Jeunes mères – Junge Mütter
- Walter Gasperi

- vor 10 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Jean-Pierre und Luc Dardenne folgen fünf Teenagern, die mit ihren Babys in einem Heim für minderjährige Mütter leben, durch ihren Alltag: Quasidokumentarisches, schnörkelloses sozialrealistisches Kino, das ungeschönt und nüchtern, aber empathisch Einblick in schwierige Lebensverhältnisse bietet.
Ansatzlos setzt "Jeunes mères" mit einer Großaufnahme der jungen Jessica (Babette Verbeek) an einer Bushaltestelle ein. Während sie telefoniert, sucht sie offensichtlich eine Frau. In einer langen Einstellung folgt ihr die Kamera. Erst wenn sich der Blick etwas weitet, wird klar, dass der Teenager hochschwanger ist und langsam erfährt man auch, dass sie ihre Mutter sucht.
Von der ersten Einstellung an ist man mitten drin im neuen Film von Jean-Pierre und Luc Dardenne, der 2025 in Cannes mit dem Drehbuchpreis und dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet wurde. Obwohl die belgischen Brüder mit "Rosetta" (1999) und "L´enfant" (2005) schon zwei Goldene Palmen von Cannes gewonnen haben und zu den großen Meistern des sozialrealistischen Kinos gehören, ist es für sie offensichtlich immer noch schwierig ihre Filme zu finanzieren: Rund 15 Koproduzenten listen die Logos und die einleitenden Inserts auf.
Doch die Dardennes lassen sich davon nicht beeinflussen. Kompromisslos arbeiten sie weiter an ihrem ungeschminkt realistischen und ehrlichen Kino. Schon in "Rosetta" stand ein Teenager in prekären Lebensverhältnissen im Zentrum, in "L´enfant" verkauft ein jugendlicher Vater sein Baby an Kinderhändler und zu Tränen rühren konnte das Schicksal eines sozial vernachlässigten Jungen in "Le gamin au velo" (2011) oder zweier minderjähriger Flüchtlinge in "Tori et Lokita" (20232.
Der Fokussierung auf einzelnen Protagonist:innen in ihren bisherigen Filmen steht in "Jeunes mères" ein Ensemble von fünf Teenager-Müttern gegenüber. Fließend wechseln die Dardennes zwischen den in einem Heim für minderjährige Mütter wohnenden jungen Frauen und bieten bewegenden Einblick in ihre schwierigen Lebenssituationen.
Ungeschminkt dokumentarisch ist der Blick. Auf Filmmusik wird verzichtet und auch On-Screen Musik findet sich nur an wenigen Stellen in Form von Baby-Musikspieldosen. Erst ganz am Ende wird am Klavier ein heiteres Stück gespielt, das nach 105 dichten Minuten die Zuschauer:innen befreit aus dem Kino entlässt.
Aber auch auf schnelle Schnitte, die die Wahrnehmung und die Emotionen lenken und schüren, wird verzichtet. Vielmehr lassen die Dardennes in langen Einstellungen ihren fünf großartigen Hauptdarstellerinnen, die in einem langwierigen Casting aus 300 Bewerberinnen ausgewählt wurden, viel Raum. Auch Dialogszenen werden nicht im Schuss-Gegenschussverfahren aufgelöst, sondern in einer langen ruhigen halbnahen Einstellung gefilmt.
Ganz auf Augenhöhe mit diesen Teenagern ist das über 70-jährige Regieduo. Hautnah folgen sie ihnen mit der Kamera, nur ganz selten weitet sich der Blick durch eine Totale. Während die junge Naima (Samia Hilmi) bald wieder aus dem Film verschwindet, als sie eine Praktikumsstelle als Zugbegleiterin bekommt, werden in paralleler Erzählweise die Porträts von Jessica, Perla (Lucie Laruelle), Julie (Elsa Houben) und Ariane (Janaïna Halloy Fokan) sukzessive verdichtet.
Dem Versuch Jessicas eine Beziehung zu ihrer Mutter (India Hair) aufzubauen, die sie als Baby abgegeben hat, steht Arianes in prekären Verhältnissen lebende und alkoholsüchtige Mutter (Christelle Cornil) gegenüber, die auf keinen Fall will, dass ihre Tochter ihr Baby in eine Pflegefamilie gibt. Und während Perla damit fertig werden muss, dass ihr Freund Robin Schluss macht, planen Julie und Dylan, die schon einen Drogenentzug hinter sich haben, ihre Hochzeit.
Auf Erklärungen und Psychologisieren verzichten die Dardennes. Sie beschränken sich auf die aufs Wesentliche verknappte Schilderung. Nichts wird breit ausgewalzt, sondern durch eher beiläufige Bemerkungen und Szenen weiten sich die Porträts zu einem dichten Bild schwieriger Lebensbedingungen und prekärer sozialer Verhältnisse, die diese Teenager geprägt haben. Hart prallen dabei Glücksmomente und Tiefschläge aufeinander, aber auch Solidarität im Heim und gegenseitige Unterstützung wird sichtbar. Keine Schwarzweißmalerei gibt es hier, sondern auch die jungen Mütter werden ambivalent mit Licht- und Schattenseiten gezeichnet.
So nüchtern aber auch die Erzählweise ist, so mitfühlend ist doch der Blick der Regie-Brüder. Ein klassisches Happy-End kommt für sie freilich nicht in Frage, sondern offen lassen sie ihr meisterhaftes Sozialdrama enden, beschwören aber doch die Hoffnung, dass diese jungen Mütter einen Weg in die Zukunft finden und ihren Babys ein besseres Leben ermöglichen werden, als sie selbst es in ihrer Kindheit hatten. Jeunes mères – Junge Mütter Belgien / Frankreich 2025 Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne mit: Babette Verbeek, Elsa Houben, Janaïna Halloy Fokan, Lucie Laruelle, Samia Hilmi, Jef Jacobs, Christelle Cornil, India Hair Länge: 105 min.
Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan. - Ab 5.3. in den deutschen Kinos und ab 14.5. in den österreichischen Kinos.
Trailer zu "Jeunes mères - Junge Mütter"




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