Hamnet
- Walter Gasperi

- vor 8 Minuten
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Was inspirierte William Shakespeare zu "Hamlet"? – Chloé Zhao verknüpft in einer Mischung von historischen Fakten und Fiktion die Liebesgeschichte Shakespeares mit Agnes Hathaway und den frühen Tod des Sohnes Hamnet mit der Entstehung der berühmten Tragödie: Ein für acht Oscar nominiertes, herausragend gespieltes und perfekt inszeniertes, bildmächtiges historisches Drama.
Ein beliebtes Filmthema ist es über die Hintergründe der Entstehung von Kunstwerken zu spekulieren. Peter Webber erzählte beispielsweise in "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" (2003) nach dem gleichnamigen Roman von Tracy Chevalier eine Geschichte zur Entstehung von Jan Vermeers gleichnamigem Gemälde und in John Maddens Oscar-Sieger "Shakespeare in Love" (1998) dient eine fiktive Liebesgeschichte des britischen Dichters, Schauspielers und Theaterunternehmers als Inspiration für "Romeo und Julia".
Die in den USA lebende Chinesin Chloé Zhao wurde bisher mit ihren quasidokumentarischen Spielfilmen "Songs My Brothers Taught Me" (2015), "The Rider" und dem vielfach ausgezeichneten "Nomadland" (2020), in denen sie ein ungeschminkt realistisches Bild des Lebens an den Rändern der heutigen US-Gesellschaft zeichnete, bekannt. Nicht übersehen solle man aber, dass sie seither mit "Eternals" (2021) auch einen Superheldenfilm gedreht hat.
Erstmals hat Zhao nun aber mit der Verfilmung des 2020 erschienenen Romans "Hamnet" der irisch-britischen Autorin Maggie O´Farrell einerseits einen historischen Stoff und andererseits eine fremde Vorlage, nach der sie gemeinsam mit O´Farrell das Drehbuch schrieb, adaptiert.
Schon die erste Einstellung nimmt gefangen, wenn die Kamera von Łukasz Żal in Vogelperspektive erfasst, wie die junge Agnes (Jessie Buckley) in einem rostroten Kleid zusammengerollt wie ein Fötus im tiefgrünen Wald liegt. Schon dieser Auftakt stimmt auf einen Film ein, in dem jedes Einstellung sorgfältig kadriert, jede Perspektive genau gewählt ist und den Figuren in langen Einstellungen viel Raum gegeben wird.
Gleichzeitig macht Zhao mit diesem Auftakt auch schon klar, dass in dem etwa zwischen 1580 und 1596 spielenden Film nicht der berühmte Dichter, sondern seine Frau im Mittelpunkt stehen wird. Als Freigeist wird sie gezeichnet, die sich nicht an die gesellschaftlichen Regeln anpasst, sondern ihren Weg geht. Auch ihre Arbeit als Heilerin mit Kräutern und ihre seherische Gabe machen sie zu einer Außenseiterin.
Nicht nur William Shakespeare (Paul Mescal), der im Dorf als Lateinlehrer arbeitet, ist von dieser Frau auf Anhieb fasziniert, sondern auch sie von seiner Bildung, wenn er ihr die bewegende Geschichte von "Orpheus und Eurydike" erzählt. Gegen den Willen der Eltern setzen sie ihre Hochzeit durch und bald wird eine Tochter und wenige Jahre später die Zwillinge Judith und Hamnet – der Name galt im 16. Und 17. Jahrhundert als austauschbar mit Hamlet - geboren.
Weil Agnes spürt, dass ihr intellektueller Mann in Stratford-upon-Avon verkümmert, schickt sie ihn nach London, wo er als Schriftsteller rasch berühmt wird, doch bald gefährdet eine Pestepidemie das familiäre Glück.
