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Le città di pianura – The Last One for the Road

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 5 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit
"Le città di pianura": Lakonisches Road- und buddy-Movie in der Tradition der frühen Filme von Jim Jarmusch und Aki Kaurismäki
"Le città di pianura": Lakonisches Road- und buddy-Movie in der Tradition der frühen Filme von Jim Jarmusch und Aki Kaurismäki

Ein letzter Absacker geht immer noch: Zwei ziellose Endfünfziger nehmen einen jungen Studenten mit auf eine ziemlich besoffene Tour durchs ländliche Venetien: Ein lakonisches Road- und Buddy-Movie in der Tradition der frühen Filme von Jim Jarmusch und Aki Kaurismäki, das melancholisch und bittersüß vom Leben und der Tristesse des von Betonbauten verschandelten Norditalien erzählt.


Francesco Sossais "Le città di pianura – The Last One for the Road" war der große Gewinner bei der heurigen Verleihung der italienischen Filmpreise. Nicht nur als bester Film und für den besten Regisseur wurde dieses Road- und Buddy-Movie ausgezeichnet, sondern gewann in insgesamt acht Kategorien den David di Donatello-Preis.


Dabei hat Sossais nach "Altri cannibali" (2021) zweiter langer Spielfilm äußerlich geradezu aufreizend wenig zu bieten, entwickelt aber gerade durch den Verzicht auf ein durchgetaktetes Drehbuch und Dramatisierung seinen Charme.


Im Mittelpunkt stehen die beiden ziel- und mittellosen Endfünfziger Carlobianchi (Sergio Romano) und Doriano (Pierpaolo Capovilla), die mit ihrem schon in die Jahre gekommenen Jaguar immer auf der Suche nach einem letzten Drink durch die Nacht fahren und am nächsten Morgen ihren alten Freund Genio am Flughafen von Venedig abholen sollen.


Bei ihrer Zechtour geraten sie in einen Junggesellinnenabend ebenso wie in ein Student:innenfest, bei dem sie auf den schüchternen Giulio (Filippo Scotti) treffen, der nach Hause will, um sich auf eine Prüfung vorzubereiten. Doch dem Zugriff der beiden hartnäckigen Freunde entkommt der junge Architekturstudent nicht. Sie nehmen ihn mit auf ihre Tour durch die Nacht und den nächsten Tag, erzählen ihm wahre oder auch erfundene Geschichten aus ihrem Leben und versuchen ihn die Leichtigkeit und Entspanntheit des ziellosen Lebens zu lehren.


So befreit und betrunken Carlobianchi und Doriano durchs Leben mäandern, so ungezwungen erzählt Sossai auch. Ansatzlos fügt er Erzählungen oder Erinnerungen ein, lässt das Duo bald die Polizei, die eine Kontrolle durchführen will, abhängen, nach einem Restaurant suchen, in dem sie einst die besten Schnecken genossen, oder sich gegenüber dem adeligen Besitzer eines renovierungsbedürftigen Landschlosses als Architekten ausgeben.


Ganz eigenen Reiz entwickelt "Le città di pianura" dabei auch durch den Dreh auf analogem Super 16mm Film. Mit den verwaschenen Farben und der leichten Körnung sind die Bilder ungleich haptischer als gestochen scharfe Digitalbilder. Gleichzeitig passt diese Ästhetik ebenso wie die alkoholgeschwängerten, sich an der amerikanischen Folk-Musik orientierenden Songs des aus Treviso stammenden Singer-Songwriters Krano auch bestens zu den wenig glamourösen und sehr alltäglichen Protagonisten.


Gleichzeitig verstärken diese melancholischen Songs auch die Tristesse des ländlichen Venetiens mit seinen weiten Ebenen und seinen hässlichen Betonbauten. Unaufdringlich erzählt Sossai so auch von der Zerstörung der Landschaft, wenn die beiden Freunde auf ihrem Trip einen Deutschen treffen, der vor dem Bau der (fiktiven) Autobahn Lissabon – Treviso – Budapest nochmals Italien sehen will, und wenn das historische Landschloss vor diesem Straßenbauprojekt gerettet werden soll.


Mit dem Architekturstudenten Giulio führt die Reise aber auch zu dem vom Architekten Carlo Scarpa entworfenen Brion-Grabmal, das als Meisterwerk postmoderner Architektur gilt. Eine melancholische Erkundung Venetiens geht so in diesem lakonischen Buddy-Movie Hand in Hand mit einem Porträt der beiden Protagonisten und einer Entwicklung Giulios vom schüchternen Studenten zu einem jungen Mann, der vielleicht doch lernt, das Leben einerseits etwas lockerer anzugehen, andererseits auch selbst Initiative zu ergreifen.


Mit einer kriminellen Geschichte um Carlobianchis und Dorianos Kumpel Genio spielt Sossai aber auch mit Motiven des US-Gangsterfilms und erinnert damit gleichzeitig an die schwere Erschütterung Italiens durch die Finanzkrise von 2008. Doch nie wirkt dieses Roadmovie überladen, sondern bewahrt immer seine Leichtigkeit. Wenn hier keine große Geschichte entwickelt wird, sondern Details und kleine Begegnungen im Zentrum stehen, dann erteilt damit der 37-jährige Regisseur auch jedem Karrieredenken eine Absage und feiert das Glück des Augenblicks – und des immer wieder und nie wirklich letzten und freilich immer alkoholischen - Getränks.


Mögen Carlobianchi und Doriano in ihrer Ziellosigkeit dabei auch an die Protagonisten von Federico Fellins "Vitelloni" ("Die Müßiggänger", 1953) erinnern und Sossai auch mit einer Hubschrauberszene Fellinis "La dolce vita" (1960) seine Reverenz erweisen, so steht "Le città di pianura" insgesamt doch vor allem in der Tradition der frühen Filmen Jim Jarmuschs und Aki Kaurismäkis. Nicht nur die Protagonisten und der melancholische Blick auf eine triste Welt verbindet diese Reise durch Norditalien mit den Filmen der US-Indie-Ikone und des Finnen, sondern auch die Arbeit mit der Musik und die auf klassische Plotpoints verzichtende, undramatische Erzählweise, durch die dieses Roadmovie seine bezaubernde und befreiende Kraft entwickelt.



Le città di pianura

Italien / Deutschland 2025

Regie: Francesco Sossai

mit: Sergio Romano, Filippo Scotti, Pierpaolo Capovilla, Andrea Pennacchi, Roberto Citran

Länge: 100 min.



Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen.



Trailer zu "Le città di pianura – The Last One for the Road"



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