Sinn und Sinnlichkeit (2026)


Georgia Oakleys Neuverfilmung von Jane Austens klassischem Roman besticht nicht nur durch frische Erzählweise und starke schauspielerische Leistungen, sondern setzt auch mit einer realistischen Bildsprache neue Akzente.
1995 begeisterte Ang Lee mit seiner mustergültigen und zeitlosen Verfilmung von Jane Austens 1811 veröffentlichtem Roman "Sinn und Sinnlichkeit" Kritiker ebenso wie das Publikum. Um daneben bestehen zu können, muss man neue und eigene Wege finden – und die 38-jährige Gerogia Oakley, der 2022 mit "Blue Jean", einem Drama um eine lesbische Lehrerin im England der 1980er Jahre, ein vielbeachtetes Spielfilmdebüt gelang, findet diese.
Festgeschrieben ist freilich die Ende des 18. Jahrhundert spielende Handlung um Mrs. Dashwood (Caitriona Balfe) und ihre drei Töchter Marianne (Esmé Creed-Miles), Elinor (Daisy Edgar-Jones) und Margaret (Bodhi Rae Breathnach). Gespannt öffnet das Trio das Testament des Vaters, muss aber geschockt feststellen, dass sie leerausgehen und ihr Halbbruder aus der ersten Ehe des Vaters das Anwesen von Norland erbt. Bald trifft der Erbe auch mit seiner arroganten Frau ein und die Dashwoods fühlen sich nur noch als Gäste im eigenen Haus, sodass sie bald in ein einfaches Cottage in der Grafschaft Devonshire übersiedeln.
Noch in Norland verliebte sich Elinor zwar in Edward Ferrars (George MacKay), doch aufgrund der beiderseitigen Zurückhaltung kamen sie sich nicht wirklich näher. In dem Cottage lernt Marianne wiederum Colonel Brandon (Herbert Nordrum) kennen, hält ihn aber für einen trostlosen Langweiler, während sie sofort Feuer und Flamme für den charmanten Mr. Willoughby (Frank Dillaine) ist, der sie nach einer Knöchelverletzung von der Küste ins Haus zurückträgt. Doch sowohl Farrars als auch Willoughby verschwinden bald ohne Verabschiedung nach London. Als die beiden gegensätzlichen Schwestern ihnen dorthin folgen, führen überraschende Erkenntnisse sowohl bei Marianne als auch bei Elinor zu Liebeskummer.
Auf Modernisierungen und poppige Machart wie zuletzt Emerald Fennell bei ihrer Adaption von Emily Brontës "Wuthering Heights" verzichtet Georgia Oakley. Nicht breit ausformuliert, sondern nur immer wieder knapp angedeutet, aber damit durchgehend präsent ist das Standesdenken in der gehobenen Gesellschaft und der gesellschaftliche Druck, unter dem die männlichen Charaktere dadurch stehen.
Viel Raum nimmt dafür die Beziehung der beiden Schwestern ein, die mit Elinors Zurückhaltung und Mariannes Leidenschaftlichkeit den titelgebenden Gegensatz von Sinn und Sinnlichkeit verkörpern. Auffallend ist freilich auch, dass es ständig um die Liebe geht, es im ganzen Film aber nur eine einzige Kussszene gibt.
Großartig spielen Daisy Edgar-Jones und Esmé Creed-Miles dieses Duo, das sich trotz seiner Gegensätzlichkeit so nahe ist. Aber auch alle anderen Rollen sind hervorragend besetzt. Da brillieren Herbert Nordrum und George MacKay mit ihrer Zurückhaltung ebenso als Colonel Brandon und Edward Farrars wie Frank Dillaine als charmanter Mr. Willoughby und für ein komödiantisches Highlight sorgen die Auftritte von Fiona Shaw als resolute und ständig quatschende Mrs. Jennings.
Oakley macht aber auch schon mit den ersten Bildern klar, dass sie ihrer Verfilmung einen eigenen und neuen visuellen Anstrich verleihen will. Nicht Menschen sieht man hier, sondern von einem Raubvogel über ein Rudel Rehe und auffliegende Vögel rückt sie die Natur ins Zentrum. Durchgängig werden sich solche Naturbilder vom Teich mit Seerosen über die raue Meeresküste und wiederholte Regengüsse bis zum weiten Heideland durch den Film ziehen.
Doch nicht nur diese Außenszenen strahlen mit den gedeckten Farben, einem kalten Licht und dem meist grauen Himmel Kälte aus, sondern auch die Innenszenen. Ungemütlich wirkt vor allem das von Steinen dominierte Cottage, aber auch der Landsitz von Norland oder die Stadtwohnung in London evozieren keine wohlige Atmosphäre. Auch hier dominieren gedeckte Farben und kaltes Licht, die Räume sind oft in Halbdunkel getaucht, nie hell und lichtdurchflutet, und auch die Kostüme strahlen keinen Prunk aus, sondern wirken einfach und abgetragen.
Markant kommt dieses Bemühen um Realismus auch beim ersten Ball zum Ausdruck, der keine vornehme und genau koordinierte höfische Veranstaltung ist, sondern vielmehr an einen Bauerntanz erinnert. Akzentuiert wird dieses Streben nach kühlen Bildern noch dadurch, dass im Kontrast dazu die letzten Einstellungen in warmes Abend- oder Herbstlicht getaucht sind.
Aber auch mit der flotten und unbekümmerten Erzählweise beweist Oakley, dass man einen Klassiker der Literatur auch heute noch so inszenieren kann, dass er der Vorlage treu bleibt, aber dennoch nie verstaubt, sondern frisch und zeitgemäß wirkt.
Sinn und Sinnlichkeit (2026)
USA / Großbritannien 2026
Regie: Georgia Oakley
mit: Daisy Edgar-Jones, Esmé Creed-Miles, Caitríona Balfe, Bodhi Rae Breathnach, Frank Dilane, George MacKay, Herbert Nordrum, Fiona Shaw, Stacy Martin, Tom Brooke
Länge: 132 min.
Läuft derzeit in den Kinos.
Trailer zu "Sinn und Sinnlichkeit" (2026)




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