Abgesehen von einigen Visionen von Agnes erzählt Zhao geradlinig. Sie folgt auch nicht Shakespeare nach London, sondern bleibt weitgehend bei Agnes und ihren Kindern. Mit der perfekten Ausstattung von Fiona Crombie und der Kameraarbeit von Łukasz Żal evoziert sie dicht die Stimmung des späten 16. Jahrhunderts. Wie Gemälde wirken die vielen nur von Kerzenlicht erhellten Bilder und Żal lässt ihnen auch Zeit ihre Wirkung zu entfalten.
Da gibt es keinen hektischen Schnitt, sondern gerade mit seiner langsamen Erzählweise baut "Hamnet" Emotionen auf und zieht die Zuschauer:innen immer tiefer ins Geschehen hinein. Gleichzeitig erzeugt ein wiederholter Blick aus erhöhter Perspektive aber auch immer wieder ein Gefühl der Ausgeliefertheit an eine höhere Macht.
Großartig wird die Intensität gesteigert durch die Musik von Max Richter, die eher zurückhaltend eingesetzt wird, bald leise Töne anschlägt, dann lauter wirkt und im Finale mitreißend die Befreiung vermittelt. Denn vom Liebesglück führt dieser Historienfilm über tiefste Trauer und ein Trauma, in dem sich Agnes und ihr Mann nach dem Tod ihres Sohnes zu verlieren.
Auch die Ehe scheint zu zerbrechen, gibt Agnes doch ihrem oft abwesenden Mann doch auch eine Mitschuld am Tod von Hamnet. Endgültig getrennt scheinen ihre Wege zu verlaufen, wenn sie in Stratford-upon-Avon verbittert und verzweifelt, während er - im Film weitgehend unsichtbar - in London arbeitet.
Literarisches Werk und Leben lassen Zhao und Farrell dabei nicht nur ineinanderfließen, wenn schon in einer spielerischen Szene der Kinder die Hexen von "Macbeth" vorweggenommen werden, sondern auch, wenn der berühmte "Hamlet"-Monolog "Sein oder Nichtsein" hier aus Suizidgedanken Shakespeares entsteht.
Erst die Premiere von "Hamlet" führt auch Agnes nach London. Meisterhaft entwickelt Zhao dieses Finale zum großen emotionalen Höhepunkt, wenn sie erkennt, dass ihr Mann in dieser Tragödie das Schicksal ihres Sohnes und seinen Schmerz verarbeitete und beide über die Kunst Erlösung finden.
Getragen wird der auf allen Ebenen perfekt inszenierte Film von seinen beiden großartigen Hauptdarsteller:innen. Intensiv macht Paul Mescal die Zerrissenheit Shakespeares zwischen der Liebe zu seiner Familie und dem Wunsch in London zu arbeiten erfahrbar, aber das Zentrum des Films ist eindeutig Jessie Buckleys Agnes. Sie lässt spüren, welche Kraft es für sie in dieser Gesellschaft braucht, ihren eigenen Weg zu gehen und sich immer wieder von ihrer Ziehmutter zu distanzieren, vor allem ab, wie sehr sie ihre Kinder liebt.
Intensiv vermittelt sie den verzweifelten Kampf ums Leben ihrer Zwillinge ebenso wie die grenzenlose Trauer über ihre Ohnmacht und den Verlust und ihre Wut auf ihren Mann, bis sie bei der Premiere von "Hamlet" erkennt, wie sehr auch er trauert und seinen Schmerz im Stück verarbeitet hat. Buckley spielt sich förmlich die Seele aus dem Leib und alles andere als nach dem Golden Globe auch der Oscar für diese herausragende Leistung wäre eine Überraschung.
Hamnet Großbritannien / USA 2025 Regie: Chloé Zhao mit: Paul Mescal, Jessie Buckley, Emily Watson, Joe Alwyn, Zac Wishart, James Lintern, Justine Mitchell, Eva Wishart, Effie Linnen, David Wilmot Länge: 125 min.
Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn, Skino Schaan, Kino GUK in Feldkirch und ab Februar im Kinok St. Gallen.
Trailer zu "Hamnet"




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