Das unendliche Jetzt


Kaspar Kasics bietet in seinem hybriden Dokumentarfilm in Spielszenen Einblick in die Lebensperspektive von zwei Frauen und zwei Männern, die an Demenz erkrankt sind: Nicht nur ein Film über die schwindende Erinnerung, sondern vor allem eine Feier des neu entdeckten Lebens im Augenblick und ein Plädoyer für eine Wahrnehmung der Betroffenen auf Augenhöhe und nicht als bemitleidenswerte Opfer.
Über Demenz gibt es inzwischen zahlreiche Filme. Der Bogen spannt sich von Spielfilmen wie Sarah Polleys "An ihrer Seite" (2006), Til Schweigers "Honig im Kopf" (2014) und Florian Zellers "The Father" (2020) bis zu Dokumentarfilmen wie David Sievekings "Vergiss mein nicht" (2012) und Maite Alberdis "Die unendliche Erinnerung" (2023). Im Zentrum stehen dabei meist die bedrückende Schilderung des Gedächtnisverlusts und die Schwierigkeit der Angehörigen damit umzugehen.
Kaspar Kasics wählt in seinem hybriden Dokumentarfilm "Das unendliche Jetzt" einen ganz anderen und ungewöhnlichen Zugang. Vier real an Demenz erkrankte Menschen stehen zwar im Zentrum, werden aber nicht in ihrem Alltag begleitet, sondern bieten in Spielszenen Einblick in ihre Lebenswahrnehmung. Die Inszenierung wird dabei von Anfang an mit dem Aufbau einer Theaterbühne in einer leeren Fabrikhalle bewusst gemacht und auch später kommen in den mit Klaviermusik unterlegten Pausen zwischen den Szenen mehrfach der Kameramann, der Beleuchter, der Requisiteur oder die Visagistin ins Bild und stellen die Bühne um oder schminken die Akteur:innen.
Real sind aber nicht nur die Protagonist:innen, sondern auch die Szenen, die nach der Methode von Franz Dängelis Improvisationstheater Act-Back im Moment des Drehens entstanden. In diesen Spielszenen erinnern sich die Erkrankten nicht nur an den Schock über die Diagnose, sondern auch an die Abschiebung in ein Heim, an die Unfähigkeit der Umwelt, mit ihnen weiterhin auf Augenhöhe umzugehen, oder an Suizidgedanken, sondern bieten auch Einblick in ihre gegenwärtige Lebenssicht.
Ausgehend von jeweils passenden Requisiten, die Erinnerungen und Erzählungen auslösen, vom Backgammon-Spiel und einer Musik-Box für den professionellen Spieler und Backgammon-Weltmeister Martin Bigler über eine Anprobe edler Kleider für die weltgewandte, französischstämmige Christiane Meier und die Lektüre von Thomas Bernhard und Ödön von Horvath beim ehemaligen Deutschlehrer Christian Sonderegger bis zu einer Küchenszene mit der früheren Stadtangestellten Tatjana Bollhalder, die eine berufliche Zurückversetzung in eine schwere Krise stürzte, verleiht Kasics seinen Protagonist:innen Profil. Dazu kommen feinfühlig eingefügte Fotos aus früheren Tagen, die nicht nur Einblick in die Biographien bieten, sondern auch bewegend das unausweichliche Vergehen der Jugend und Altern bewusst machen.
Nie verlässt der Film die Theaterbühne, Kommentare von Expert:innen werden ausgespart und mit Klara Rensing und Juri Elmer treten einzig zwei Schauspieler:innen zu den Betroffenen. Diese schlüpfen in die Rolle eines Barkeepers und einer Tochter, die im Gegensatz zu ihrer Mutter beziehungsweise ihrem Vater nicht in der Lage ist mit der Situation umzugehen und zu akzeptieren, dass Mutter / Vater trotz ihrer Krankheit das Leben so lange wie möglich weiterführen möchten wie bisher.
Kasics ist nicht nur ganz auf Augenhöhe mit den Erkrankten, sondern vermittelt auch, ohne den Schrecken von Demenz zu beschönigen, berührend die Freiheit, die dieses Leben im absoluten Jetzt und durch das Wegfallen aller Rollenvorgaben ermöglicht. Trotz des bedrückenden Themas ist "Das unendliche Jetzt" so kein deprimierender Film, sondern vielmehr einer, der zum Auskosten des Augenblicks auffordert und vor allem dafür plädiert, Menschen mit Demenzerkrankung nicht ständig zu bedauern, sondern sie und ihre Wünsche ernst zu nehmen und ihr aufgrund der Erkrankung immer wieder eigenwilliges Verhalten als selbstverständlich zu akzeptieren.
Das unendliche Jetzt
Schweiz 2026
Regie: Kaspar Kasics
mit: Martin Bigler, Christiane Meier, Christian Sonderegger, Tatjana Bollhalder, Klara Rensing, Juri Elmer
Länge: 98 min.
Läuft derzeit im Skino Schaan und ab 1.10. in weiteren Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen (ausverkaufte Premiere mit Regisseur Kaspar Kasics und Protagonistin Tatjana Bollhalder am 30.9., 20 Uhr).
Trailer zu "Das unendliche Jetzt"




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