Rose
- Walter Gasperi

- vor 1 Tag
- 3 Min. Lesezeit

Eine Frau, die im Dreißigjährigen Krieg als Soldat gedient hat, versucht in einem protestantischen Dorf als Mann ihren Traum von Freiheit zu verwirklichen: Ein in starken Schwarzweißbildern, in genau kontrolliertem Rhythmus zurückhaltend inszenierter und von den phänomenalen Hauptdarstellerinnnen Sandra Hüller und Caro Braun getragenes Historiendrama über Sehnsucht nach Selbstbestimmung in einer religiös bestimmten, patriarchalen Gesellschaft.
Auf die Vornamen der Protagonist:innen beschränken sich die Titel der bisherigen drei Filme von Markus Schleinzer. Auf das beklemmende Porträt eines pädophilen Kindesentführers in "Michael" (2011) folgte mit "Angelo" (2018) ein stilisiertes Drama über den im 17. Jahrhundert nach Wien verschleppten Afrikaner Angelo Soliman.
Auch in "Rose" versetzt Schleinzer in dieses Jahrhundert, doch nicht an den Wiener Hof, sondern in ein protestantisches Dorf in Deutschland entführt das Historiendrama. Gemeinsam ist den drei Filmen auch die Fokussierung auf eine am Rand der Gesellschaft stehende Figur. Doch an die Stelle des nüchternen und klinisch kalten Blicks in "Michael" und der strengen Stilisierung in "Angelo" tritt hier eine von Empathie für die Protagonistin durchzogene, realistische und fließende, aber trotzdem zurückhaltende und aufs Wesentliche konzentrierte Erzählweise.
Nichts wird aufgebauscht, sondern in großartigen Schwarzweißbildern von Kameramann Gerald Kerkletz erzählt Schleinzer in langen statischen und oft distanzierten Einstellungen, dennoch entwickelt sein Film bewegende Kraft. Der genau kontrollierte Erzählrhythmus wird dabei durch eine allwissende Off-Erzählerin unterstützt. Sie sorgt nicht nur für Distanz, sondern nimmt teilweise in ihrer altertümlichen Sprache auch Ereignisse vorweg.
Mit der Totalen eines verwüsteten und noch qualmenden Feldes sowie dem Blick auf menschliche Skelette evoziert der Film knapp die Schrecken des Dreißigjährigen Kriegs, in dem die fiktive Protagonistin, die Schleinzer und sein Drehbuchautor Alexander Brom aus zahlreichen dokumentierten Berichten entwickelt haben, als Soldat gedient hat.
Die vernarbte rechte Wange, die ein Schuss durchbohrt hat, erinnern an ihre Kriegserfahrungen und immer wieder kaut sie auf der für die Entstellung verantwortlichen Kugel, die sie an einer Schnur um den Hals trägt. Wie in vielen Western ein geheimnisvoller Fremder in eine Stadt kommt, kommt hier Rose (Sandra Hüller), die sich als Mann ausgibt, aus dem Krieg in ein Dorf, in dem sie mit einem Dokument ihren Anspruch auf einen verfallenen Hof durchsetzt.
Trotz anfänglichem Misstrauen findet sie, die lange keinen Namen erhält, sondern immer nur als "der Herr" angesprochen wird, sich langsam in der Gemeinschaft ein. Sie erwirbt sich Ansehen, indem sie den Hof wieder aufbaut, die Felder bewirtschaftet, einen Bären tötet und nicht nur den Pfarrer, sondern auch andere Bewohner:innen Lesen und Schreiben lehrt. Doch als sie ein benachbarter Großbauer drängt, eine von dessen Töchtern zu heiraten, droht ihre wahre Identität aufzufliegen.
Unterstützt von einer großartigen Sandra Hüller in einer Titelrolle, die beispielsweise in einem furiosen Monolog die Dorfbewohner:innen herausfordert, als diese ihr Geschlecht prüfen wollen, entwickelt Schleinzer ein ruhiges, aber sehr präzises historisches Drama. Viel Zeit lässt er sich für die Schilderung der harten bäuerlichen Arbeit, deckt aber vor allem erschütternd die Unterdrückung der Frau in der von der Religion geprägten Gesellschaft auf und vermittelt bewegend den Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung.
Nie habe sie ein Mann sein wollen, aber weil in der Hose mehr Freiheit stecke, habe sie sich als Mann verkleidet, erklärt Rose später und kurz verwirklicht sich diese Sehnsucht auch durch die Solidarität von Roses Ehefrau Susanna (Caro Braun). Die Utopie einer vom Zugriff der Männer befreiten Gesellschaft leuchtet in ihrer Zweckgemeinschaft auf und beeindruckend spielt Caro Braun diese Susanna, die sich von der schüchternen Bauerntochter zur selbstbewussten Frau entwickelt, die während einer Erkrankung Roses das Kommando auf dem Hof übernimmt.
Abrupt beendet und scharf kontrastiert wird das kurze Glück aber durch die bald folgende drastische gesellschaftliche Repression. Obwohl Rose nämlich viel für die Gemeinschaft geleistet hat, wollen die Männergesellschaft, aber auch die darin fest verankerten Frauen die Täuschung nicht akzeptieren und drastisch sanktionieren.
War Rose bislang die treibende Kraft und handelnde Person des Films, so übernehmen nun die Männer das Kommando und wollen sie zum abhängigen Objekt machen. Dennoch lassen auch die letzten Szenen, die in der formalen Strenge an Carl Theodor Dreyers "La passion de Jeanne d´Arc" erinnern, Rose in ihrer Unbeirrbarkeit trotz ihres Schicksals nie zum hilflosen Opfer werden, sondern ihre innere Unabhängigkeit und Selbstbestimmung bewahren.
So erinnert Schleinzers Film zwar einerseits erschütternd an die jahrhundertelange Unterdrückung der Frau in patriarchal-christlichen Europa, gleichzeitig wird "Rose" in der hochkonzentrierten und bestechend konsequenten Inszenierung aber auch zum zeitlosen und universellen Plädoyer gegen Unterdrückung und für Freiheit und Toleranz.
Rose
Österreich / Deutschland 2026
Regie: Markus Schleinzer
mit: Sandra Hüller, Caro Braun, Marisa Growaldt, Godehard Giese, Augustino Renken
Länge: 93 min.
Läuft derzeit im Cinema Dornbirn und vom 1. bis 3. Mai im Kino GUK in Feldkirch. - Ab 30. April in den deutschen und ab 7. Mai in den Schweizer Kinos
Trailer zu "Rose"




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