Love on Trial
- Walter Gasperi

- vor 1 Stunde
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Die Mitglieder einer japanischen Girl-Pop-Band träumen von Erfolg und Karriere, müssen dafür aber einen Vertrag in Kauf nehmen, der ihre persönlichen Freiheiten drastisch einschränkt. - Kôji Fukada deckt präzise und vielschichtig die Mechanismen in der japanischen Pop-Industrie auf und stellt der Reglementierung und Einengung ein Plädoyer für die Freiheit und Selbstbestimmung des Individuums gegenüber.
Rote, grüne, gelbe und blaue Leuchtstäbe werden vom Publikum geschwungen, wenn die Girl-Pop-Band Happy Fanfare auftritt. Gerade beenden die fünf jungen Frauen ihre Tournee anlässlich ihres vierjährigen Bestehens und der nächste Karrieresprung steht mit der Einladung als Hauptact bei einem größeren Festival vor der Tür.
Harte Arbeit ist dafür nötig. Choreografien müssen einstudiert, Tanzschritte geprobt werden und die Position der einzelnen Sänger:innen auf der Bühne wird je nach aktueller Beliebtheit auf den Social-Media-Accounts vom Management verändert. Nicht nur mit ihrem Gesang, sondern mehr noch mit ihren knappen Kostümen sollen sie die vorwiegend männlichen Fans mitreißen, an sich binden und damit zum Kauf von CDs und Merchandise-Artikeln animieren.
Dem freizügigen Auftritt auf der Bühne und ihren Songs über Liebe steht die drastische Einschränkung ihres Privatlebens durch den Vertag mit dem Management gegenüber. Liebesbeziehungen oder sogar sexuelle Kontakte sind strikt untersagt, da dadurch ihr Status als von ihren Fans angehimmelte, unschuldige und für alle gleichermaßen verfügbare Idole stark beeinträchtigt würde. Die Fan-Kultur ist aber wesentlicher Bestandteil dieses Geschäfts.
So müssen die Sänger:innen auch mit Social-Media-Posts das Interesse ihrer Follower hochhalten oder sie mit genau durchgetakteten Autogrammstunden erfreuen. Als aber Fotos von Nanaka (Yuuna Nakamura) mit ihrem Freund auftauchen, setzt sofort ein Shitstorm ein und das Karriereaus droht. Dies kann Nanaka nur dadurch verhindern, dass sie sich in einem Video für ihr Verhalten entschuldigt, jeden Kontakt zu ihrem Freund abbricht und ihn auch aus ihrem Social-Media Account löscht.
Zum Gegenpol zu dieser radikalen Unterordnung unter die Vorgaben des Managements entwickelt sich langsam Mai (Kyoko Saito), als sie ihrem ehemaligen Mitschüler Kei (Yuki Kura) wiederbegegnet. Dieser ist nach mehreren Jahren in England in seine Heimat zurückgekehrt und arbeitet nun als Straßenkünstler, der mit Pantomime und Jonglage sein Publikum begeistert.
Mit Kei baut Kôji Fukada, der sich von einem wahren Vorfall zu seinem zehnten Spielfilm inspirieren ließ, aber auch einen Gegenpol zur Popindustrie auf. Den dortigen einengenden Verträgen steht seine Unabhängigkeit ebenso gegenüber wie den synthetischen Songs die Poesie seiner Darbietungen, andererseits aber auch der Massenbegeisterung für die Girl-Band seine sehr überschaubare Zuschauerzahl und dem Ruhm und Luxus sein bescheidenes Leben in einem Van als Wohnstätte.
Als Mai sich von der Band löst und zu Kei zieht, reagiert das Management mit einem Prozess, der ziemlich genau die zweite Hälfte des zweistündigen Films einnimmt. Die Klage auf Schadenersatz wegen Vertragsbruch nimmt dabei nicht nur überraschende Wendungen, sondern die bunte Pop-Welt und die kreischenden Fans werden so auch durch den nüchternen Gerichtssaal abgelöst.
Nach dem feinfühligen Familien- und Beziehungsdrama "Love Life" legt Fukada mit "Love on Trial" ein visuell elegantes und geschickt mit starken Gegensätzen arbeitendes Drama vor, in dem er differenziert Missstände der Pop-Industrie und Schattenseiten sowohl des Traums von Berühmtheit und Karriere als auch der Fan-Kultur mit seiner obsessiven Begeisterung für Idole aufdeckt.
Durchgängig stellt er dabei der Einengung der jungen Sänger:innen durch die Verträge des Managements, für die er in einem Zoobesuch ein markantes Bild findet, ein Plädoyer für die Freiheit des Individuums gegenüber. Markant wird so auch Nanakas bedingungslose Unterordnung unter das System, die zwar einen Aufstieg zum Star ermöglicht, aber jede Individualität und Identität zerstört, von der Selbstermächtigung Mais kontrastiert, die mit Kyoko Saito von einem einstigen Popstar gespielt wird.
Sichtbar werden aber auch die patriarchalen japanischen Strukturen, wenn nicht nur im Management, sondern auch im Gerichtssaal Männer über Frauen entscheiden und die Inszenierung von Frauen als sexuelle Objekte entweder aus Geschäftsgründen betreiben oder als selbstverständlich hinnehmen. Auch hier lehnt sich Mai im Finale mit einer überraschenden Entscheidung gegen diese Rollenverteilung auf.
Love on Trial
Japan 2025
Regie: Kôji Fukada
mit: Kyoko Saito, Yuki Kura, Erika Karata, Kenjiro Tsuda, Atsushi Hashimoto, Yuna Nakamura
Länge: 124 min.
Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Skino Schaan und im Kinok St. Gallen.
Trailer zu "Love on Trial"




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