Frank & Louis


Ein zu lebenslanger Haft Verurteilter übernimmt im Gefängnis die Betreuung eines an Alzheimer erkrankten Mithäftlings: Petra Volpe gelingt in ihrem englischsprachigen Debüt mit zwei großartigen Hauptdarstellern und konzentrierter Inszenierung ein bewegendes, nie kitschiges Drama um Fürsorge, Empathie und Menschlichkeit in der rauen Gefängniswelt.
Einen großen Publikumserfolg landete Petra Volpe mit der atemlosen Schilderung der Belastung einer Pflegefachfrau in "Heldin". Wie sich dieses Drama ganz auf eine Station in einem Schweizer Krankenhaus konzentrierte, so bleibt im englischsprachigen Debüt der Schweizerin ein us-amerikanisches Gefängnis der einzige Schauplatz. Während sich "Heldin" aber während einer einer einzigen Krankenhausschicht abspielt, erstreckt sich hier die Handlung über mehrere Wochen, wenn nicht Monate.
Ein Unterschied besteht auch darin, dass in "Heldin" der Fokus ganz auf der von Leonie Benesch famos gespielten Pflegefachfrau lag, in "Frank & Louis" dagegen zwei Männer im Mittelpunkt stehen. Gemeinsam ist den beiden Filmen aber wieder trotz des gänzlich unterschiedlichen Milieus die Thematisierung von Fürsorge, Empathie und Menschlichkeit. Dennoch entstand dieser Gefängnisfilm nicht aus dem Erfolg des Vorgängerfilms, sondern die Idee dazu reicht viel weiter zurück.
Schon 2014 stieß Volpes Co-Autorin Esther Bernstorff nämlich auf das "Gold Coats"-Programm des California Men’s Colony State Prison in San Luis Obispo. Bei diesem Projekt werden gesunde Strafgefangene ausgebildet, um ihre an Demenz oder Alzheimer erkrankten Mitinsassen zu betreuen. Noch im gleichen Jahr reiste Volpe mit ihrer Kamerafrau Judith Kaufmann nach Kalifornien, um die "Gold Coats" kennenzulernen.
Drei Jahre später kehrten Volpe und Kaufmann zurück, um mit den Häftlingen das Drehbuch, das sie zusammen mit Esther Bernstorff schrieb, zu besprechen und ihre Erfahrungen und Rückmeldungen einfließen zu lassen. Die Finanzierung des Projekts zog sich aber über mehrere Jahre hin und gedreht wurde schließlich nicht in den USA, sondern zu einem großen Teil in einem stillgelegten Gefängnis im englischen Shrewsbury.
Unvermittelt setzt der Film mit der Verlegung einer Gruppe von Häftlingen, darunter Frank Baker (Kingsley Ben-Adir), in ein anderes Gefängnis ein. Die Kamera ist so nah an der Tür des Polizeitransporters, dass die Enge fast physisch spürbar wird. Auch Blicke auf Hand- und Fußfesseln vermitteln prägnant die Situation dieser Männer.
Mit Informationen zur Vorgeschichte Franks hält sich Volpe dagegen sehr zurück. Man erfährt zunächst nur, dass Frank schon 17 Jahre in Haft verbringt, in seine Tat gewährt der Film aber erst spät Einblick. Ausführlich wird dafür gezeigt, wie penibel Frank die neue Zelle reinigt und wie sorgfältig er seine Habseligkeiten einordnet. Spürbar wird auch seine große Leidenschaft, wenn er auf einem Regal zwei Spielzeugmotorräder aufstellt und aus einer Seife selbst eines modelliert und bemalt. In dieser Begeisterung für ein Hobby erinnert Volpes Film an Burt Lancaster in John Frankenheimers Klassiker "Der Gefangene von Alcatraz".
Um bessere Chancen bei der bevorstehenden Anhörung vor dem Bewährungsausschuss zu haben, meldet Frank sich auch für das Projekt, bei dem gesunde Häftlinge an Demenz erkrankte Mitinsassen betreuen. So wird ihm Louis Nelson (Rob Morgan) zugeteilt, da dessen bisheriger Betreuer entlassen wird. Abweisend und misstrauisch reagiert der etwa 60-Jährige, der einst scheinbar der Boss unter den Häftlingen war und bis zum Ende immer nur als Mr. Nelson angesprochen wird, zunächst auf Frank. Doch langsam findet dieser mit seiner Fürsorge und Geduld Zugang zu seinem Schützling, bei dem immer wieder abrupt Verwirrung mit lichten Momenten wechselt.
