Queen at Sea


Darf ein altes Paar Sex haben, wenn die demente Frau nicht mehr frei entscheiden kann? - Lance Hammer lotet in seinem grandios gespielten Drama ambivalent und vielschichtig aus, wie schmal der Grat zwischen Fürsorge und Bevormundung manchmal ist.
2008 beeindruckte Lance Hammer im Wettbewerb der Berlinale mit seinem Debüt "Ballast". 18 Jahre lang hörte man danach nichts mehr vom 1967 geborenen Amerikaner, doch jetzt legt er mit dem in England gedrehten Drama "Queen at Sea" einen starken Zweitling vor.
Direkt und heftig ist der Einstieg, wenn auf das Bild eines altes Paares, das langsam eine Treppe hinaufsteigt, eine Szene folgt, in der die etwa 60-jährige Amanda (Juliette Binoche) ihren Stiefvater Martin (Tom Courteney) und ihre Mutter Leslie (Anna Calder-Marshall) beim Sex im Schlafzimmer vorfindet. Im Grunde geschieht nichts Unrechtes, doch da die Mutter schwer dement ist, ist unklar, ob der Geschlechtsverkehr mit ihrer Zustimmung erfolgte.
Amanda macht deshalb die schon mehrmals gegenüber Martin geäußerte Drohung, die Polizei zu rufen, wahr. Bald werden so Spuren im ehelichen Schlafzimmer gesichert, die Mutter in der Rechtsmedizin untersucht und Martin vorübergehend verhaftet. Auch eine Sozialarbeiterin wird eingeschaltet.
Martin sieht den Fall freilich ganz anders, kümmert er sich doch liebevoll um Leslie, frisiert sie, geht mit ihr spazieren, füttert sie. Dazu kommt, dass er nach Rückkehr in seine Wohnung wie vorgeschrieben nicht mehr im Ehebett, sondern im Wohnzimmer schläft, nun aber Leslie nachts das gemeinsame Schlafzimmer verlässt und sich ihm nähert.
Übergriffig und bevormundend wirkt dagegen das Verhalten der Tochter und der Behörden, die glauben zu wissen, was das Beste für Leslie ist. Sofort beanstandet so die Sozialarbeiterin beispielsweise die steile Treppe und empfiehlt für Leslie eine Verlegung ins Heim.
Ungemein dicht ist "Queen at Sea", differenziert und ambivalent und auf jede vorschnelle Wertung verzichtend beim Blick auf das Spannungsfeld von Fürsorge, Übergriffigkeit und Bevormundung. Niemand wird hier verurteilt, sondern jedem gesteht Hammer zu, dass er das Beste für die alte Frau will – nur jeder hält eben etwas anderes für das Beste.
Authentisch wirken die Szenen dank des fulminanten Spiels von Tom Courtenay und Anna Calder-Marshall. Hier glaubt man einem echten Paar zuzuschauen, nichts wirkt gekünstelt und auch die Polizist:innen, die Sozialarbeiterin und später der Heimleiter und die Heimbewohner:innen wirken dokumentarisch echt.
Nicht die Krankheit steht so im Mittelpunkt, sondern vielmehr die Frage der Selbstbestimmung und Autonomie der Kranken im Kontrast zur Fremdbestimmung und Übergriffigkeit durch Familienmitglieder und Behörden.
Ein bestechend dichtes, zurückhaltend inszeniertes, nie rührseliges, gleichwohl zu Tränen rührendes Drama entwickelt Lance Hammer so, das er mit Straßenszenen auch atmosphärisch dicht im London der Gegenwart verankert. Nicht ganz überzeugend wird mit dieser Haupthandlung die Geschichte um die etwa 17-jährige Enkelin Sarah (Florence Hunt) verknüpft. Wie hier dem Alter und Lebensende von Martin und Leslie mit erster Liebe der Weg ins Leben gegenübergestellt wird, wirkt doch etwas aufgesetzt.
Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan.
Trailer zu "Queen at Sea"
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