Alte Liebe


Andreas Dresen und seine Ko-Drehbuchautorin Laila Stieler blicken in ihrer Verfilmung von Elke Heidenreichs und Bernd Schroeders Bestseller genau, aber mit viel Wärme auf ein seit 40 Jahren verheiratetes Paar, das sich ständig streitet – und im Innersten doch liebt: Ein wunderbar reduzierter Film, der eine große Plattform für die beiden fantastisch harmonierenden Hauptdarsteller:innen Dagmar Manzel und Joachim Król bietet.
Andreas Dresen ist ein Meister der Verdichtung des Alltäglichen. Schon in "Halbe Treppe" (2002) erzählte er bewegend von den Problemen zweier befreundeter Ehepaare, in "Halt auf freier Strecke" (2011) mit dokumentarischer Unerbittlichkeit vom langsamen Sterben an einem Hirntumor und in "Wolke 9" (2009) vom Aufblühen einer verheirateten 70-Jährigen durch eine nicht mehr erwartete neue Liebe.
Nach den von realen Personen und Ereignissen inspirierten Spielfilmen "Gundermann" (2018), "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" (2022) und "In Liebe, Eure Hilde" (2024) kehrt der 63-Jährige mit der Verfilmung von Elke Heidenreichs und Bernd Schroeders 2009 erschienenem Bestseller "Alte Liebe" nicht nur zum Thema von "Wolke 9" zurück, sondern hat auch wieder einen kleinen Film gedreht, der weitgehend mit zwei Personen und Haus Garten des am Rand von Berlin lebenden alternden Paares auskommt.
Dresen hat gemeinsam mit seiner Ko-Drehbuchautorin Laila Stieler, mit der er nun schon zum neunten Mal zusammenarbeitet und die wie er in der DDR aufgewachsen ist, die Vorlage vom Westen in den Osten Deutschlands verlegt. Statt Erfahrungen in der Studentenbewegung der 1960er Jahre fließen so Erinnerungen an die DDR und den Umbruch durch die Wende in den Film ein. Gleichzeitig erinnert "Alte Liebe" in der Fokussierung auf die Beziehung eines Paars in den Mittsechzigern und die Gliederung des Films durch Inserts zu den vier Jahreszeiten aber auch an Mike Leighs "Another Year" (2010).
Mit dem britischen Sozialrealisten verbindet Dresen auch das Interesse für das alltägliche Leben einfacher Leute. Im Gegensatz zu Leigh beschränken sich Dresen / Stieler aber fast ganz auf das Paar. Dem pensionierten Harry (Joachim Król), der sich ganz der Gartenarbeit und dem regelmäßigen Bierkonsum widmet, steht dabei seine Frau Lore (Dagmar) gegenüber, die sich hinter ihrer Arbeit in der lokalen Bibliothek förmlich verschanzt.
Begegnungen und Gespräche in der Bibliothek spart der Film dabei aber aus, einzig die von Lore organisierten Lesungen von Christoph Hein und Clemens Meyer nützt Dresen für herrlich witzige Kurzauftritte der beiden ostdeutschen Autoren. Kontakt gibt es nur zur im Heim lebenden, verstummten Mutter Lores, die das Paar abwechselnd besucht und der sie das erzählen, was sie dem Partner nicht zu sagen wagen. Kurz fällt auch der Sommerbesuch der elfjährigen Enkelin Laura aus, die bald wieder abreist, leben sie und ihre Großeltern doch in ganz verschiedenen Welten.
So liegt de Fokus ganz auf Harry und Lore, bei denen schon die Einladung zur nun schon dritten Hochzeit der Tochter Julia einen Streit auslöst. Denn während Lore selbstverständlich dafür von Berlin nach Leipzig fahren will, weigert sich Harry, da einerseits seine Tochter seine Erwartungen nicht erfüllt hat und er andererseits im Bräutigam nur den neureichen Sohn eines Immobilienmaklers aus dem Westen sieht.
Wie ein roter Faden zieht sich die Diskussion über diese Hochzeit, über die Tochter und den Bräutigam durch den Film. Immer wieder brechen aber auch Erinnerungen an eine frühere Affäre oder unerfüllte Liebe des jeweils anderen durch, kommen Eifersucht, Gedanken an verpasste Chancen und Frustrationen auf und auch die Gegenwart führt zu Streitereien.
Denn während Lore noch von einem Aufbruch, von Reisen oder auch von Theater- und Kinobesuchen träumt, verkriecht sich der ständig meckernde Harry nur noch in seinem Garten. Doch immer noch gibt es das Ritual des gemeinsamen morgendlichen Kaffees und zudem kommt das Paar sich gerade dann wieder näher, wenn der Streit endgültig zu eskalieren droht.
Dresen und Stieler benötigen kein großes Drama, sparen in elliptischer Erzählweise auch vieles aus und konzentrieren sich ganz auf das Alltägliche. Auch inszenatorisch will dieser Film nicht auftrumpfen. Funktional bleibt die Kameraarbeit von Michael Hammon, Musik wird nur sehr reduziert eingesetzt und den Blick zum Wechsel der Jahreszeiten auf ein über das Haus fliegendes Flugzeug kann man sowohl als Bild für das Vergehen der Zeit als auch als Aufforderung zu einem Aufbruch lesen.
Ganz von seinen beiden wunderbar harmonierenden Hauptdarsteller:innen Dagmar Manzel und Joachim Król und den brillanten Dialogen von Dresen und Stieler wird "Alte Liebe" so getragen. Niemand mag zwar im Alltag so pointiert reden wie dieses Duo, dennoch ist es ein großes Vergnügen ihnen zuzuhören und zuzusehen. Bissiger Witz geht fließend in berührende Momente über, Kränkungen und Verletzungen werden auch in Gesten und Blicken sichtbar und doch ist im warmherzigen Blick auch immer spürbar, wie sehr die gemeinsame 40-jährige Geschichte dieses Paar verbindet und dass es nur die kleinen Animositäten überwinden muss, um endlich wieder die schon ziemlich eingerostete alte Liebe zu neuem Leben zu erwecken.
Alte Liebe
Deutschland 2026
Regie: Andreas Dresen
mit: Dagmar Manzel, Joachim Król, Anna von Seld, Liane Düsterhöft, Dan Schnorrbusch, Emilia Budho
Länge: 111 min.
Läuft in den Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan.
Trailer zu "Alte Liebe"




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