Aufsichtspersonal spielt kaum eine Rolle, einzig mit Besprechungen mit einer Ärztin oder dem Besuch von Franks Schwester kommen Nichthäftlinge und Frauen ins Spiel. Sorgfältig bettet Volpe die Geschichte von Frank und Louis aber in den Kontext weiterer Häftlinge ein, die sich ebenfalls um an Alzheimer erkrankte Insassen kümmern, verliert gleichwohl nie die Hauptgeschichte aus den Augen.
Seine bewegende Kraft entwickelt dieses leise und ruhige Drama dabei gerade durch den Kontrast von rauer Gefängniswelt und Hilflosigkeit der Kranken auf der einen Seite und geduldiger Fürsorge und wachsender Empathie Franks und seiner Mithäftlinge auf der anderen Seite: Volpe entdeckt gerade dort Menschlichkeit und Mitgefühl, wo man diese am wenigsten erwartet.
Die von kalten Blau- und Grautönen dominierten Bilder, aus denen nur die orange Häftlingskleidung am Beginn und später die gelben Westen, die dem Projekt den Namen "Gold Coats" gaben, herausstechen, verhindern das Aufkommen von Kitsch und Süßlichkeit. Aber nicht nur kalte Farben und Licht, sondern auch die vielfach von Wänden begrenzten Einstellungen von Kamerafrau Judith Kaufmann lassen die beklemmende Enge des Gefängnisses durchgängig spüren.
Auch bei der Zeichnung Franks machen es sich Volpe und Bernstorff nicht einfach. Mag er zuerst als verschlossener und ruhiger Häftling erscheinen, so bekommt dieses Bild doch Risse, wenn er voll Wut auf einen Mithäftling losgeht. Reuig mag er sich auch vor der Bewährungskommission zeigen, doch gleichzeitig vermittelt die Konfrontation mit der Tochter seines Opfers, wie seine Tat das Leben dieser Frau entscheidend geprägt hat und sie das Trauma nie überwunden hat.
So wirft "Frank & Louis" auch Fragen nach Schuld, Vergebung und Reue auf, stellt gleichzeitig aber auch mit dem an Demenz erkrankten Louis, der sich an seine Taten nicht mehr erinnern kann und ein völlig anderer Mensch ist, die Sinnhaftigkeit von Gefängnisstrafen zur Diskussion.
Wie in "Heldin" schafft es Volpe auch hier komplexe moralische Fragen in packendes Kino für ein breites Publikum zu verpacken. Zu verdanken ist dies neben der ebenso konzentrierten wie feinfühligen Inszenierung ganz wesentlich auch den beiden Hauptdarstellern. Bewegend vermittelt Kingsley Ben-Adir nicht nur, wie Frank langsam in die Rolle des Betreuers hineinwächst, wie er sich Louis zuwendet und sich bis zur Fußwaschung und Körperreinigung herablässt, sondern auch wie zunehmend Schuldgefühle und Sehnsucht nach Vergebung durchbrechen.
Großartig harmoniert Ben-Adir aber auch mit Rob Morgan, der mit seinem zurückhaltenden Spiel eindrücklich nicht nur die Verwirrung und Orientierungslosigkeit von Louis erfahrbar macht, sondern auch wie sich dieser geistig verfallende, aber dennoch auf seine Selbstständigkeit pochende Mann durch Franks Empathie langsam öffnet und lernt dessen Hilfe anzunehmen.
Frank & Louis
USA / CH 2026
Regie: Petra Volpe
mit: Kingsley Ben-Adir, Rob Morgan, René Pérez Joglar, Rosalind Eleazar, Indira Varma, Andy Cheung
Länge: 96 min.
Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan. - Ab 10. Dezember in den deutschen und österreichischen Kinos.
Trailer zu "Frank & Louis"




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