Clayface


James Watkins inszeniert um die DC-Comic-Figur Clayface einen blutigen Body-Horror-Film um Schönheitswahn und Identitätsfragen: Vielschichtig, bildstark, düster und konsequent erzählt - dennoch bleibt das Gefühl zurück, dass das Potential des Stoffes nicht ausgeschöpft wurde.
Mehrere Batman-Schurken tragen den Namen Clayface, doch Batman bleibt im Film von Peter Watkins, der sich schon mit "Eden Lake" (2008), "Die Frau in Schwarz" (2012) und dem Remake von "Speak No Evil" (2024) einen Namen als Spezialist für Horrorfilme gemacht hat, außen vor und sein Protagonist ist auch alles andere als ein reiner Bösewicht, sondern vielmehr eine zunächst bedauernswerte, dann zunehmend ambivalente Figur.
Von den DC-Comics übernahmen der britische Regisseur und seine Drehbuchautoren Mike Flannagan und Hossein Amini nur die Figur, originär ist dagegen die Geschichte. Rasant skizzieren sie den tiefen Sturz des aufstrebenden Hollywood-Schauspieler Matt Hagen (Tom Rhys Harries), der soeben noch für einen Oscar nominiert wurde, doch nach einem One-Night-Stand mit der Geliebten des Gangsterbosses (David Dencik) von Gotham City im Gesicht fürchterlich entstellt wurde.
Sein Versuch den Gangster zur Verantwortung zu ziehen, bleibt erfolglos, da dieser Zeugen, Polizei und Gericht besticht, gleichzeitig lassen ihn aber auch sein Manager und seine Agentin fallen, als mit einer Schmutzkübelkampagne dunkle Flecken seiner Vergangenheit publik gemacht werden. Bald muss Hagen so statt im luxuriösen Appartement in einer schäbigen Wohnung in einem desolaten Viertel Unterkunft beziehen.
In seiner Verzweiflung stößt er aber auf eine junge Wissenschaftlerin (Naomi Ackie), die an einer innovativen Nanotherapie arbeitet, die eine Rekonstruktion des Gesichts ermöglichen soll. Weigert sie sich zunächst, das nicht zugelassene Verfahren anzuwenden, gibt sie schließlich dem Drängen Hagens nach. Perfekt ist bald wieder sein Aussehen, doch auch Nebenwirkungen stellen sich ein, denn je nach Gefühlszustand verändert sich nicht nur sein Gesicht, sondern er kann auch die Gestalt anderer Personen annehmen. Bald beginnt er so Rache an seinen Peinigern zu üben, verliebt sich aber auch in die ihn betreuende Wissenschaftlerin.
Die Handlung ist zwar vorhersehbar, eindrücklich evozieren Watkins, Kameramann Rob Hardy und Production-Designer James Price aber die düstere Atmosphäre eines verdreckten und von kalten Grautönen bestimmten Gotham City. Stark spielt auch Tom Rhys Harries Hagen als Sunnyboy, der im Grunde nichts Böses will und zumindest zunächst geschockt über seine eigenen Taten ist.
Heftiger Body-Horror wird hier bei der Therapie und den folgenden Verwandlungen geboten. Immer wieder werden Gesicht und Körper aufgeschnitten und, wie Hagen mit einer Schere an den Augen hantiert, kann auch Erinnerungen an Luis Bunuels "Un chien andalou" wecken (Achtung: auch nach fast 100 Jahren immer noch eine schockierende Szene). Wesentlich offensichtlicher sind aber die Bezüge zu Louis Stevensons "Dr. Jekyll and Mr Hyde", wobei die dortige Spaltung in zwei Personen hier vervielfacht wird.
Nicht nur im Spiegel wird so Hagens Gesicht aufgesplittet, sondern immer wieder wird auch verbal die Frage nach der Identität gestellt, die er mit seiner körperlichen Rekonstruktion zunehmend verliert. Gleichzeitig bietet der Film mit dieser Wiederherstellung von Hagens Gesicht auch einen Kommentar zum Schönheitswahn unserer Zeit und der Filmwelt, in der sich ein Mensch mit entstelltem Gesicht nur in seiner Wohnung verkriechen kann, weil er außerhalb als Freak verlacht oder in der U-Bahn heimlich fotografiert wird.
Da wirkt "Clayface" auch wie ein Parallelfilm zu Coralie Fargeats "The Substance" (2024), erinnert in der leisen Liebesgeschichte zwischen Hagen und der Wissenschaftlerin aber auch an das klassische Märchen "Die Schöne und das Biest". Doch auch an David Cronenbergs "The Fly" (1986) kann man in den Body-Horror-Szenen denken. Reflektierte Cronenberg 1986 in seinem Horrorfilm noch die Angst vor einer Infektion durch AIDS – und Kurt Neumanns Original von 1958 die Angst vor atomarer Verstrahlung -, so ist es in Watkins Film eine Wissenschaft, die ihre Errungenschaften auch aufgrund des Einsatzes von KI letztlich nicht mehr unter Kontrolle hat, die vermeintlich positive Errungenschaften ins Negative kippen lässt.
So entwickelt sich Watkins Film zum Rachefeldzug eines Gedemütigten à la Todd Philipps "Joker", wenn Hagen von allen im Stich gelassen und gegängelt, schließlich zurückschlägt, weil er keine Chance sieht, in einer durch und durch korrupten Stadt auf legalem Weg Recht und Gerechtigkeit durchzusetzen.
Trotz dieser Fülle an Einflüssen und Parallelen verkommt "Clayface" aber nie zu patchworkartigem Zitatenkino, sondern konsequent wird die Geschichte entwickelt. Hier gibt es keine Special-Effects-Schlacht, sondern der Charakter von Hagen und dessen Entwicklung steht im Zentrum. Doch so aufregend die angeschnittenen Themen auch sind und so zügig der Beginn des Films auch ist, so wird doch das Potential des Stoffs und der Figuren nicht ausgeschöpft.
Schwer trägt "Clayface" nämlich nicht nur an seiner Vorhersehbarkeit, sondern zu lange verschleppt Watkins auch das Tempo bei wiederholten Untersuchungen und Versuchen der Wissenschaftlerin und auch die Racheaktionen Hagens fallen redundant aus. Weder geht man so trotz des starken Spiels von Tom Rhys Harries emotional mit seinem Matt Hagen wirklich mit noch entwickelt sich die Dichte von Matt Reeves ähnlich düsterem "The Batman" (2023). So bleibt letztlich das Gefühl zurück, dass man hier zwar einen guten, aber keinen sehr guten Film gesehen hat und mehr möglich gewesen wäre. – Und absolut entbehrlich ist auch das notdürftig angeklebte zweite Ende, das wieder einmal eine mögliche Fortsetzung vorbereiten soll.
Clayface
USA 2026
Regie: James Watkins
mit: Tom Rhys Harries, Naomi Ackie, David Dencik, Max Minghella, Eddie Marsan, Joshua James
Länge: 109 min.
Läuft derzei in den Kinos.
Trailer zu "Clayface"




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