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Atmosphere

Autorenbild: Walter Gasperi
Walter Gasperi
vor 3 Stunden
3 Min. Lesezeit
"Atmosphere": Erwin Wagendorf stellt anregend, aber auch wenig aufregend Projekte ökologischer Land- und Bauwirtschaft vor.
"Atmosphere": Erwin Wagendorf stellt anregend, aber auch wenig aufregend Projekte ökologischer Land- und Bauwirtschaft vor.

Erwin Wagenhofer stellt der globalen Vernichtung des Bodens durch die industrialisierte Landwirtschaft Projekte ökologischen Wirtschaftens gegenüber: Ein unaufgeregter und inspirierender Dokumentarfilm, der aber in der Beschränkung auf die Perspektive der Protagonist:innen auch Reibungen und damit Spannung vermissen lässt.


Große Publikumserfolge gelangen Erwin Wagenhofer mit "We Feed the World" (2005), in dem er Kritik an der industrialisierten Massenproduktion von Nahrungsmitteln übte, und mit seiner Abrechnung mit dem globalen Finanzsystem in "Let´s Make Money" (2009). Kritik an einem Bildungssystem, in dem Leistungsdruck und Konkurrenzdenken eine wichtige Rolle spielen, stand dagegen im Zentrum von "Alphabet" (2013), gleichzeitig wurden aber auch positive Alternativen präsentiert. Diesen aufbauenden Aspekt rückt Wagenhofer nun in "Atmosphere" ins Zentrum, indem er ganz auf land- und bauwirtschaftlichen Projekten fokussiert, die gerade in dieser krisenhaften Zeit Mut machen sollen.


Gerahmt wird sein Film durch Gedanken des französischen Astronomen Alain Maury, der nicht nur von der Einzigartigkeit des Planeten Erde spricht, sondern auch den Bogen von der Entstehung der Welt und ersten menschlichen Spuren bis zu deren Untergang in ein paar Milliarden Jahren spannt. Diesem großen kosmologischen Blick und der Astronomie, die Maury als rein beobachtende und nichts verändernde Wissenschaft bezeichnet, werden Projekte gegenübergestellt, die im Hier und Jetzt konkrete Gegenpositionen zum kapitalistischen Wirtschaften darstellen.


So porträtiert Wagenhofer das Projekt der Berliner Künstlerin Maria Giménez, die sich in Brandenburg der Landwirtschaft zugewandt hat und im Betrieb Wilmar´s Gärten ausgelaugte Böden durch regenerative Landwirtschaft in eine blühende Landschaft verwandelt hat. Ausführlich wird auch die Initiative des Schweizer Agronomen Ernst Götsch vorgestellt, der als Begründer der syntropischen Landwirtschaft vor Jahrzehnten eine brachliegende Kakaoplantage in Brasilien gekauft und durch gezielten Bodenaufbau in einen artenreichen Regenwald zurückverwandelt hat.


Während die Initiative des deutschen Agrarökonomen Marc Leiber, der, inspiriert und geschult von Götsch, in Portugal degradierte Böden regeneriert, weniger Raum einnimmt, lässt sich Wagenhofer viel Zeit für den Vorarlberger Lehmbauexperten Martin Rauch und die deutsche Architektin Anna Heringer, die dem Bau mit Beton und Zement Stampflehmbau gegenüberstellen, bei dem nicht nur weite Transportwege wegfallen, sondern die Ressource auch vollständig recycelbar ist.


Fließend wechselt Wagenhofer in paralleler Erzählweise zwischen den Schauplätzen und Protagonist:innen und lässt sie teils direkt in die Kamera, meist aber aus dem Off im Voice-over über ihre Arbeit und ihre Intentionen sprechen. Eindrücklich stellt er immer wieder in großartigen Landschaftstotalen den verdichteten, steinharten Böden die durch die regenerative Landwirtschaft aufblühende Natur und den schwarzen Humus, der wieder durch Regenwürmer aufgelockert wird, gegenüber. Spürbar wird im Blick auf die Arbeit mit Lehm aber auch die warme und positive Ausstrahlung dieses natürlichen Baustoffs.


Wagenhofer beschränkt sich aber nicht auf die positiven Auswirkungen dieses ökologischen Wirtschaftens auf Boden und Klima, sondern streicht auch das Erfüllende dieser Arbeit mit den Händen heraus und stellt dem reinen Gelderwerb, das Glück und die Erfüllung gegenüber, die diese Arbeit und deren Erfolg beschert.


So inspirierend diese Beispiele aber auch sind, so tendiert "Atmosphere" durch die Beschränkung auf die Perspektive der Protagonist:innen mit seinen fast zwei Stunden doch zu Langatmigkeit. Kein Nachfragen, geschweige denn einen Widerspruch, die zu spannenden Reibungen führen könnten, gibt es hier, sondern bruchlos werden diese Projekte vorgestellt. Als anregender Mutmacher funktioniert so dieser unaufgeregte Dokumentarfilm zwar durchaus, doch als Filmemacher macht es sich Wagenhofer nicht nur mit der konsequenten Fokussierung auf seine Protagonist:innen, die quasi als sein Sprachrohr fungieren, sondern auch mit der gleichförmigen und wenig aufregenden Erzählweise doch etwas zu einfach.



Atmosphere

Österreich 2026

Regie: Erwin Wagenhofer

Dokumentarfilm mit: Maria Giménez, Ernst Götsch, Marc Leiber, Anna Heringer, Martin Rauch, Lord Zigato, Alain Maury

Länge: 118 min.



Läuft derzeit in den österreichischen Kinos.



Trailer zu "Atmosphere"



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