The Bride! – Es lebe die Braut
- Walter Gasperi

- vor 1 Tag
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Maggie Gyllenhaal lässt eine von einer Wissenschaftlerin zum Leben erweckte Tote im Chicago der 1930er Jahre gegen eine übergriffige Männerwelt aufbegehren: Kein Horrorfilm, sondern ein bildmächtiger, punkiger Ritt, der sich an "Joker" ebenso wie an "Bonnie und Clyde" orientiert, gleichzeitig aber auch von feministischer Wut durchzogen ist und von einer phänomenalen Jessie Buckley in der Hauptrolle getragen wird.
Bei Mary Shelleys klassischem Roman "Frankenstein" setzt Maggie Gyllenhaal in ihrer zweiten Regiearbeit zwar an, entwickelt aber im Gegensatz zu Guillermo del Toro in seinem visuell grandiosen "Frankenstein" ihre ganz eigene Version der Geschichte. In Schwarzweiß lässt die 49-jährige Amerikanerin die 1851 verstorbene englische Autorin in Großaufnahme aus dem Jenseits über eine von Männern dominierte Welt klagen, in der sie als Frau nichts zu sagen hatte, und bedauern, dass ihr keine Zeit für eine Fortsetzung ihres berühmtesten Romans blieb.
Während in James Whales Klassiker "Frankensteins Braut" (1935) Shelley im Gespräch am Kaminfeuer eine Fortsetzung erzählt, fabuliert sie diese bei Gyllenhaal aus dem Jenseits. Doch während bei Whale auch im Sequel die von Boris Karloff gespielte Schöpfung im Zentrum steht und die Braut erst am Ende geschaffen wird, steht sie bei Gyllenhaal im Zentrum.
Aus dem Jenseits schlüpft nämlich Shelleys Geist im Chicago der 1930er Jahre in den Körper eines Escort-Girls (Jessie Buckley) und furios vermittelt Jessie Buckley die Besessenheit, die die junge Frau in einer Kneipe befällt. Dass diese Ida heißt und über den Mafia-Boss Lupino herzieht, ist dabei unübersehbar eine Reverenz an Ida Lupino, die zwar als Schauspielerin an der Seite Humphrey Bogarts berühmt wurde, sich aber zudem als eine der ganz wenigen Frauen im Hollywood der 1950er Jahre auch als Regisseurin durchsetzen konnte.
Doch Ida stirbt bald durch einen Treppensturz. Gleichzeitig streift aber der von Frankenstein vor über 100 Jahren erschaffene Frank (Christian Bale) durch Chicago. Die Sehnsucht nach einer Partnerin lässt ihn die umstrittene Autorin und Wissenschaftlerin Euphronius (Annette Benning) aufsuchen, die schon Tiere wiederbelebt hat und ihm nun eine Gefährtin verschaffen soll. Nach anfänglichem Zögern gibt sie schließlich dem Drängen Franks nach: Gemeinsam graben sie die Leiche Idas aus und Euphronius (Annette Benning) erweckt die Frau wieder zum Leben.
Als Frank und die noch namen- und erinnerungslose Frau ins Nachtleben von Chicago eintauchen, kommt es aber zu einem sexuellen Übergriff, gegen den Frank mit brutaler Gewalt einschreitet. Das Duo wird nun gejagt und flieht von Chicago über New York ins ländliche Amerika, gleichzeitig entflammt "Die Braut" mit ihrem entschiedenen Widerstand gegen männliche Übergriffe im ganzen Land eine feministische Protestbewegung, die mit ihren anachronistischen "MeToo"-Rufen von der Gegenwart inspiriert ist.
Mit detailreicher Ausstattung beschwört Gyllenhaal dicht die Atmosphäre des Chicagos der 1930er Jahre. Treibende Kraft und große Intensität entwickelt "The Bride!" nicht nur in der Kneipenszene am Beginn, sondern auch in der fulminanten Nachtclubszene, in der die Braut von allen Zwängen befreit tanzt. Zu verdanken ist dies neben der nie biederen, sondern leidenschaftlichen Inszenierung vor allem der elektrisierenden Performance von Jessie Buckley, die diese lebende Tote, die auch immer wieder in touretteartigen Sprechdurchfall verfällt, mit vollem Körpereinsatz spielt.
Auch Frank wird hier aber nicht als Monster gezeichnet, sondern – ähnlich wie David Lynchs "Der Elefantenmensch" – als feinfühliger und einsamer Mensch, der sich nach Gesellschaft sehnt. Wenn er für die Musicals mit dem fiktiven Ronnie Reed schwärmt, erweist Gyllenhaal auch dem Kino der 1930er Jahre und den Musicals mit Fred Astaire und Ginger Rogers ihre Reverenz.
Während "The Bride!" am Beginn mit dem punkigen Auftreten der Braut, ihrer Schminke und ihrer Kleidung an Todd Phillipps "Joker" erinnert, an dem mit Lawrence Sher der gleiche Kameramann und mit Hildur Guðnadóttir die gleiche Komponistin mitarbeiteten, orientiert sich die zweite Hälfte mit der Flucht durch die USA bis hin zum Ende unübersehbar an Arthur Penns Klassiker "Bonnie and Clyde" (1967). Im Zentrum steht dabei aber immer die feministische Stoßrichtung. Da behauptet die Hauptfigur nicht nur ihre Unabhängigkeit, indem sie eben nur "Die Braut", aber nie "Frankensteins Braut" ist, sondern Frank und sie reagieren auch immer wieder drastisch auf Übergriffe durch Männer.
Sichtbar werden die patriarchalen Strukturen aber auch beim Detective (Peter Sarsgaard) und seiner Kollegin Myrna (Pénelope Cruz), die das Duo verfolgen. Immer wird hier von den anderen Polizisten von vornherein angenommen, dass der Detective der Chef ist, seine Partnerin wird dagegen kaum wahrgenommen. Auch hier lässt Gyllenhaal aber Myrna sich aus dieser Abhängigkeit emanzipieren.
Frauen geben so von der Wissenschaftlerin Euphronius über die Braut bis zu Myrna nicht nur den Ton an, sondern sie erweisen sich auch als moralisch integer, während die Männer vorwiegend als korrupt oder schießwütig gezeichnet werden.
Polarisieren wird dieser wilde Mix aus Liebesgeschichte und Gangsterfilm, der auch vor brutaler Gewaltdarstellung nicht zurückschreckt und mit Plakaten an die Bauhaus-Bewegung und den Dadaismus ebenso erinnert wie mit Zitaten an Schriftsteller wie Herman Melville und Nathanael Hawthorne erinnert. Mag dabei aber auch nicht alles zusammenpassen, so ist Gyllenhaal doch ein ebenso ungewöhnlicher wie mutiger und dadurch aufregender Film gelungen.
The Bride – Es lebe die Braut!
USA 2026
Regie: Maggie Gyllenhaal
mit: Jessie Buckley, Christian Bale, Peter Sarsgaard, Annette Bening, Jake Gyllenhaal, Penélope Cruz
Länge: 127 min.
Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cineplexx Hohenems und Cineplexx Lauterach.
Trailer zu "The Bride! - Es lebe die Braut"




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