruckt einerseits mit seiner formalen Konsequenz und dem großartigen Spiel Pattinsons, hält andererseits das Publikum in seinem kühlen Blick auf die Protagonist:innen aber immer so auf Distanz, sodass kaum echte Spannung aufkommt.
Primetime USA 2026
Regie: Lance Oppenheim
mit: Robert Pattinson, Anna Faris, Bokeem Woodbine, Merritt Wever, Matthew Maher, Skyler Gisondo, Phoebe Bridgers, Sean Bridgers
Länge: 111 min.
Läuft derzeit in den deutschen und österreichischen Kinos, z.B. im Cineplexx Hohenems.
Trailer zu "Primetime"




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