Moscas - Fliegen und andere Gäste


In Fernando Eimbckes viertem Spielfilm entwickelt sich eine Freundschaft zwischen einer mürrischen Mittfünfzigerin und einem aufgeweckten Neunjährigen: Eine lakonische, von feinem Witz durchzogene Tragikomödie, die in stimmungsvollen Schwarzweißbildern von Kindheit, Trauer und langsamer Annäherung erzählt.
Die Leinwand ist noch schwarz, als man schon das Summen einer Fliege hört. Mit Einsetzen der Bilder sieht man die schlafende Mittfünfzigerin Olga (Teresita Sánchez), die durch den kleinen Störenfried geweckt wird. Vergeblich versucht sie die Fliege zu erschlagen, öffnet bald das Fenster, damit sie hinausfliegt, und setzt auch einen Insektenspray ein, kann den lästigen Gast aber nicht loswerden.
Monoton verläuft Olgas Alltag mit dem Lösen von Sudokus, einem Arztbesuch, bei dem ihr dringend eine Nageloperation empfohlen wird, und einem Fernsehabend, bei dem sie das Stöhnen eines Liebespaars im darüberliegenden Stock stört. Ohne Dialoge kommt der 56-jährige Mexikaner Fernando Eimbcke bei diesem Auftakt aus, umso sorgfältiger ist dafür die Tonspur mit dem Summen der Fliege, durch das geöffnete Fenster dringenden Verkehrslärm der Metropole Mexico City und dem Sexgestöhne.
Durchgängig vertraut Eimbcke in seinem Schwarzweißfilm auf die weitgehend statischen Einstellungen von Kamerafrau Maria Secco. Der lakonische Erzählton, der sich dadurch einstellt, wird durch den weitgehenden Verzicht auf extradiegetische Filmmusik verstärkt, doch auch der Humor kommt nicht zu kurz.
Ein Gegenpol zu Olga kommt mit dem jungen Vater Tulio (Hugo Rámirez) und seinem neunjährigen Sohn Cristian (Bastián Escobar) ins Spiel. Vom Land sind sie in die Großstadt gekommen, weil die Ehefrau bzw. Mutter im gegenüber von Olgas Wohnblock liegenden Krankenhaus eine Chemotherapie erhält. Um ihr nahe zu sein, bezieht Tulio das Zimmer, das Olga in ihrer Wohnung vermietet, verheimlicht aber die Existenz seines Sohn, sondern schmuggelt ihn, um Geld zu sparen, nachts heimlich hinein.
Vorprogrammiert ist, dass dieser Schwindel bald auffliegen wird. Doch reagiert Olga, die ein schwerer Verlust belastet, zunächst verärgert und will Vater und Sohn hinauswerfen, so gewinnt der aufgeweckte und schlitzohrige Cristian doch langsam das Herz der verschlossenen und mürrischen Frau.
Klein gehalten ist die Geschichte. Ganz auf seine drei Hauptpersonen und die Beziehungen zwischen ihnen fokussiert Eimbcke und lässt sie immer wieder zwischen dem Wohnblock, dessen brutalistische Betonarchitektur Lebensfeindlichkeit ausstrahlt, und dem weitläufigen Krankenhauskomplex pendeln. In Details macht er die prekäre finanzielle Situation der Protagonist:innen erfahrbar, wenn Olga das Geld für die Operation fehlt, und Tulio beim Kauf von Medikamenten und Essen Abstriche machen muss. Immer wieder lenkt Eimbcke dabei den Blick auf die Geldtasche, aus der Scheine genommen werden, um den Besitzer zu wechseln.
Genau ist der Blick, doch statt das Geschehen breit auszuformulieren, arbeitet Eimbcke in seiner elliptischen Erzählweise auch beim schweren Verlust, der Olga belastet, nur mit Andeutungen. Ein starker Gegenpol zu dieser von Teresita Sánchez mit viel Gespür gespielten Frau ist der junge Cristian. Kaum einmal kann dieser ruhig sitzen, möchte immer an einem zwischen Wohnblock und Krankenhaus stehenden Spielcomputer "Cosmic Defender Pro" spielen, bei dem er die Invasoren so abwehren muss wie seine Mutter die aggressiven Krebszellen.
Ihr möchte er nahe sein und versucht mit allerlei Tricks sich Zugang zum Krankenhaus zu verschaffen, in das er in Abwesenheit des Vaters, der wegen eines Jobs für einige Tage aufs Land zurückkehren muss, nicht hinein darf. So versucht er das Wachpersonal zu überlisten, die Pförtnerin mit einem gestohlenen Ring zu betören und kann schließlich auch Olga zur Hilfe bewegen.
So abweisend sie zuerst auf den Jungen reagiert, so sehr schließt sie ihn ins Herz, als er mit einer speziellen Methode ihr Fieber misst. Ein wunderbarer Moment des Glücks stellt sich ein, wenn sie eine CD einlegt und Cristian den Cha-Cha-Cha beibringt. Doch die schwere Krankheit seiner Mutter lässt sich damit nicht auf Dauer verdrängen.
So ernst die Themen Krankheit und drohender Tod auch sind, so leicht bleibt "Moscas" doch durch Eimbckes warmherzigen Blick und sein großartiges Gespür für feinen Humor. Dafür sorgen nicht nur das kindlich-quirlige Spiel von Bastián Escobar und das anachronistische Computerspiel, sondern auch wie die Kamera immer wieder auf Augenhöhe Cristians positioniert wird und folglich die Köpfe der Erwachsenen abgeschnitten werden.
Denn mag "Moscas" auch von einem Aufblühen Olgas erzählen, die am Ende gelassener auf eine störende Fliege reagieren wird, so steht im Zentrum doch Cristian. Wie Eimbcke von dessen Sehnsucht nach der abwesenden Mutter und dessen Sorge erzählt, macht seinen vierten Spielfilm, der bei der Berlinale mit dem Preis der Ökumenischen Preis ausgezeichnet wurde, auch zu einer berührenden Tragikomödie über das Kindsein.
Moscas – Fliegen und andere Gäste
Mexiko / Spanien / Argentinien 2026
Regie: Fernando Eimbcke
mit: Teresita Sánchez, Bastian Gareth Escobar Alfonso, Enrique Arreola, Janeth Cruz, Hugo Ramírez
Länge: 102 min.
Läuft in den deutschen und Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und Skino Schaan.
Trailer zu "Moscas - Fliegen und andere Gäste"




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