Geister


Keine Zeit ist der Liebe zwischen zwei Abiturient:innen gegönnt, denn bevor sie wirklich beginnt, trennt die frisch Verliebten der Tod schon. Doch nun sucht die Verstorbene den Hinterbliebenen in seinen Träumen heim: Fatih Akins Film über Sehnsucht, Verlust und tiefe Trauer ist nicht nur ebenso traumhaft wie melancholisch, sondern bietet auch pures Kino.
Am Beginn steht der Besuch der aus Syrien stammenden Farasha mit ihren vier Schwestern und ihrer Mutter am Grab des Vaters, doch schon in der nächsten Szene wird im Hamburger Fernsehturm das bestandene Abitur gefeiert: Wie Kameramann Frank Griebe dabei die nächtliche Stadt und die elektrisierende Partystimmung einfängt und mit Licht und Farben spielt, um Stimmung zu erzeugen, nimmt sogleich gefangen.
An der Theke lernen sich die Abiturient:innen Farasha (Mariam Dawoud) und Faris (Eren M. Güvercin) kennen. Im kurzen Dialog spürt man dank der blendend harmonierenden und natürlich agierenden Hauptdarsteller:innen Maria Dawoud und Eren M. Güvercin, wie es zwischen beiden jungen Erwachsenen funkt.
Farasha will zunächst mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause fahren und verabredet für den nächsten Tag ein Treffen mit Faris, nimmt dann aber doch sein Angebot an, sie zusammen mit zwei Freund:innen nach Hause zu bringen. Dort werden sie aber nie ankommen, sondern Faris wird am nächsten Morgen im Krankenhaus aufwachen.
Den Unfall spart Fatih Akin zunächst aus, wird ihn dann aber mehrfach wiederholen und dabei auch mit einer Wendung gegen Ende die Tragik noch steigern. Auch dass sie mit dem Wagen in die Elbe gestürzt sind, wird geschickt dramaturgisch genützt. Einerseits können damit verzweifelte Rettungsversuche geschildert werden, andererseits steht dem Auftauchen aus dem Wasser, das quasi einer zweiten Geburt entspricht, die Trennung durch den Tod gegenüber.
Bald erfährt der nahezu unverletzte Faris, dass Farasha bei diesem Unfall gestorben ist. Nun wird sie ihn aber in den Träumen heimsuchen, die für ihn so real sind wie das Leben. Farasha selbst aber wird im Tod wieder dem Geist ihres Vaters begegnen, der ihr erklärt, dass sie 40 Tage lang die Lebenden besuchen kann, ehe sie in den Nebel der Erinnerung verschwänden.
Wie Akin die Handlung in Hamburger Schauplätze vom Fernsehturm über die Elbe und das Hamburger Rathaus bis zu einem Bahnhof und dem Anleger Alte Rabenstraße einbettet, macht "Geister" zur großen Hommage an seine Heimatstadt. Doch nie werden diese Schauplätze selbstzweckhaft ausgestellt, sondern immer stehen die Figuren im Zentrum. Auch in kleinen Szenen lässt der 53-jährige Regisseur so intensiv den Schmerz über den Verlust und die Trauer erfahren, wenn sich Farasha beispielsweise in einer Traumszene in Zeitlupe von Faris an einer Straßenbahnhaltestelle entfernt.
Wesentlich zur tiefmelancholischen Stimmung des Films trägt aber auch der großartige Soundtrack von Malakoff Kowalski bei, bei dem ruhige Saxophon-, Klavier und Gitarrenklänge und Aya Samras sich leitmotivisch durch den Film ziehender Song "Ya mami" wechseln. Unterstützt wird diese Stimmung aber auch durch die den Film gliedernden Inserts zu den vergehenden Tagen, in denen die Illustratorin Bea Davies den Stil von Graphic Novels und Pop-Art verbindet.
Aber auch, wie Faris immer blasser und ruhiger wird, lässt spüren, wie er zunehmend in eine Depression fällt. Zerrissen ist er zwischen dem Leben im Diesseits und der Sehnsucht Farasha nahe zu sein und ihr zu folgen. Auch wenn in einer Szene bewegend die tiefe Trauer von Farashas Mutter erfahrbar wird, konzentriert sich Akin doch weitgehend auf das Paar, dem kein Glück gegönnt war.
Ein Film im Konjunktiv ist so "Geister" gewissermaßen, beschwört er doch den Traum einer Liebe, die möglich gewesen wäre, wenn der Tod nicht das Paar getrennt hätte. Akin und seine Ko-Drehbuchautorin Ruth Toma finden dabei nicht nur mehrfach starke Handlungswendungen, sondern auch visuell begeistert der Film mit aufregenden Kameraperspektiven und Bildideen von einem Silvesterfeuerwerk im Hintergrund bis zum Fernsehturm, zu dem dieser betörend schöne Liebesfilm im hochspannenden Finale zurückkehrt.
Hitchcocks "Vertigo" diente Akin, der mit dieser Teenager-Liebes- und Trauergeschichte nach so unterschiedlichen Filmen wie dem wuchtigen Drama "Gegen die Wand" (2004), dem Jugendfilm "Tschick" (2016), dem absolut ekligen Frauenmörderfilm "Der Goldene Handschuh" (2019) und der am Ende des Zweiten Weltkriegs spielenden Coming-of-Age-Geschichte "Amrum" (2025) erneut seine Vielseitigkeit beweist, zwar erklärtermaßen als Inspiration für diese Geschichte über die Rückkehr einer Toten, doch "Geister" ist ein ganz eigener Film geworden: ein wunderbar sanfter und hochpoetischer, ein tieftrauriger und doch versöhnlicher – und vor allem ein Film, der die Möglichkeiten filmischer Gestaltung so ausschöpft, dass man ihn sich in keinem anderen Medium vorstellen kann: Was Akin und seinem Team hier gelingt, ist nicht nur sein vielleicht schönster Film, sondern kann auch weder als Roman noch als Theaterstück und wohl auch nur bedingt als Graphic Novel, als die "Geister" auch erscheint, funktionieren, sondern ist reines Kino.
Geister
Deutschland 2026
Regie: Fatih Akin
mit: Eren M. Güvercin, Mariam Dawoud, Lama Alhalabi, Carlotta von Falkenhayn, Gabriel-Winner Amorin, Anna Bederke, David Schütter
Länge: 106 min.
Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn, Skino Schaan und Cineplexx Hohenems.
Trailer zu "Geister"




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