Wildwood


Bildgewaltiger Stop-Motion-Animationsfilm um eine 12-Jährige, die ihren Bruder retten will, der von Krähen in einen verzauberten Wald entführt wurde: Ein an visuellem Einfalls- und Detailreichtum überbordender und mitreißend erzählter, epischer Fantasy-Film, der sich in seiner Struktur aber in konventionellen Bahnen bewegt.
16 Jahre hat Travis Knight mit dem Team seines Laika-Studios an "Wildwood" gearbeitet. Schon als er auf das unvollendete Manuskript von Colin Meloys 2011 erschienenem Roman und die Illustrationen von Carson Ellis stieß, war sein Interesse an einer Verfilmung geweckt. In jeder Szene spürt man nun die Liebe zum Detail und die Leidenschaft, mit der in Stop-Motion-Technik die Figuren und die fantastische Welt dieses Films gestaltet wurde.
Der Nachspann bietet einen kleinen Einblick in diese liebevolle Handarbeit und auch im Film verweist an einem Geschäft das Schild "Enjoy handmade art before it is gone for good" auf das Programm von Knight und seinem Team. Gleichzeitig wird damit aber auch die Möglichkeit angedeutet, dass dies in Zeiten von KI vielleicht der letzte Film dieser Art sein könnte.
Schon der Blick ins Zimmer der 12-jährigen Prue, die mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder Mac in Portland, Oregon lebt, begeistert durch die detailfreudige Ausstattung. Knight selbst bezeichnet den Film auch als Liebesbrief an seine Heimatstadt und den Sitz von Laika, in der "Woodland" mit dem schneebedeckten Mount Hood im Hintergrund und der St. John´s Brücke klar verankert ist.
Nicht minder eindrucksvoll ist die Vielfalt der Straßenzüge und der Menschen, als Prue mit ihrem Fahrrad mit Mac im Anhänger durch die Stadt fährt. Doch dann wird in einer Szene, für die unübersehbar Hitchcocks "Die Vögel" Pate stand, Mac von einem riesigen Schwarm Krähen entführt.
Was folgt, ist eine spektakuläre erste Verfolgungsjagd, bei der Prue nun mit ihrem nerdigen und ängstlichen Mitschüler Curtis im Anhänger den Krähen nachjagt, bis beide in die angeblich undurchdringliche Wildnis des Waldes vor den Toren der Stadt eintauchen. Bald werden Prue und Curtis aber getrennt und in Parallelmontage folgt Knight den beiden Jugendlichen, die verschiedenste Abenteuer bestehen müssen.
Ein Meisterstück des Wordbuilding bringt die Kontrastierung des liebevoll animierten Portland mit der Fantasywelt des Waldes. Hier tummeln sich nicht nur zahlreiche unterschiedliche sprechende Tiere von Kojoten über einen Uhu bis zu einer Ratte, sondern auch die immer wieder wechselnden Schauplätze vom bald tiefgrünen über einen herbstlich bunten Wald bis zu einer Villa und einem finsteren Gefängnis begeistern: Augenfutter im Übermaß bietet dieser Film mit seinem Einfalls- und Detailreichtum.
Gleichzeitig wird das Erzähltempo mit stets neuen Gefahren hoch gehalten. So wird Prue bald verhaftet, kann aber in einer atemberaubenden Flucht durch die Lüfte entkommen, trifft auf Feinde und auf Helfer und kommt langsam nicht nur ihrem entführten Bruder, sondern auch Curtis, der seine Angst zunehmend ablegt, wieder näher.
Mitreißendes und visuell überwältigendes Kino wird so geboten, in dem in zwei Rückblenden auch düstere Hintergründe aufgeklärt werden. Im Kern erzählt Knight aber die klassische Geschichte von grenzenloser Liebe, die die selbstbewusste Heldin noch mutiger macht, von Freundschaft, aber auch von Verlust.
Nicht zu übersehen ist bei aller visuellen und inszenatorischen Vielfalt aber auch, dass sich dieser Animationsfilm in seiner Struktur im Grunde in konventionellen Bahnen bewegt. Ruhige Momente sind eher rar gesät, sondern in "Mission Impossible"- oder "James Bond"-Manier geht es immer wieder darum, den scheinbar übermächtigen Gegnern zu entkommen. Versöhnung scheint hier nicht möglich, sondern auf eine große Schlacht steuert die Handlung zu, in der Kanonenkugeln und Brandbomben abgeschossen werden, die Kämpfenden abgestochen oder von Pfeilen durchbohrt werden.
Ambivalenz gewinnt zwar die Antagonistin, wenn deren Handeln mit einem nie überwundenen, traumatischen Verlust erklärt wird, doch über die stereotype Gut-Böse-Zeichnung bei den Tieren mit bösen Krähen und aggressiven Kojoten auf der einen Seite und gutem Uhu auf der anderen Seite kann dies nicht hinwegtäuschen. Zu viel packt Knight letztlich hinein. Charakterliches Profil können angesichts der Fülle nur wenige Figuren gewinnen und auch der Handlungsstrang um einen unfähigen Gouverneur und seinen schleimigen Lakai wirkt notdürftig angeklebt und wird nicht wirklich entwickelt.
Auch wenn im Film immer wieder die Magie des Waldes und der Natur beschworen wird, mit der Magie, der Poesie, der Menschlichkeit und dem inhaltlichen Reichtum der großen Animés von Hayao Miyazaki oder von Mamoru Hosadas "Belle" kann "Wildwood" nicht mithalten. Doch trotz dieser Einwände bieten Knight und sein Team visuell spektakuläres und berauschendes Kino von Seltenheitswert.
Wildwood
USA 2026
Regie: Travis Knight
Animationsfilm
Länge: 132 min.
Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cineplexx Hohenems und Skino Schaan.
Trailer zu "Wildwood"




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